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Zwischenetappe – 03.01.2008 Anreise Nancy

 

1,185 kostet der Sprit in Luxemburg – auch nicht schlecht, oder? Da könnte das Autofahren fast schon wieder Spass machen. Aber 1,185 Euro sind immerhin 2,35 DM. Hin und wieder muss ich mir das doch noch vor Augen halten, um nicht übermütig zu werden.

Wir sind relativ zeitig los, morgen soll es losgehen. Von Pont-a-Mousson bis nach Joinville, 7 Etappen in 7 Tagen. Für heute und für morgen ist die Jugendherberge in einem Vorort von Nancy gebucht. Sieht auf dem Foto nett aus, ist ein Schlösschen, genau genommen das Chateau de Remicourt und wird von der Stadt Nancy betrieben.

Wir waren sehr zeitig und haben uns erstmal Nancy angeschaut. Die "Stadt des Jugendstils" heisst es in der Werbung – das war aber relativ schwer zu entdecken. Natürlich ist mit dem Jugendstil Emile Galle gemeint, der grosse Jugendstil-Künstler (heute würden wir Designer sagen), der schon mit 58 Jahren an Leukämie gestorben ist. Es gibt aber auch einige schöne Jugendstil-Häuser in Nancy zu entdecken.

Das Stadtbild von Nancy wird eher durch die Bauten aus dem 18. Jh. bestimmt. Besonders beim Place Stanislas mit den einheitlichen Fassaden von Rathaus und anderen umstehenden Gebäuden fällt der wuchtige Baustil ins Auge. Hinzu kommen die Gitter mit vergoldeten Applikationen, bei denen Gabi und ich dann schon über "Kitsch" diskutiert haben.

Der Regen trieb uns in ein Cafe – überall waren Schilder angebracht, die den Kaffee für 1,50 anpriesen. Wir mussten natürlich das Cafe betreten, in dem der Kaffee das Doppelte kostete. Sch..ade.

Nach Einbruch der Dunkelheit die Suche nach der Jugendherberge. Kaum 90 Minuten später (absoluter Rekord Innenstadt-Jugendherberge :-)) angekommen, preiswert. Für die Nacht haben wir 28,40 je Nacht im Doppelzimmer bezahlt – da wäre es zu verschmerzen gewesen, dass die Dusche nur kaltes Wasser lieferte. Wir wollen aber 2 Nächte bleiben, und da ist es nicht ganz so schön.

Wenn nicht mitten in der Nacht die anderen Gäste des Hauses eine Gäste-Versammlung direkt vor unserer Zimmertür einberufen und abgehalten hätten, wäre es eine Nacht ohne besondere Vorkommnisse mit tiefem Schlaf gewesen. Aber nein, ich will nicht klagen. Das Zwei-Bett-Zimmer und die Jugendherberge sind schon okay.

22. Tag Ancy sur Moselle – Pont a Mousson 04.10.2007

Ich sitze in der St. Martin Kirche in Pont a Mousson – eigentlich einer Industriestadt, die in ganz Frankreich wegen der Aufschrift auf den Kanaldeckeln (hier produziert) bekannt ist. Aber die Martinskirche ist ein mehr oder weniger stiller Ort aus dem 14. Jh. Mehr oder eigentlich eher weniger still, weil draussen der Strassenverkehr lärmt und aus der nahegelegene Schule die Kinder nach Hause drängen.

Ich bin nicht ganz sicher, wann ich es bei einer Aposteldarstellung mit Schwert und Buch mit Paulus und wann mit Jakobus zu tun habe – ich gehe einfach mal von 50:50 aus und behaupte, dass es einige Darstellungen innen und aussen des heiligen Jakobs gibt. Einfacher ist es bei dem neueren Kirchenfenster, dort ist der Patron unserer Pilgerreise mit Pilgerstab und Hut abgebildet.

Deutsche Kirchensteuer – ein Segen oder ein Fluch? Wenn ich mir den Zustand dieser Kirche anschaue ist der warme Geldregen der Kirchensteuer, auch wenn es immer weniger wird, doch ein Segen. St. Martin ist man gerade soweit in Schuß gehalten, dass sie nicht zusammenfällt. Rundherum sind die Schäden durch Feuchtigkeit und den Zahn der Zeit nicht zu übersehen. Restauriert wird anscheinend immer dann, wenn mal wieder ein klein wenig Geld in der Kasse ist – und das scheint selten genug zu sein. Immerhin ist ein Seitenaltar gerade restauriert worden und die lebensgrosse Grablegungsszene, für die diese Kirche bekannt ist, scheint in gutem Zustand. In einer weiteren Seitenkapelle, der Mutter Gottes geweiht, liegt dann wieder ein Stück einfach abgeschnittener Auslegeware. Häßlich aber wirkungsvoll.

