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Schlagwort: rucksack

18. Tag Konz – Merzkirchen 30.09.2007

On the road again … so langsam entfernt sich der Alltag. Je mehr Kilometer der Zug von Weilburg in Richtung Trier/Konz fährt, desto mehr fühle ich mich wieder auf dem Jakobsweg, auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostella.

Genau am 06. März sind Gabi und ich von Trier nach Wasserbillig gepilgert, über sechs Monate ist das schon her. Zwischenzeitlich hat sich viel getan. 2 Pilgerwanderführer habe ich geschrieben, viel gearbeitet, Gabis Schule ist angelaufen – und die ist auch der Grund, dass Gabi heute nicht mit auf dem Weg ist. Eine ganze Woche kann sie sich nicht ausklinken. Aber ich will weiter und das hoffentlich gute Wetter ausnutzen.

Um 6:58 h fuhr der Zug in Weilburg ab – um 11:58 h werde ich in Konz sein und hoffentlich noch rund 20 km bis nach Merzkirchen zurücklegen können. Dort habe ich in Mary’s Destille, die auch eine Pilgerherberge betreibt, die Übernachtung gebucht.

Heute morgen bin ich stinksauer aus dem Haus gegangen. Es waren noch wichtige Dinge zu erledigen und ich bin schon um halb zwei aufgestanden. Um halb sieben, als ich gestiefelt und gespornt, den viel zu schweren Rucksack geschultert, gehen wollte, erschien Gabi fröhlich in der Schlafzimmertür. Nee, da reichte es man gerade für einen flüchtigen Kuss und ein schnelles „Tschüss“. Aber so sauer ich über diesen Auftritt auch bin – nachdem ich letzte Woche krank war, hat es jetzt Gabi gepackt und wahrscheinlich hat ihr Körper den Schlaf heute morgen gebraucht.

Tja, 6 Monate, den ganzen Sommer, ging es nicht weiter. Zu viel musste erledigt werden. Und jetzt bin ich auf dem Weg Richtung Konz um von dort Richtung Merzkirchen, Perl, Thionville, Metz und vielleicht Verdun zu starten. Mal sehen wie lange es dauert, bis ich den Anschluß an die letzte Etappe Trier-Wasserbillig bekomme. Gedanklich natürlich, denn der Start ist diesmal sogar etwas zuirückverlegt.

Das liegt ganz einfach an der Wegführung, bzw. der Planung. Von niemandem waren Informationen über den Fussweg von Wasserbillig über Luxemburg-Stadt nach Reims zu bekommen. Die Luxemburger Wanderfreunde haben mir noch nicht einmal auf eine dreisprachige eMail (französisch, englisch, deutsch) geantwortet, die Jakobsbruderschaft in Luxemburg gönnte mir auch keine Antwort. Professor Kanz, der mehrfach schrieb, ihm fiele soviel zu dem Jakobsweg durch Luxemburg ein, schrieb mir dann, als ich etwas konkretes wollte: „Der Jakobsweg in Frankreich ist mit dem GR 5 erheblich einfacher als ohne ihn!“ Natürlich hätte ich auch den Weg alleine ausarbeiten können. WW hatte auch schon dabei geholfen. Aber dann habe ich doch die Entscheidung für den traditionellen Weg von Trier nach Metz getroffen und wir wollen dann von Metz aus über Verdun nach Reims, Paris, Chartres usw.

Deshalb also der Start heute in Konz, ca. 8 km von Trier entfernt. Unterwegs werde ich über alte Römerstrassen pilgern und viele Beweise der Jakobspilgerschaften im Mittelalter und der Neuzeit passieren.

Von Konzaus ging es nach Tawern, die Margareten-Kapelle hatten eine aussen angebaute Kanzel aus Sandstein (hochinteressant) und einen schönen, mit Gold und Elfenbein verzierten, Altar. Oberhalb von Tawern befindet sich an der alten Römerstrasse von Metz über Trier nach Köln eine Tempelanlage.

