Nicht viele schriftliche Zeugnisse der Pilger im ersten Jahrtausend nach Christi Geburt stehen uns heute noch zur Verfügung.

Dabei wissen wir sicher, dass nicht nur Kaiserin Helena sich um 326 n. Chr. von Trier aus auf den beschwerlichen Weg nach Jerusalem machte, sondern wir wissen aus den Aufzeichnungen, dass viele Christen in die Stadt pilgerten, in der Jesus gewirkt hatte und gekreuzigt wurde.

Von einem Pilger jedoch, einem Unbekannten aus Bordeaux in Frankreich, ist ein Pilgerführer aus dem Jahr 333 n. Chr. erhalten. Wir wissen nichts über diesen Pilger, der von Bordeaux über Istanbul, das damalige Konstantinopel, nach Jerusalem und dann über Rom zurück nach Bordeaux gepilgert ist. Wir wissen nicht, warum er den gefährlichen Landweg auf der Hinreise gewählt hat und nicht mit dem Schiff gereist ist. Vielleicht war er ein Verwaltungsbeamter, der an seinen Stationen Nachrichten zu überbringen hatte, vielleicht ein Abenteurer. Ja, vielleicht war er auch gar kein Mann, sondern eine Frau. Unserer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Das Itinerarium Burdigalense, so heißt sein Pilgerführer, ist nur kurz gehalten. Er listet die Orte auf, an denen seine Tagesetappen enden, und schreibt die Meilenangaben hinzu. Mehr nicht. Über 10.000 km hat er insgesamt zurückgelegt. Alleine für die Strecke von Konstantinopel nach Jerusalem brauchte er 2 Monate.

Die Mühsal und die Gefahren einer solchen Pilgerfahrt können wir Menschen im 21. Jh. nur mehr erahnen. Der Pilger konnte sich nicht wie Hape Kerkeling auf seinem Jakobsweg nach Santiago de Compostela in guten Hotels oder Pensionen einmieten oder einen Autobus für bestimmte Strecken benutzen. Der Pilger hatte kein Handy, um in einer abgelegenen Gegend Hilfe herbeizurufen. Er war ganz auf sich und das römische Straßensystem angewiesen. Es gab kein GPS, noch nicht einmal Karten der Provinzen, durch die er gegangen ist.

Und wenn wir davon ausgehen, dass er oder sie wirklich ein Pilger war, dann hatte er auch seine Angelegenheiten zu Hause in Bordeaux geregelt, hatte sein Testament gemacht und hat sich völlig mittellos auf die Reise begeben. Dafür stand er unter dem besonderen Schutz der Kirche. Wieviel ihm dieser Schutz geholfen hat, wissen wir heute auch nicht mehr. Seit dem Mailänder Edikt durch Kaiser Konstantin dem Großen im Jahre 313 konnte zwar jeder die Religion ausüben, der er nahestand, aber eine kirchliche Infrastruktur wie im Mittelalter gab es für Pilger nach Jerusalem sicherlich nicht.

Mittellos, angewiesen auf die christliche Hilfsbereitschaft der Menschen am Weg. Nicht wissen, welches der kürzeste und am wenigsten unbequeme Weg von A nach B ist. Nicht wissen, ob nach dem Essen noch ein weiteres Essen folgen wird oder ob es für die Nacht ein Dach über dem Kopf gibt. Und ganz in Gottes Hand sein. ‚Totus tuus‘ – Ganz Dein! Der Wahlspruch des Papstes Johannes Paul II. bedeutet auch eine radikale Nachfolge Jesu. Im Lukas-Evangelium steht: Die Füchse haben Gruben und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn dagegen hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann. (LK 9,58). Und weiter steht dort: Tragt keinen Geldbeutel, keinen Proviantsack, keine Sandalen, auch keinen Stock, und grüßt niemanden unterwegs. (Lk 10,4)

Es ist für mich als Mensch des 20. und 21. Jh’s. eine besondere Herausforderung. Genauso, wie es für viele von Ihnen eine besondere Herausforderung wäre. Totus tuus – ganz Dein! Ich weiß nicht, ob ich diese Herausforderung bewältigen kann. Alleine von Weilburg nach Frankfurt sind es mindestens 2 Tagesetappen – auf einer Strecke, die Sie und ich in 45 Minuten mit dem Auto zurücklegen können. Aber die Herausforderung ist es wert angenommen zu werden. Nicht nur die Herausforderung, einem fast 1.700 Jahre alten Pilgerführer, in Latein geschrieben, durch halb Europa und Vorderasien zu folgen, sondern auch oder gerade die Herausforderung anzunehmen, die Jesus seinen Jüngern gestellt hat.

Ich lade Sie ein, mich auf dem Pilgerweg von Weilburg nach Jerusalem in den nächsten Monaten und Jahren zu begleiten. Ich lade Sie ein, hier im Internet die Vorbereitungen und den Weg mitzuerleben. Ich kann nicht sagen, wann ich dort ankomme. Vielleicht 2009, vielleicht 2010, vielleicht noch später. Das 21. Jh. zeichnet sich besonders durch die wahnsinnige Geschwindigkeit der Veränderungen aus. Aber spannend für Sie und für mich wird es auf jeden Fall.

Einen Teil des Pilgerweges werde ich abändern. Ich werde erst in Mailand auf den Weg des Unbekannten aus Bordeaux stoßen, von dort nach Rom und wieder zurück pilgern. Und dann erst von Mailand nach Istanbul und weiter nach Jerusalem gehen.

Totus Tuus – ich freue mich auf die Herausforderung und ich freue mich über Ihre Begleitung.

Mit einem lauten Ultreya, dem uralten Gruß der Jakobspilger, und herzlichen Grüssen,

Ihr Karl-Josef Schäfer