Ich bin ziemlich spät heute morgen losgekommen. Um viertel vor neun kam ich auf dem Weg zum Bahnhof an der Kathedrale vorbei und habe mich kurz entschlossen in die Heilige Messe in der Krypta gesetzt. So habe ich erst spät einen Zug bekommen und bin erst so gegen halb elf in Ancy losmarschiert. Traumhaftes Wetter, viel durch Weinberge (leider schon komplett gelesen, keine Trauben mehr da), immer mehr oder weniger die Mosel im Blick. Eine wunderschöne Etappe.

Rund 23 km waren es bis Pont a Mousson, wo es neben der oben erwähnten St. Martin Kirche auch noch ein säkularisiertes Prämonstratenser-Kloster gibt, in dem heute eine Kultur- und Begegnungsstätte untergebracht ist. Die Besichtigung habe ich mir, ebenso wie der Besuch der Festung oberhalb der Stadt, für ein anderes Mal aufgehoben 🙂

In der Touristen-Info gab es einen Stempel, dann folgte der Rundgang durch die „Altstadt“. Das Haus der 7 Todsünden, ein ehemaliges herzögliches Wohnhaus, ist nicht besonders der Rede wert, der Brunnen mitten auf dem Marktplatz auch nicht. Aber dort, in der Seitenstrasse, da scheint noch eine Kirche zu sein.

St. Laurent ist das eigentliche Kleinod in dieser sonst nicht gerade sehenswerten Stadt. Es beginnt mit einem traumhaft gearbeitetem Tryptychon und endet schliesslich mit einer lebensgrossen Holzskulptur des leidenden Jesus aus dem 16. Jh. Alleine diese Kirche ist es wert, nach Pont a Mousson zu kommen. Als ich aus dem Haupteingang herauskomme, stehe ich vor einigen Häusern, darunter wahrscheinlich das ehemalige Pfarrhaus mit reichhaltigen Verzierungen und alten Türen. Hier bleibe ich gerne ein paar Minuten stehen.

Mir ist aufgefallen, dass die Kirchen in Frankreich auf dem bisherigen Weg alle offen waren. Nicht so, wie in Deutschland, wo tagsüber abgesperrt wird. Kirchen bieten dadurch immer ein ruhiges Plätzchen zum Herunterfahren und abschalten.

DerWeg zum Bahnhof ist nicht weit, Züge nach Metz fahren alle 30 Minuten. Als Zimmergenossen finde ich Vater und Sohn aus Brühl bei Köln vor, Etappen-Jakobspilger, so wie ich.

Erkenntnis des Tages: Manchmal muss man das Schöne ein wenig abseits suchen.

21. Tag Metz – Ancy sur Moselle 03.10.2007

 

 

Die Jugendherberge hier in Metz ist voll okay. 70er Jahre Bau, 6-Bett-Zimmer. Aber alles sauber und der Preis, 15,30 inkl. Frühstück, ist auch Spitze. Das Frühstück natürlich typisch französisch: Baguette, teilweise getoastet, Butter, Marmelade, Nutella (ja, richtig, Nutella). Dazu Kaffee bis zum Abwinken. Aber okay, ich will ja etwas im Magen haben, bevor ich losgehe.

Nachdem ich schon die Entscheidung getroffen hatte, nicht über Luxemburg-Stadt, sondern weiter auf den traditionellen Pilgerwegen nach Metz und dann nach Reims zu gehen, habe ich mich heute morgen entschlossen, nicht nach Verdun und Reims zu pilgern. Es geht jetzt mehr oder weniger schnurgerade in Richtung Vezelay, dem nächsten Hauptsammelpunkt der Jakobspilger im Mittelalter.

Der Grund dafür ist relativ simpel. Mir ist klargeworden, ich befinde mich in Frankreich, mein französisch ist eine Katastrophe, und ein gut beschriebener Weg ist allemale besser, als ein Weg, den ich mir erst noch suchen muss. An der Strecke Trier-Vezelay kann ich zumindest damit rechnen, dass die Menschen am Weg schon einmal etwas von Jakobspilgern gehört haben. Und Reims, Verdun, Paris und Chartres können sich Gabi und ich auch noch anschauen, wenn wir irgendwann einmal bei einem Stoppover dort landen. Also, der weitere Weg ist jetzt zunächst: Ancy-sur-Moselle, Pont a Mousson, Toul, Vezelay, vielleicht vorher noch Cluny und Taize, und von Vezelay nach St. Jean Pied de Port. Aber bis dahin ist es noch lange hin.