Bald darauf habe ich Fisch erreicht, die Jakobus-Kirche ausserhalb des Ortes war ein Treffpunkt der Jakobspilger im Mittelalter. Draussen erinnert eine im Boden eingelassene Bronzetafel daran. An der Quelle etwas unterhalb der Kirche findet sich in Schmiedeeisen der Pilgerhut, die Muschel und die Kalebasse. Und auf einer Hinweistafel ist der Jakobsweg bis Metz noch einmal dargestellt.

Heute hatte ich wunderschönes Pilgerwetter, nicht zu warm und nicht kühl. Rund 23 km bin ich seit Eintreffen in Konz auf gut ausgezeichneten Wegen gepilgert (naja, Markierungen mit kleineren Einschränkungen – aber ich bin zufrieden). Zum Einlaufen war es genau richtig. Abendessen gab es aber in der sauberen Pilgerherberge keines. Und zum Sportplatz, wo sich das ganze Dorf versammelte, kam ich leider zu spät. Schade.

Erkenntnis des Tages: Man(n) geht wieder!

9. Tag Beilstein – Zell 14.02.2007

 
Unser teures Leitungswasser aus Beilstein sorgt für mehr Furore und mehr Beachtung, als wir selber der Sache beigemessen hatten. Da haben wir mit unserem Blog schon ein wenig ins Wespennest gestochen – und wenn wir mit Moselanern über die Sache sprechen, dann ernten wir stets deutliches Kopfschütteln. Und damit die Gastfreundschaft, die wir mittlerweile im krassen Gegensatz zu diesem Ereignis erleben durften, auch anderen zu Gute kommt, nenne ich auch "Ross und Reiter": im Burg-Cafe in Beilstein kostet ein 0,2-Glas Leitungswasser 0,50 Euro (das war mal eine Mark!!!!!). Und damit ist die Sache für uns abgeschlossen, es ist mehr als wiedergutgemacht worden.
 
Trotzdem war aber dieser Tag von Beilstein nach Zell eine Tortur. Gabi hat mich morgens gegen 11 in Beilstein an der Bushaltestelle abgesetzt, der Rucksack war für vier Tage gepackt und hatte das entsprechende Gewicht und laut Wetterbericht sollte es der schlechteste Tag der Woche werden. Lag das nun an Beilstein? Oder an der Mosel? Nee, ich glaube eher an unserer Planung. Denn die 4 Tage bis Samstag passten uns so gerade richtig in den Kram. Aber so richtig eigentlich nur mir. Gabi musste noch von Mittwoch bis Freitag arbeiten – und so bin ich alleine los.
 
Es war morgens noch trocken, zumindest einigermassen. So nahm ich mir vor, die Regenhose und den Poncho erst später herauszukramen – dann, wenn es wirklich nötig ist. So richtig sexy sieht der Poncho ja nun auch nicht aus – und ein wenig Eitelkeit sei auch dem Jakobspilger gestattet. Dumm war nur, dass ich den Poncho dann auch den ganzen Tag dort ließ, wo ich ihn morgens hingepackt hatte: ganz unten im Rucksack. Ein Fehler, aber das wurde mir erst am späten Nachmittag klar.
 
Sind schon zwei Fehler, die ich gemacht habe. Der zweite war (aber das merke ich erst heute beim Schreiben), dass ich keinen Notizblock fürs Tagebuch mitgenommen habe. Mich jetzt, bei strahlendem Sonnenschein, an den grausigen Tag von Beilstein nach Zell zu erinnern, fällt schon ganz schön schwer.
 
Mit meinem schweren Rucksack ging es erstmal hoch zur Karmelitenkirche in Beilstein.Ich wollte mir noch den Stempel für unsere letzte Etappe hierhin abholen. "Kirche zu!" rief mir ein Bauarbeiter schon von weitem zu, "Pater weg, irgendeine Versammlung irgendwo!" Das wars denn mit meinem Stempel – und den Moselhöhenweg habe ich auch nicht mehr gefunden. Auch ein Schild hoch zur Burg Metternich war nirgends zu sehen. Vielleicht sollen die Touris durch die historischen Ort geführt und zum Einkehren gezwungen werden? Aber davon wollte ich ja eigentlich nicht mehr schreiben.
 
