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Wege der Jakobspilger in Deutschland – St.-Jakobus d.Ä. – Apostel und Maurentöter?

 

  • Einleitung
  • Mythos Jakobswege
  • St.-Jakobus d.Ä. – Apostel und Maurentöter?
  • Santiago de Compostela – warum wurde das Grab zum Hauptpilgerziel?
  • Mittelalterliche Pilger unterwegs!
  • Der "wahre Jakob"!
  • Heilige Jahre
  • Deutschland und seine Jakobswege
  • Stolzenfels im Jakobswege-Netz
  • Warum das 21. Jh. sich nicht so sehr vom hohen Mittelalter unterscheidet!

     

    Wer ist denn eigentlich dieser Jakobus? Und warum nennt man ihn "der Ältere"? Und wieso kann ein Apostel zum Maurentöter werden? Und wer sind überhaupt die Mauren? Fragen über Fragen, denen wir jetzt mal einer nach der anderen auf den Grund gehen wollen.

    Jakob war und ist ein sehr gebräuchlicher Name und geht zurück auf den Patriarchen Jakob. Der war der Sohn von Isaak und der Zwillingsbruder von Esau. Und weil er sich bei der Geburt angeblich an dessen Ferse festhielt, nannte ihn sein Vater Ja’aqob – Fersenhalter. So einfach ist das und Eltern wussten damals schon nicht, was sie ihren Kindern mit der Namensgebung so alles antun können.

    Jakob heisst auf Kölsch übrigens Köbes (ja, richtig, wie der Kellner in der urigen Kölsch-Kneipe) und auf spanisch Santiago (Heiliger Jakob) – aha, daher, aber das kommt eigentlich später.

    Jakobus gehört zu den ersten berufenen Jüngern, zu den 12 Aposteln. Im Neuen Testament, genau genommen im Matthäus-Evangelium heisst es dazu:

    "Als Jesus einmal am Ufer des Galiläischen Meeres entlangging, sah er zwei Fischer, die eben ihre Netze auswarfen. Sie waren Brüder und hiessen Petrus und Andreas. Auf, rief er sie an, mir nach! Ihr sollt Menschen fischen! Da liessen sie ihre Netze, wo sie lagen, und gingen ihm nach. An einer anderen Stelle sah er wieder zwei Brüder, Jakobus und Johannes, die mit ihrem Vater Zebedäus im Boot sassen und ihre Netze flickten, und rief auch sie an. Da standen die beiden augenblicklich auf, liessen das Boot und ihren Vater zurück und schlossen sich Jesus an." (Mt 4,18-22)

    Die erstberufenen Jünger nehmen im Neuen Testament eine besondere Rolle ein und Jesus lässt sie an bedeutenden Ereignissen in seinem Leben teilnehmen. Im Matthäus-Evangelium wird berichtet, wie Jesus Petrus, Johannes und Jakobus beseite nimmt und sie allein auf einen hohen Berg führt. Dort verklärte sich Jesus und es erschienen Mose und Elia, die mit Jesus redeten (Mt 17,1-3). Auch in den Garten Getsemani nahm Jesus wieder die drei Apostel Petrus, Johannes und Jakobus mit – die miterleben konnten, wie Jesus trauerte und sich ängstigte (Mt 26,36-38).

    Also hatte dieser Jakobus schon eine ganz besondere Stellung zu Jesus. Den Zusatz "der Ältere" oder "Maior" oder "der Grosse" gaben ihm spätere Generationen, um ihn von den anderen zu unterscheiden. Im Neuen Testament werden nämlich noch mehrere Jünger und ein Apostel Jakobus genannt. Jakobus der Kleine (oder Jüngere) und Jakobus der Gerechte sind wahrscheinlich ein und dieselbe Person, wohl ein Bruder Jesus. (Mt 13,55 oder Mk 6,3). Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf -schliesslich gibt es seit 1600 Jahren das Dogma der immerwährenden Jungfräulichkeit der Mutter Gottes- handelt es sich nach Auffassung der katholischen Kirche bei dem späteren Leiter der Jerusalemer Gemeinde nicht um einen Bruder, sondern um einen Vetter oder anderen nahen Verwandten von Jesus.

    Im Markus-Evangelium wird berichtet, dass Jesus seinen ausgewählten Jüngern Beinamen gab. Der bekannteste Name ist Petrus für Simon – und den beiden Brüdern Johannes und Jakobus, den Söhnen des Zebedäus, gab er den Beinamen "Donnersöhne" (aramäisch Boanerges). Dies wohl wegen ihrer ungestümen Wesensart – aber auch dazu kommen wir ein wenig später.

    Den späteren gewaltsamen Tod von Jakobus (und Johannes) spricht Jesus schon früh an. Sowohl im Markus-Evangelium (Mk 10,39), als auch im Matthäus-Evangelium wird der Tod reflektiert: "Könnt ihr den Becher des Leidens und des Todes bis zur Neige trinken, den ich trinken werde? Sie antworteten: Das können wir. Darauf Jesus: Gut. Ihr werdet denselben Becher austrinken, den ich trinken werde." (Mt 20,22-23)

    So gibt es also eine Fülle von Belegen für den Apostel Jakobus d.Ä. – den letzten Verweis finden wir in der Apostelgeschichte. Dort steht: "Um diese Zeit griff König Herodes zu, um an einigen aus der Gemeinde seinen Zorn auszulassen. So liess er Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert hinrichten, und als er sah, dass es den Juden gefiel, liess er auch Petrus festnehmen, und zwar gerade am Osterfest." (Apg 12,1-3)

    Wie gelangt nun dieser gute Mann, nach seinem Tod, ohne Kopf, nach Spanien und entwickelt sich dort zum Maurentöter?

