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Schlagwort: lisa marie

Lisa on Tour

 

Es ist fast ein Jahr her, da habe ich über unsere Lisa Marie geschrieben: "Sie ist gar kein so typischer Teenager – denn welcher Teenager macht sich schon auf, um mit 3 Erwachsenen jenseits der 40 und drei durchgeknallten Hunden auf den Lahnhöhen rund 30 km zu pilgern?"

Damals schaute sie mich verständnislos an und meinte hinterher: "Es hat richtig Spaß gemacht!" Und auch auf einer Update-Etappe habe ich sie noch einmal mitnehmen können.

Aber eigentlich dachte ich, jetzt ist es vorbei. Nochmal bekomme ich sie nicht mit – und deshalb war es eigentlich eine rhetorische Frage, als ich vor 14 Tagen fragte: "Hast du Lust, mit mir zusammen den Rhein-Camino zu recherchieren? Mindestens von Neuss bis hinter Bonn – und dann, solange wir Lust haben?"

Tja, und jetzt soll es am Freitag losgehen. Round about 150 Kilometer bis nach Koblenz und dann mal schauen. Wahnsinn, oder?  Mir fällt meine eigene Kindheit ein, da ging es am Sonntag oft in den Grafenberger Wald. So bis 10 haben meine Eltern mich mitbekommen – dann wurde es deutlichst weniger und spätestens als die Familie nach Neuss umzog, ging dann bei den Familienausflügen gar nichts mehr. Spaziergänge, nein, das ganze Laufen war ganz einfach "doof".

So, und wir waren in der vergangenen Woche erstmal ein Paar Wanderschuhe kaufen. Nee, zu hohen Schuhen habe ich sie nicht überreden können – aber ein Paar gute Goretex-Schuhe sind es dann doch geworden. Obwohl Lisa bis zum Schluss darauf bestand, dass sie auch in ihren Turnschuhen wandern könne.  Und eine wasserdichte Jacke haben wir auch noch gekauft. Schick sieht es aus, die neue, blaue Jacke und die neuen, roten Schuhe. Zumindest in meinen Augen "schick", was Lisa davon hält, das sagt sie nicht (in diesem Fall ist es mir auch egal, hauptsache die Füße bleiben auch bei Regen trocken). Rucksack und die weitere Ausrüstung gibt es von Gabi.

Und ich bin mal gespannt, wie es ausgeht. Ich bin gespannt, wie lange ich hier im Blog schreiben darf 🙂 und ganz besonders, wie lange wir die traute Zweisamkeit entlang des Rheins durchhalten werden.

Ich halte Euch auf dem Laufenden! Am Freitag soll es losgehen! Bis dann!

23. Tag Metz 05.10.2007

 

Ruhetag – bevor wir morgen wieder nach Hause fahren. Gabi kommt nachher zusammen mit Lisa Marie. Wir wollen uns Metz ganz in Ruhe anschauen und morgen noch nach Verdun.

Gott, war die letzte Nacht nervig. Die gute Brühler Jakobspilger schnarcht, als müsse er die Eifelbäume absägen. Ich hatte mir schon so etwas gedacht, mich kräftig bemüht, frühzeitig einzuschlafen. Vater und Sohn waren noch einmal in die Stadt gegangen. Das ist mir auch gelungen, bin auch nur ganz kurz aufgewacht, als sie ins Zimmer kamen. Aber so gegen 1 ging es dann los. Kein Auge konnte ich mehr zumachen.

DerSohn, den er dabeihat, ist 13. Die Familie ist schon seit zwei Jahren auf dem Jakobsweg und jetzt, in den Herbstferien, fahren die beiden mit dem Fahrrad. Er ist auch schon über 50. Wie gesagt, Jakobspilger sind bis 30 oder über 50 Jahre alt. Mal sehen, ob die Statistik hält was sie verspricht. Er war ganz schön fertig mit der Welt, ist es wohl nicht gewohnt, soviele Kilometer auf dem Fahrrad abzuspulen.