Ich habe allen Fremdenverkehrsplanern ein Schnippchen geschlagen und mich auf meinen Orientierungssinn verlassen. Die Burg lag unsichtbar hinter diesem Felsen, auf dem die Kirche gebaut war. Also musste ich drum herum. Also hinunter auf der vom Ort abgewandten Seite und immer um den Felsen herum. Schild? Immer noch keins zu sehen. Aber dafür eine Treppe neben einem Gasthof. "Wenn die nicht privat ist, dann führt sie zumindest nach oben!" Hat geklappt und viele Treppenstufen ein Weinbergterassen weiter konnte ich die Burg Metternich vor mir sehen.
 
Der Burgberg war wohl schon zur römischen Zeit besiedelt, 1910 wurde ein fränkischer Steinsarkopharg (5. – 8. Jhdt.) in der Nähe der Burg gefunden. Die schon existierende Burg wurde 1268 Lehnsbesitz der Herren von Braunshorn. 1638 lehnte das Trierer die Burg Beilstein an die von Metternichs, 1794 kamen die Franzosen. Durch den Wiener Kongress fiel die Burg 1815 an Preussen. Heute ist die Burg im Besitz der Familie Sprenger, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Burg Metternich zu erhalten.
 
An der Burg war alles verriegelt und verrammelt, den Weg hier hinauf hätte ich mir auch sparen können. Ein einsamer Bauarbeiter, der den Motor seines Baufahrzeugs laufen liess und hinter dem Gitter verschwinden wollte, würdigte mich noch nicht einmal einer Antwort, als ich fragte, ob ich mich vielleicht einmal im Burghof umschauen dürfte. Im Vorfeld haben mir viele, die die Mosel kennen, dazu geraten, Beilstein auf keinen Fall zu verpassen – ehrlich gestanden war ich froh, als ich Beilstein hinter mir lassen durfte.
 
Da ich immer noch keinen Einstieg in den Moselhöhenweg entdecken konnte, wandte ich mich an eine im Weinberg arbeitetende Dame. Sie versöhnte mich ein wenig mit dem Ort, denn die ausführliche und sehr, sehr freundlich gegebene Auskunft hätte ich besser beachtet. Das hätte mir reichlich Nässe und einige Kilometer erspart.
 
"Gehen Sie hier die Strasse herunter und folgen dann der Landstrasse so ca. 500 m bis 1 km, dann kommt ein Weg nach RECHTS, der ist als Moselhöhenweg beschildert." Ich dankte und machte mich wieder auf den Weg. Mensch, hätte ich doch auf sie gehört. Aber an dem Wegweiser nach Grenderich, der nach links in einen Waldweg führte, fielen mir die Bekannten ein, die links und rechts stets verwechselten – und schliesslich waren es bis hierhin schon so rund 700 m. Erst viel, viel später, als ich die Karte dann richtig deuten konnte, sollte ich feststellen, dass der von ihr beschriebene Weg noch ein gutes Stück an der Landstrasse entlanggeführt hätte.
 
Ich bin also links im Waldweg verschwunden, immer fleissig nach oben auf die Hunsrück-Höhen und machte beim Überklettern der Kyrill-Schadensreste die Erfahrung einer Ganzkörper-Schlammpackung bei kompletter Kleidung. Nicht ganz so prickelnd – besser nicht nachmachen. Dann wieder eine Landstrasse – aber immer noch kein Moselhöhenweg! Landstrasse also weiter nach oben gekraxelt, so langsam taten mir die Füsse vom Asphaltlaufen weh, und dann gottseidank ein Strassenschild in Richtung Grenderich. Da die andere Richtung Liesenich absolut falsch sein musste, fand ich mich so langsam damit ab, den Rest des Weges auf der Landstrasse verbringen zu müssen.
 