Heute morgen habe ich mir erst mal in der Kathedrale den Stempel geholt. Und dann gings los. Ich werde heute abend wieder in Metz übernachten – vielleicht die nächsten Nächste alle – und deshalb brauche ich den schweren Rucksack nicht mitzunehmen. Nur die Regenjacke klemme ich mir unter den Arm. Wasser wird es schon unterwegs irgendwo geben.

Und das Pilgern hat heute begonnen. An einem Moselkanal ging es heute morgen entlang aus Metz heraus, zunächst noch mit ein paar Joggern, dann aber alleine. Der relativ reizlose Weg (im wahrsten, positivsten Sinne des Wortes gemeint) führte dazu, dass ich so langsam wieder zu mir selbst komme. Mich darauf konzentrieren kann, warum ich eigentlich hier in Frankreich herumlaufe. Langsam aber sicher entferne ich mich von Weilburg, obwohl ich physisch schon 300 km weit weg bin.

In Ars-sur-Moselle zwei erwähnenswerte Dinge am Weg: 1. ein Schrottplatz mit alten französischen Lieferwagen. Zwar aufgereiht, aber nicht so, dass sie in irgendeiner Form konserviert würden. Ich musste an Gerald denken, einen guten Bekannten, Grafiker, der alte Autos sammelt, weil er sie retten will. Es wäre ein Paradies für ihn. Leider haben die gefährlich aussehenden Hunde und das abweisende Gesicht des jungen Eigentümers ein Gespräch verhindert. Schade. Und 2. gibt es in Ars die Überreste eines römischen Aquäduktes aus dem 1. Jh. nach Christus. Die Wasserversorgung des römischen Metz wurde darüber betrieben. DAS machte mir so deutlich, wie stark die Römer auch heute, nach 2000 Jahren, noch in Europa präsent sind.

Und Wolfgang hat sich gemeldet, per SMS. Es ist Tag der deutschen Einheit, der 3. Oktober. Feiertag in Deutschland. Er ist bis nach Montigny-sur-Metz (oder so ähnlich) gefahren und wartete dort auf Anweisungen. Ich war gerade hinter dem Bahndamm gefangen, konnte nicht auf die Strassenseite, aber ein paar hundert Meter weiter gab es eine Unterführung und 10 Minuten später trafen wir uns an einer Bushaltestelle. DasTreffen war toll, ich habe mich riesig gefreut. Und der Nachmittag mit den Gesprächen hat nach dem vielen Alleinpilgern auch gutgetan. Ausserdem hatte ich mit ihm die Möglichkeit, meinen Wasserhaushalt in Ordnung zu bringen. Wir sind nämlich zunächst mit dem Auto zurückgefahren.

Zunächst sind wir noch weiter, immer an einem Mosel-Altarm entlang, bis nach Ancy-sur Moselle. Da gibt es einen Bahnhof, von dem ich morgen früh starten kann. Aber wir sind von hier aus wieder mit der Bahn zurück. Ich habe immerhin schon über 20 km in den Knochen.

Wolfgang wollte noch hochfahren nach Gorze, im Internet hatte er diesen Ort als Etappenziel gefunden und wollte sich zumindest die Infrastruktur einmal anschauen. Auch in meinem Pilgerführer wird Gorze erwähnt: die Kirche aus dem 13. Jh., aber insbesondere eine Jakobusdarstellung am Sockel eines Wegkreuzes aus Sandstein. Nach einigen Mühen haben wir auch den Pfarrer der Kirche ausgetrieben und ich einen Stempel bekommen.

Danach sind wir mit dem Auto in Richtung Verdun und dann zurück über die Dörfer nach Metz gefahren. Interessant: man fährt mitten durch die Schlachtfelder des Krieges 1870/71 und an jedem Feld- bzw. Schlachtfeldrand steht ein Denkmal für das ach so glorreiche deutsche Regiment, das eben hier eine Schlacht geschlagen hat. Zumindest haben wir im Vorbeifahren immer nur deutsche Beschriftungen entdecken können. In Gedanken ein kurzes Gebet für all die Soldaten, Männer, Frauen, Kinder, die hier, gleich ob deutsch oder französisch, ihr Leben lassen mussten.

In Metz angekommen, zeigte mir Wolfgang noch Flunch, eine französische Restaurantkette mit Beilagenbuffet (sicher interessant nach einigen Tagen Brot- und Butter-Ernährung auf dem weiteren Pilgerweg) und die Markthallen direkt an der Kathedrale. Dort hätte ich bleiben können.

Dann war der Tag schon zu Ende, rasendschnell ging alles. Fürs Vorbeikommen nochmal vielen Dank, Wolfgang.

Um 20 vor 8 lieg ich rechtschaffen müde im Bett, lasse den Tag Revuepassieren und denke an morgen. Auf dem Weg …

Erkenntnis des Tages: Auf dem Weg …

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