Meine Pilgerwoche ist vorbei, heute soll sightseeing angesagt sein. Gabi wird so gegen 1 hier auftauchen und ich werde die Zeit bei Cafe au lait in einem der zahlreichen Strassencafes verbingen.

Fazit dieser Pilgerwoche? Gestern war das Wandern vielleicht so, daß man es als Pilgern bezeichnen konnte. Einer von insgesamt fünf Tagen. Es war sehr schwer wieder in den Tritt zu kommen – nein, nicht in Tritt mit den Füssen – der Kopf ist das Problem. Es gibt zu viele Dinge, über die ich mir Sorgen mache. Wo schlafe ich? Was esse ich? Wie geht es weiter? Wie läuft es zu Hause? Alles Fragen, die im Grunde genommen auf einer Pilgerreise uninteressant sind. „Er“ wird es schon richten. Totus tuus – ganz Dein! Ich muss mich mehr fallenlassen!

Heute morgen wieder in der Krypta zur heiligen Messe gewesen. 5 oder 6 Konzelebranten, alle dicke über 50. Wo sind die jungen Leute? Wo sind die Kapläne? Wo ist der Nachwuchs?

Und dann ganz ruhig durch die Altstadt geschlendert. Hier mal geschaut, dort mal einen Moment stehengeblieben. Nicht zu intensiv, mit Gabi und Lisa soll es ja auch noch interessant sein. Zweimal ins Strassencafe – das können die Franzosen und haben damit den Deutschen einiges voraus. Gegen 13 Uhr bin ich zum Place de la Republique – zu dem grossen Parkplatz habe ich die beiden bestellt. Das ist mit dem Auto nicht zu verfehlen, es gibt diesen Parkplatz und ich brauche nicht in der Nähe der Jugendherberge zu warten.

Es war nach 14 Uhr, als Gabi und Lisa endlich kamen. Die waren erstens später nach Metz gekommen und hatten dann die Jugendherberge gefunden und dort direkt geparkt. Zu Fuß in die Altstadt, naja, so kam es.

Es folgte ein herrlicher Nachmittag in Metz, mit Bummeln, Kathedralenbesichtigung, noch mehr Bummeln, Marche, hier schauen, dort schauen – alles bei herrlichem Wetter. Dann zur Jugendherberge, eingecheckt, Zimmer bezogen, geduscht und nochmal los: das illuminierte Metz schauen. Vorher noch ein Americain Sandwich bei Steinhoff (Baguette mit einer Art Bulette, Soße und dann aufgefüllt mit Pommes). Metz versteht sich als Stadt der Lichter – und gerade an so einem lauen Oktoberabend macht Metz diesem Namen alle Ehre.

Erkenntnis desTages: Loslassen

3. Tag Diez – Obernhof 10.01.2007

 
An alle Golfspieler: wenn Ihr tatsächlich glaubt, dass Golfspielen demütig macht, dann müsst Ihr mal wandern gehen. Dann müsst Ihr Euch mal 26 km vornehmen und dann rund 30 km, die letzten 5 km bei völliger Dunkelheit auf einer Serpentinenstrasse, abspulen. Dann wisst Ihr, was Demut bedeutet.
 
Diese 26 km zwischen Diez und Obernhof war bisher die landschaftlich reizvollste, aber auch die körperlich anstrengenste Etappe auf unserem Jakobsweg. Wir dachten immer, dass das Lahntal hier bei uns in Weilburg schön ist – nein, Richtung Rhein wird es immer reizvoller und schöner. "Warum denn in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah!" Deutschland hat so wunderschöne Ecken, die es zu entdecken gilt. Allein dafür lohnt es sich schon, dem ausgeschilderten Lahn-Camino zu folgen und nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Diese Etappe war die Etappe der Schlösser und Burgen. Und der Schmerzen!
 
Der Reihe nach: um kurz nach acht sind wir aufgebrochen. Gabi, Lisa Marie (die manchmal doch kein typischer Teenager von 14 Jahren ist), die Hunde und ich. Mit dem Auto nach Diez, am Bahnhof geparkt und dann ging es so gegen 9 Uhr los. Wieder der schönste Tag der Woche, frühlingshafte Temperaturen mitten im Januar. Dieser Tag gab uns einen Vorgeschmack auf die positiven Seiten des Klimawandels.
 