Dann war ich es leid – Autofahrer, gleich ob einheimisch oder auswärts, haben die unangenehme Tendenz, Fussgänger nicht für voll zu nehmen. Ich bin also weiter nach oben geflüchtet und konnte die zwar unangenehmste, weil kälteste und nasseste, aber auch die schönste Strecke auf diesem Weg nach Merl weiterpilgern. Es ist schon schön, auf dem höchsten Grad der Umgebung zu gehen und links und rechts über die Felder und Wälder zu schauen. Vielleicht solltet Ihr auch diesen Umweg machen, dann aber definitiv besseres Wetter dafür aussuchen.
 
Aber auch der längste Grat geht einmal zu Ende, weit und breit keine Bank, aber in einiger Entfernung wieder die Landstrasse. Okay, dann also auf der Strasse weiter. Aber zuvor noch in der Gesellschaft von 3 Haflingern eine kurze Pause eingelegt. Die waren schon sehr an meinen Fitness-Riegeln interessiert – ich sah aber nicht ein, warum ich meine Tagesverpflegung gegen Stroh und Heu eintauschen sollte. Also habe ich mich auf das Geschäft nicht eingelassen.
 
100 m weiter tauchten dann auch meine so sehr vermissten M’s für den Moselhöhenweg wieder auf. Aber irgendwie passte mir die Richtung nicht so ganz und so nahm ich mir an der naheliegenden Schutzhütte die Zeit, die Karte zu studieren. Erstmal der netten Dame im Bedilsteiner Weinberg Abbitte leisten. Sie hat zwar die Entfernung unterschätzt, links und rechts aber nicht veratuscht. Ich hätte unten nur weitergehen müssen und mir ein Schlammbad und so manchen Kilometer erspart.
 
Schutzhütten ist übrigends so ein Thema – besonders wenn diese an einer Strasse liegen, scheinen sie dazu einzuladen, ein grösseres Geschäft dort zu verrichten. Während die Hütten am Weg und in den Weinbergen sehr sauber sind, und sicher auch einmal als Notunterkunft herhalten könnten, sind die Hütten an einer Strasse bisher immer völlig verdreckt und verschissen gewesen. Gut, eine Familie auf Sonntagsausflug im trockenen und warmen Auto scheint auch nicht so unbedingt das Verständnis für einen durchnässten Wanderer oder Pilger aufzubringen, der sich über ein trockenes und sauberes Plätzchen freuen würde. Liebe Autofahrer, habt nicht nur ein Herz für Eure und für andere Kinder – habt auch ein Herz für diejenigen, die zu Fuss unterwegs sind. Fahrt lieber ein wenig schneller weiter zur nächsten Kneipe oder zum nächsten Restaurant. Oder packt Eure Hinterlassenschaften ein, das riecht zwar ein wenig strenger im Auto, bringt Euch aber die Genugtuung, etwas für zukünftige Besucher getan zu haben. (Naja, so ganz glaube ich nicht an einen Erfolg meines Aufrufes – aber man soll die Hoffnung niemals aufgeben.)
 
Diese Gratwanderung, die hat mich geschafft. Es war eigentlich nicht genug Regen für den Regenponcho – und jetzt hatte das "bisschen" Regen mich bis auf die Haut durchnässt. Nun brauchte ich den Poncho auch nicht mehr. Einmal nass kann ich auch nass weiterpilgern – spielt keine Rolle mehr.
 
Nachdem Grenderich passiert war, ging es auf dem sogenannten Judenpfädchen im Senheimer Wald stetig bergab. Wer auf dieser Etappe eine Zugverbindung erreichen möchte, kann unterwegs dem Wegweiser nach Bullay folgen. Die Strecke ist sehr gut beschildert und bereitete keine weiteren Probleme.
 
Unten in Merl, einem Ortsteil von Zell, dem eigentlichen Ziel meines Tages, frischte dann meinen Ärger vom Vormittag wieder auf. Klar, dass die Gassen des Ortes bei Regenwetter im Februar nicht gerade übervölkert sind. Aber ich begegnete immerhin einige Menschen, die ihren Geschäften nachgingen. Auf ein freundliches "Guten Tag" erhielt ich noch nicht einmal eine Antwort. Die Kirche war verschlossen und ausserhalb der Öffnungszeiten machte im Pfarramt (oder wars ein Dekanatsbüro?) niemand auf. "Pakete bei XY in der XY Gasse abgeben" war an der Tür angeschlagen. Aber ich wollte nun einmal ein Bett für die Nacht – und nicht unter freiem Himmel an der Hochwassermosel übernachten.
 