    Die Apostelgeschichte hilft uns da nicht mehr viel weiter. Wir sind also auf Legenden angewiesen.

    Zunächst einmal hat er sich noch mit Kopf, einer Legende zufolge, nach der Himmelfahrt Christi auf den Weg gemacht, um die iberische Halbinsel zu missionieren. Paulus rechts herum, Jakobus links herum. Ums Mittelmeer natürlich. Er hat Jünger rekrutiert, indem er prophezeit hat, dass er nach seinem Tod Unzählige bekehren werde. Besonders viel Erfolg hatte er auf seiner Missionsreise nicht gerade, soll er doch in Saragossa (das es damals noch nicht gab) am Ufer des Ebro gesessen haben und vor lauter Frustration bittere Tränen geweint haben. Als er dann aber abbrechen wollte, schnell wieder nach Hause zurückwollte, erschien ihm die Jungfrau Maria und hat ihm ihre Unterstützung zugesagt. Schliesslich kam er nach Jerusalem zurück und wurde um 44 nach Chr. hingerichtet.

    Und jetzt kommt sie, die sogenannte Translation, die grundlegende Legende aller Jakobusanhänger: seine Jünger übergaben den Leichnam des Apostels einem Schiff ohne Kapitän und Besatzung und dieses landete in Galicien, im Nordwesten Spaniens. Dort waren auch gleich andere Jünger zur Stelle, schafften den Leichnam auf einem Ochsenkarren ins Landesinnere und begruben ihn an der Stelle, an der die Ochsen von sich aus Rast machten. Danach geriet das Grab in Vergessenheit.

    Eine andere Legende erzählt jetzt die Wiederauffindung des verloren geglaubten Grabes: Der Eremit (Einsiedler) Pelayo hatte eine Lichterscheinung, irgendwann zwischen 818 und 834, gerade richtig passend zur flächendeckenden Christianisierung Galiciens. Theodemir, der zuständige Bischof, ordnete den Bau einer Kapelle an – bumms, der Wallfahrtsort ist erfunden, ab sofort ist mit starkem Pilgerverkehr quer durch Spanien zu rechnen.

    Nein, ganz so schnell ging es natürlich nicht. Diese ganze Geschichte taucht in den Urkunden tatsächlich erst im 9. Jahrhundert auf. Aber schon gegen Ende des 9. Jh. wird dem Heiligen eine mehr und mehr militärische Funktion zugeschrieben. Er entwickelte sich, aus welchen Gründen auch immer, zum spanischen Nationalheiligen. Alfons III. von Asturien, auch der Große genannt, führte seine Siege gegen die Mauren, aber auch gegen feindliche Christen in zum Beispiel Portugal, auf das persönliche Eingreifen von St. Jakob zurück. Geholfen hat es ihm 910 nicht wirklich, den Aufstand seines ältesten Sohnes konnte Alfons noch niederschlagen, als dann aber die jüngeren Söhne mit der Königin rebellierten, musste er ins Exil.

    Von da ab geben sich die Erscheinungen des Apostels die Klinke in die Hand. 1064 ist er bei der Eroberung der Stadt Coimbra dabei, im 12. Jh. taucht die Legende auf, er wäre schon im Jahr 844 bei der Schlacht von Clavijo als Ritter auf einem Schimmel dabeigewesen. Dass diese wohl berühmteste Schlacht der Reconquista, also der Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den Moslems, gar nicht stattgefunden hat, war damals wie heute eigentlich zweitrangig.

    Auch Karl der Große wollte bei soviel allerheiligster Unterstützung nicht abseits stehen. Und so liess er sich höchstpersönlich vom Heiligen Jakob beauftragen, den Weg zum Jakobsgrab von den Mauren zu befreien. Erfolg hatte er aber eher mit seinen angeblichen diplomatischen Verhandlungen und gegenseitigen Stillhalteabkommen denn mit seinen militärischen Operationen auf der iberischen Halbinsel.

    Und damit sind wir bei den Jakobswegen. Nur eines noch, wo wir gerade von Karl dem Grossen sprechen. Kennen Sie Runkel an der Lahn? Der Sage nach ist ein Ritter Karls des Großen dem grossen Massaker der Schlacht von Roncesvalles (Roncevaux), bei dem auch Roland ums Leben kam, entkommen und hat eine Burg an der Lahn errichtet. So leitet sich angeblich der Name Runkel von Roncevaux ab.

  • 1 Kommentar

    1. Wolfgang M. Schneller

      Lieber Autor des interessanten und flott geschriebenen Artikels über Jakobus, den Maurentöter und Apostel. Da ich gerade an einer Arbeit bin, die „Jakobus als Maurentöter oder Friedensstifter?“ zum Thema hat, wäre ich dankbar, wenn ich auf Ihren Artikel Bezug nehmen dürfte – selbstverständlich unter Nennung des Autors. Ich bin seit 40 Jahren mit dem Jakobsweg befasst und habe einiges veröffentlicht. Auch die deutsche Pilgerseelsorge in Santiago de compostela geht auf meine Initiative zurück. Vielleicht schreiben Sie mir: WoMaSchneller@t-online.de . Danke!

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