In Diez waren wir einmal kurz unsicher, wie es weitergeht. Der Lahnhöhenweg führt in einen privaten Hof hinein, so scheint es zumindest. Aber hinter dem letzten Haus führt ein schmaler Weg links den Berg hinauf. Beim Hinaufkraxeln ist dann das Foto vom Grafenschloss Diez entstanden, das traumhaft schön im Sonnenlicht hinter uns geblieben ist.
 
Oben auf der Kuppe liegt dann schon die Schaumburg vor dem Pilger. Ein reichliches Stück Weg noch, und gerade hier führt der schmale Weg leider direkt an der Strasse entlang. Aber auch unangenehme Wegstrecken gehen einmal zu Ende und nach kurzer Zeit führt der Pilgerpfad über die Strasse wieder in den Wald zum Abstieg nach Fachingen (dahin, wo das weltberühmte Fachinger herkommt).
 
Auf- und Abstiege haben uns den ganzen Tag begleitet. Kein Vergleich mit unserer ersten Etappe, viel anstrengender, viel steiler. Aber die Ausblicke an den zahlreichen Aussichtspunkten machen so manchen Anstieg wieder wett.
 
Ein Tipp für ähnlich untrainierte Pilger: erspart Euch den Anstieg vom Sportplatz in Laurenburg, sondern nehmt die Strasse durch den Ort. Hinter Laurenburg kommt noch einmal an Anstieg, der es in sich hat und wo Ihr für jeden gesparten Höhenmeter auf der Tour vorher dankbar seid.
 
In Laurenburg sind Hilde und Bahrani zu uns gestossen. Fotos gibt es leider keine, dafür war erst keine Kraft und später kein Licht mehr da. Aber das holen wir nach.
 
Hilde war mit dem Auto direkt nach Laurenburg gefahren um uns die letzten Kilometer bis Obernhof zu begleiten. Eigentlich wollte sie zwei Hunde mitbringen – im Nachhinein waren beide Entscheidungen richtig: nach Laurenburg und nicht nach Diez zu fahren und nur einen Hund ins Auto zu packen.
 
Oben auf der Höhe, wo Hilde wartete, gab es erst einmal Zickenalarm. Feny und Bahrani haben sich tüchtig in die Wolle gekriegt. Bahrani hat Glück gehabt, naja, schliesslich soll sie ja auch noch auf Ausstellungen und in die Zucht – kein einziger Kratzer. Mit unserer Feny war es ein wenig anders. Ein Schlappohr perforiert und abends haben wir dann noch eine Stelle im Nacken gefunden. Bahrani hat gut zugelangt.  Das zeigt aber auch, dass Rudelhaltung zwar gut für die Hunde und für die Halter ist – ein oder eine Fremde jedoch relativ wenig Chancen hat, in dieses Rudel hineinzukommen. Soziale Kontakte, Umgang mit Artgenossen, tendieren da schon mal gegen Null. Denn ganz ehrlich: welcher Hundehalter kann sich bei einer Beisserei schon seelenruhig in einiger Entfernung aufbauen und abwarten, was passiert? Ich dachte einfach: "Bahrani ist für Hilde werthaltiger, solange sie nichts tut …." und Hilde schien die gleiche Meinung über uns zu haben. Später wollte sich Feny noch für die erlittene Schmach revanchieren und zog Gabi einmal kräftig über den Waldboden. Hatte aber keine Chance, Gabi war dann doch zu schwer 🙂
 
In Laurenburg oder vielmehr zum Treffpunkt mit Hilde kamen wir schon rund 2 Stunden später als geplant. Und das anstrengenste Stück lag noch vor uns. Wieder ein Abstieg und dann ein gutes Stück an der Lahn entlang. Wir überquerten die Gleise und standen dann im Hof eines Anwesens. Auf der anderen Seite der Bahngleise konnten wir nach längerer Ratlosigkeit unseren Weg sehen. Für zukünftige Pilger: nicht der Wegmarkierung über die Gleise folgen, sondern geradeaus weiter durch das Dickicht und auf dem Trampelpfad. Hinter dem verlassenen Haus führt der Weg dann wieder steil nach oben.
 