Ganz ehrlich: im Winter ist hier in Merl tote Hose. Es mag ja ein ganz netter Ort im Sommer sein, und ich verspreche, ich komme dann noch einmal wieder. Vielleicht gelingt es mir dann, eine Antwort auf ein freundliches "Guten Tag" zu erhalten. An mindestens 10 Häusern, die ich passierte, war das Schild "Zimmer frei" – aber auf mein Klingeln und Klopfen tat mir niemand auf. Ich weiss, dieser Vergleich ist reichlich abgedroschen, aber so müssen sich Maria und Josef auf der Herbergsuche gefühlt haben. Wo sind die Leute an einem Werktag um 3 Uhr nachmittags eigentlich?
 
Eine Stärkung aus der Bäckerei und ein kurzes, auch deutlich ablehnendes Gespräch mit der Besitzerin: "Ja, es gibt schon viele, die hier in Merl vermieten!" sagte sie mir eher abwehrend. "Aber ich kann keinen finden, haben Sie keinen Tipp für mich?" war meine Antwort. "Ja, dann gehen Sie doch nach Bullay, da finden Sie bestimmt etwas!" Damit war ich bedient. Nass bis auf die Haut und nachdem ich erklärt hatte, dass ich in Richtung Trier unterwegs bin, schickte mich die "nette" Dame in die andere Richtung. Na prima.
 
Der Regen wurde auch nicht besser, und natürlich bin ich nicht nach Bullay, sondern nach Zell – in "meine" Richtung – gelaufen. Drei weitere Versuche, in einem der Weingüter mit "Zimmer-Frei-Schild" unterzukommen, scheiterten auch an den überaus "freundlichen" Gesprächspartnern.
 
Leute, ich verstehe, dass Ihr im Winter nicht für eine Nacht vermieten wollt, Ihr renovieren müsst, die Zimmer nicht fertig habt, die Heizung just am Morgen den Geist aufgegeben hat und was Euch sonst noch alles so einfällt. Aber dann täuscht doch nicht den arglosen Pilger hinterhältig mit Euren "Zimmer-Frei" Schildern in jedem Fenster. Oder regt doch einfach mal bei Eurem Fremdenverkehrsverband an, am Ortsschild gleich ein Schild anzubringen: "Pilger und Wanderer im Januar und Februar nicht erwünscht!" Das wäre wenigstens ehrlich. Damit haben wir doch als Deutsche im letzten Jahrhundert gute Erfahrungen gemacht. Erst zwischen 1933 und 1945, da klappte es wunderbar, da sanktionierte es sogar der Staat. Dann noch einmal nach 45, da stand dann an den Gaststätten das Schild "Off Limits" für unsere amerikanischen Freunde. Und in jüngster Zeit sind es Schilder für unsere türkischen, kosovo-albanischen und russischen Mitbürger. Jetzt nehmt Ihr einfach die Wanderer und Pilger ausserhalb der Saison gleich noch mit dazu.
 
Ich weiss, meine Formulierung oben ist schon ganz schön heftig. Ein Politiker müsste nach so einem Vergleich gleich sein Mandat niederlegen und öffentlich Asche auf sein Haupt streuen. Ich bin kein Politiker, ich bin nur ein kleiner Pilgerer, der keine Zeit hatte, sich im Vorfeld um eine Unterkunft zu bemühen. Und ich war nass, mir war eiskalt, die Füsse und Beine taten weh – kurz, ich hatte die Schnauze voll! Ich bitte jeden um Entschuldigung, der sich um die Gastfreundschaft in unserem Land verdient macht – und es ist wirklich nicht nötig, dass sich irgendjemand für irgendetwas bei mir entschuldigt, weil er/sie sich dafür verantwortlich fühlt, was mir widerfährt. Ich bin nicht blauäugig, ich weiss, es gibt solche und solche. Nur leider treten "solche" immer in Rudeln auf – und sind vielleicht auch noch am Tag vor Weiberfastnacht besonders wetterfühlig.
 
