Geschichte - Kultur - Spiritualität

Schlagwort: entfernungen

Und noch einmal Lahn-Camino:

 

Sehr geehrter Herr Schäfer!

Ende September 07 bin ich den Jakobsweg von Wetzlar bis Lahnstein gegangen und habe dabei Ihren Pilgerführer benutzt. Im Vorwort bitten Sie um Rückmeldungen – hier ist eine solche:

Insgesamt hat mir Ihre Schrift gute Dienste geleistet: kompakt, informativ und wenig Gewicht. Zusammen mit den nötigen Karten war eine einfache Orientierung jederzeit möglich.

Einen konkreten Verbesserungsvorschlag hätte ich: Sie geben für die einzelnen Etappen jeweils nur die Gesamtlänge an, nicht aber die Kilometerzahl zwischen einzelnen Ortschaften oder anderen Landschaftspunkten. Dies ist ausreichend, so lange man für sich diese Etappen übernimmt. Für eine Etappenplanung, die von Ihren Vorschlägen abweicht, wäre es jedoch sehr hilfreich, wenigstens die Entfernungen zwischen den größeren Ortschaften angegeben zu finden. Da ich etwas zügiger unterwegs war und entsprechend längere als die angegebenen Etappen gelaufen bin, war es anhand Ihrer Angeben nur schwer möglich, die Längen der von mir geplanten Etappen abzuschätzen. Gleichwohl bin ich jeden Nachmittag glücklich am Zielpunkt angekommen, ohne mich völlig in der Kilometerzahl verschätzt zu haben.

Darüber hinaus ließen sich vielleicht die 20 Seiten der Einleitung ein wenig kürzen (Literaturtipps etc.); ob Legenden und Tagesmotti wirklich erforderlich sind, ist sicherlich Geschmackssache.

Und schließlich: Auf Seite 77 erwähnen Sie eine zugewucherte und nicht markierte Passage des Jakobswegs. Diese Problem ist mittlerweile beseitigt.

Abgesehen von diesen Kleinigkeiten bin ich gerne mit Ihrem Pilgerführer unterwegs gewesen.

Alles Gute!