Schmerzende Füsse, schmerzende Muskeln – Gabi, Lisa, die Hunde und ich hatten schon gute 15 km mit ständigem auf und ab hinter uns. Aber dieser Anstieg hat nicht nur uns sondern auch die frische Hilde geschafft. Gabi klammerte sich an die Hoffnung: "Wenn ich besonders schnell gehe, dann schaffen wir es noch vor der Dunkelheit!" Pustekuchen! Und ich habe mich an meine gute, katholische Erziehung erinnert und den schmerzhaften Rosenkranz aus den Tiefen meines Gedächtnisses hervorgekramt. Nein, nicht wirklich um zu Beten, sondern vielmehr, um nicht mehr denken zu müssen. Klar, so manches blasphemische Stossgebet habe ich trotzdem in Richtung Himmel geschickt, aber ich muss sagen, dass die Katholen durchaus wussten, wozu so eine Litanei oder ein Rosenkranz gut sind. Absolute Leere, nur noch ein Fuss vor den anderen. Und wieder: "Ehre sei dem Vater und … – Vater unser im Himmel … – Ave Maria …" Irgendwann habe ich mir dann gedacht: "Wenn Du sowieso schon betest, dann kannst Du das gleich auch mit einem Anliegen verbinden. Der da oben wird das schon richtig einzuordnen wissen." Und so war dann der Rosenkranz für die Schäfers, die Rabensteins, die Strommens, die Kleins, Schulzendorffs, Eceterskis und Kargs – also alle, die zum erweiterten Familienkreis zählen. Ich hoffe, denen haben wenigstens die Ohren geklingelt. Und für die katholischen Leser: dieser Anstieg hat für einen kompletten Rosenkranz gereicht!!!!! Und der dauert …..
 
Oben angekommen war das Schlimmste überstanden. Nur kam jetzt bald die Dämmerung, wir haben den Weg verloren und konnten ihn auch nicht wiederfinden. Die Lichter von Obernhof zeigten uns aber die Richtung und bald kamen wir an eine Strasse, die in Serpentinen in den Ort hinuntergeführt hat. Dieses Asphaltlaufen hat uns dann noch einmal den Rest gegeben. Und im Kopf? Stellt Euch einmal vor, Ihr geht auf Euer Ziel zu (in diesem Fall das Kloster Arnstein im Scheinwerferlicht) und dann kommt eine Kehre und Ihr lauft wieder ins Dunkel hinein. Klar, auch daraus kann man im Kopf etwas machen – aber unsere Nerven, die Füsse und Knie wollten einfach nicht mehr. Lisa musste sich noch schnell eine Zerrung am Fuss holen, aber sonst ist alles gut gegengangen.
 
Der Herrgott hat wieder ein Einsehen gehabt, 10 Minuten, nachdem wir am Bahnhof ankamen, sollte der Zug Richtung Laurenburg abgehen. Hilde stieg in Laurenburg aus (wir waren zu schwach 🙂 um sie vernünftig zu verabschieden und winkten mehr oder weniger müde) und wir kamen auch bald in Diez an.
 
"Der Jakobsweg gibt Dir alles, was Du brauchst – aber nicht mehr!" Wir hatten einen wunderschönen Tag erwischt, milde Temperaturen, kein Regen. Kaum im Auto, wurde aus dem schon heftigen Wind ein Sturm und kurz vor Limburg prasselte der Regen.
 
Erkenntnisse des dritten Tages:
 
1. wir brauchen Wanderkarten im Massstab 1:25.000
2. es geht immer noch ein Stückchen weiter
3. um Demut zu lernen, brauchen wir nicht ins Kloster
4. Der Weg gibt uns alles, was wir wirklich brauchen
 
   

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