"Licht am Ende des Tunnels" sah ich auch erst in der Innenstadt von Zell. Noch einmal einen Rundumschlag? Sollt Ihr haben: die leeren Geschäfte und unrenovierten Häuser auf beiden Seiten der Strasse sind nicht gerade einladend! Ganz im Gegenteil. Ich dachte bei mir: "Wo bist du denn jetzt hingeraten?"
 
Dann aber das Schloß-Hotel, ein wirkliches Schmuckstück, dem auch das Schietwetter nicht anhaben konnte. Auch die Stadtkirche ein Kleinod. Am Schloß-Hotel habe ich kurz überlegt, ob ich da einfach ein Zimmer nehme. Gut, dass ich es nicht getan habe sondern mein Budget mich noch ein paar Meter weiterführte. Dort sah ich auf der anderen Strassenseite in einem Kneipenfenster das Schild "Ferienwohnung zu vermieten – auch für eine Nacht!" Gut, also schlafe ich heute nacht in einer Ferienwohnung. Ruhe, Wärme, vielleicht sogar eine Badewanne – das kann ich mir nach diesem Tag ruhig gönnen. Also hinein in die Kneipe. Obwohl ich mir vorgenommen hatte, diese Ferienwohnung nun wirklich für die Nacht zu mieten, koste es, was es wolle, ist es dann doch an meiner Sturheit gescheitert. Ich war schon soweit wieder aufgetaut, dass ich die verlangten 40 Euro nicht mehr zahlen wollte. "30 Euro zahle ich freiwillig," aber dieses Angebot wollte der Eigentümer nicht akzeptieren.
 
Aber Kneipen sind halt auch Stätten unerschöpflicher Informationen. Und so saß da auch ein Bäcker auf dem Weg nach Hause ins Bett und der sagte zu mir: "Wart mal, ich versuche mal etwas, hast du ein Handy dabei?" Dann nahm er doch das Kneipentelefon, telefonierte kurz und sagte: "Es liegt zwar etwas ausserhalb, aber du bekommst ein Zimmer für 30 Euro und der Besitzer holt dich hier ab!"
 
Wie oft habe ich schon in diesem Blog den Satz: "Der Weg gibt Dir alles was Du brauchst" zitiert? Auch an diesem Tag war es wieder so.
 
Während ich auf meinen "Abholer" wartete, kamen wir an der Theke ins Gespräch, eine Runde gab die andere. Hauptthema war Jakobsweg und Santiago. Dann kam mein "Abholer", es gab noch mehr Runden, ich zog die nasse Jacke aus und das nächste Bier stand vor mir. So ging es einige Zeit weiter – nicht unangenehm, wirklich nicht.
 
Dann schlussendlich fuhren wir heraus zur Pension Notenau. Das abgelegene Seitental liegt direkt am Weg, von daher sehr praktisch und pilgergünstig gelegen. Und entpuppte sich für mich als wahre Luxusherberge. Doppelzimmer, Fernseher, Platz, Dusche und WC – alles sauber, ordentlich und unheimlich einladend. Mein "Abholer" entpuppte sich als der Eigentümer Herbert Saxler, das Ehepaar Saxler ist noch im Vorstand des Fremdenverkehrsverbandes Zeller Land und kennt die Strecke bis zumindest Enkirch und Starkenburg (nächste Tagesetappe) gut. Besonders die Wegmarkierungen hat es ihnen angetan. Auf jeden Fall erhielt ich mehr Tipps fürs Weiterpilgern, als ich jemals verwerten kann.
 
Es tut mir regelrecht leid, dass die Loblieder auf die Pension Notenau und ihre Besitzer Saxler weniger Platz einnehmen, als meine negativen Erfahrungen in Beilstein und Merl. Aber so ist das leider nun einmal: das Positive ist kaum in der Lage, das Negative auszugleichen.
 Fernseher an, Buch herausgekramt, 2 Seiten gelesen – dann war ich eingeschlafen. Gegen 8 wurde ich wieder wach – noch schnell geduscht, wieder ins Bett, 5 Minuten DSDS geguckt (mehr braucht man auch nicht), wieder eingeschlafen. Gegen 2 den Fernseher ausgeschaltet – wieder eingeschlafen. Und um 7 gings zum erstklassigen Frühstück.
 
Liebe Frau Saxler, lieber Herr Saxler: Sie haben mich gerettet und die Zellerehre gleich mit. Wir kommen bestimmt wieder.
 
Erkenntnisse des Tages:
 
wenn etwas nicht klappt, hat die Vorsehung vielleicht noch ein besonderes Bonbon parat
Regenbekleidung ist bei Regen im Rucksack schlecht aufgehoben
 

Zwischenetappe

„Ja, sagen Sie Ja zu sich, zu Ihrer Absonderung, Ihren Gefühlen, Ihrem Schicksal! Es gibt keinen anderen Weg. Wohin er führt, weiß ich nicht, aber er führt ins Leben, in die Wirklichkeit, ins Brennende, ins Notwendige.“ Hermann Hesse
Dieser Blog ist zur Zeit nicht viel mehr, als eine Wanderbeschreibung von DAW’s (Dümmste anzunehmende Wanderer). Ein wenig auch deshalb, weil wir wirklich nichts über den Lahn-Camino finden konnten und vielleicht mit unserer Beschreibung andere Wanderer auf die Schönheit unserer direkten Umgebung aufmerksam machen möchten. Wir wollen sagen: „Gehen Sie los, starten Sie ganz einfach wie wir vor der Haustür, und laufen Sie.“ Alles andere kommt dann schon.
Aber hauptsächlich endet dieses Pilgertagebuch zur Zeit als Wanderbeschreibung, weil wir uns noch auf den Vorbereitungsetappen befinden. Vor einer Woche wussten wir noch gar nicht, ob wir überhaupt wandern können. Und dann noch im Winter! Heute wissen wir schon ein wenig mehr über uns. Unsere Ausrüstung wird professioneller, der Rucksack voller. Wir hören stärker auf unseren Körper, wissen, wenn es anfängt, wehzutun, dass wir immer noch gute fünf Kilometer laufen können. Das gibt Sicherheit für die nächsten Etappen.
Aber immer noch halte ich mir das Hintertürchen offen, diesen Blog einfach zu löschen, um da weiterzumachen, wo ich irgendwann im vergangenen Jahr angefangen habe. Niemand braucht davon zu wissen, dass ich mich auf den Weg gemacht habe, dass ich erneut angefangen habe, nach etwas zu suchen. Und in unserer schnelllebigen Zeit ist eine von vielen Internetseiten bei den wenigen Besuchern, die durch Zufall hier landen, schnell vergessen.
Aber seit gestern, seit dem Abstecher in den Limburger Dom, ist diese Möglichkeit des Abbrechens schon deutlich geringer geworden. Wie gestern geschrieben: ich habe jetzt den Eindruck, ein Pilger zu sein und nicht mehr ein Wanderer. Es ist schon seltsam, dass bei Gabi, die schon ein gutes Stückchen weiter von der Kirche entfernt ist als ich, ein ähnliches Gefühl aufgekommen ist.
Mal wieder beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt. Hei, ich bin 50 Jahre alt, ich gehöre noch nicht zum alten Eisen. Ich bin erfolgreicher Management-Trainer, habe aber die letzten vier Jahre etwas völlig anderes gemacht. Ich wollte es noch einmal wissen. Jetzt bin ich zurück – aber bevor ich wieder GANZ zurückomme, will ich es noch einmal wissen. Ich will noch einmal wissen, welche Erfahrungen ich auf einem solchen Weg machen werde, welche Gedanken mir kommen, welche Menschen mir begegnen werden. Mit Hermann Hesse heisst das: „Es gibt für mich keinen anderen Weg!“
Und ich weiss, dass ich bei mir ankommen werde.

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