17. Tag Trier – Wasserbillig 06.03.2007

„Hört auf vor meinen Augen Böses zu tun. Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten. Jesaja 1,16f“
„Man kann auf dem richtigen Weg sein, aber nicht der richtige Mensch für diesen Weg. Was meinen Andere, wozu du da bist?“
Ganz schön heftig, oder? Gestern wollte ich noch schreiben, dass diese SMS einfach nicht passen können, weil sie an soviele Menschen gerichtet ist – und siehe da, die Kurznachrichten vom 06. März passen wie Faust auf Auge. Seltsam! An die regelmässigen Mitleser: seid mir bitte nicht böse, wenn ich jetzt, bis zur nächsten Pilgeretappe, die Zwischenetappen jeweils als Niederschrift meiner Gedanken zu den Fasten-SMS nutze.
Für heute spare ich mir aber einen Kommentar. Die SMS forderten auch an diesem Pilgertag nicht zum Innehalten auf, sondern wurden bei Erhalt einfach nur abgespeichert. Innehalten, Geniessen – vielleicht ist das auch der Grund, warum ich (und Gabi) Schwierigkeiten damit haben, einfach „Anzunehmen“.
Wir sind ganz zeitig aufgebrochen. Schon um viertel nach Acht waren wir auf dem Weg. Der Wetterbericht sagte für den späten Nachmittag Regen voraus – und dem wollten wir möglichst aus dem Wege gehen. Und da wir Entfernungen auch am 17. Tag noch nicht richtig einschätzen können, marschieren wir lieber früher, als später nass zu werden.
Ziemlich trostlos führte uns der Weg Richtung Luxemburg auf der Zurmaiener Strasse durch die Gewerbeansiedlungen links und rechts zur Römerbrücke und auf die andere Seite der Mosel. Der heftige Anstieg hoch zur Mariensäule – von Wolfgang am Vortag lapidar mit „es geht ein wenig hoch“ abgetan – ging uns ganz schön an die Substanz. Aber der Blick von der Mariensäule auf Trier entschädigt für alle Anstrengungen. „Da, dort drüben ist St. Matthias“ und „Ach, da ist ja unser Hotel“. „Schau, da liegen die Kaiserthermen, die Porta Nigra, der Dom, St. Paulin“ – diesen Blick auf Trier vergisst man als Pilger nicht mehr so schnell. Aber es war stark windig und wir kräftig durchgeschwitzt. Deshalb haben wir uns viel zu schnell von diesem traumhaften Blick losgerissen und sind weiter Richtung Wasserbillig.
Der Massstab der Karte, die wir vom Wolfgang bekommen hatten, war mit seinen 1:25.000 etwas sehr gewöhnungsbedürftig. Wir sind viel zu schnell gepilgert, haben uns viel zu wenig Zeit für Pausen genommen – immer, weil wir dachten, es wäre noch so weit zu laufen. Im einzigen Ort, den wir passiert haben, wollten wir uns eigentlich mit zusätzlichen Getränken versorgen – aber wie so häufig konnten wir nicht einen Laden finden. Und die Hemmschwelle, einfach an einer Haustüre zu klingeln und um Wasser zu bitten, ist noch viel zu gross.
Schon um halb eins kamen wir in Wasserbilligerbrück an, die deutsche Seite der Grenze. Ein Blick auf den Busfahrplan: von hier können wir stündlich mit dem Bus nach Trier zurückkommen. Aber wir sind noch weiter, über die Sauer-Brücke und damit die Grenze, nach Wasserbillig in Luxemburg. Der starke Verkehr ging uns mal wieder auf den Geist. Dieser Wechsel von Abgeschiedenheit hinein ins tobende Leben fällt uns schwer. Aber auf der Brücke begrüsste uns wieder der nassauische Löwe, zumindest haben wir ihn zum Nassauer erklärt, ohne zu wissen, ob die nassauischen Großherzöge tatsächlich den Löwen nach Luxemburg exportiert, oder ob sie dort einen eigenen Löwen vorfanden und sich sogleich heimisch fühlten. Fakt ist, dass Adolph nach seiner Abdankung und der Verabschiedung von seinen Truppen in Bayern niemals mehr nach Nassau zurückkehrte. Es wäre wohl zu schmerzlich für ihn gewesen, in sein Nassauer Land, dass jetzt eine preussische Provinz war, zurückzukehren. Achso, und ich muss noch herausfinden, ob die protestantischen Nassauer in Luxemburg wieder katholisch wurden – das bin ich Wolfgang noch schuldig. Kleinen Moment, klären wir in den nächsten Tagen.
Nee, machen wir sofort: erstens, lieber Wolfgang, hast Du Recht – die Luxemburger sind zu 90% römisch-katholisch, somit ist anzunehmen, dass wirklich die grossherzögliche Familie in einer katholischen Kathedrale „herummacht“. Die zweite Wikipedia-Suche ergibt folgenden Satz: „Adolf wurde – als Protestant in einem katholischen Land – Großherzog von Luxemburg und Begründer des Hauses Luxemburg-Nassau.“ Die dritte Wikipedia-Suche ergibt den ersten Hinweis: „1920 trat Marie-Adelheid in ein Karmeliterinnenkloster in Modena ein, später stieß sie zu den „Kleinen Schwestern der Armen“ in Rom.“ Beides sind katholische Orden. Und jetzt kommt die vierte Suche: „Der protestantische Erbgroßherzog Wilhelm heiratet am 21. Juni 1893 die portugiesische Infantin Maria Anna von Braganza, die katholischen Glaubens ist. Die sechs Mädchen des erbgroßherzöglichen Paares werden demzufolge katholisch erzogen, wie der vorwiegende Teil der luxemburgischen Bevölkerung.“ Da ist es also: die sind nicht konvertiert (ach, was wäre das schön gewesen, den Satz zu finden: „Für sein katholisches Volk ist Adolf der I. zum katholischen Glauben konvertiert!“), die haben einfach eine katholische Frau geheiratet, damit sind die Kinder laut katholischem Kirchenrecht automatisch katholisch. Manchmal ist es so einfach. Auf jeden Fall weiss ich jetzt eine Menge über die Nassau-Luxemburger. Kannst mich fragen, wenn Du etwas wissen willst :-). Und lt. Forbes sind die Grossherzöge die am meisten unterschätzen Monarchen der Welt – das Privatvermögen wird auf 4,2 Milliarden geschätzt. Nicht schlecht, Herr Specht! Achso, und den Löwen haben sie exportiert – müssen sie auch, denn lt. Konstitution müssen sich die Luxemburger auch heute noch mit dem Zusatz „aus Nassau“ versehen!
Soweit der Geschichts-Exkurs eines Weilburgers (naja, zugereisten Weilburgers) über Luxemburg. Weiter geht es mit unserem Pilgerweg:
Wir hatten gehofft, an der Touri-Info in Wasserbilligerbrück oder in Wasserbillig Informationen zum weiteren Weg nach Luxemburg und dann Richtung Reims zu bekommen. War nichts. Alles verriegelt und verrammelt. Wohl gerade Mittagspause oder Winterschlaf, ich weiss es nicht so genau. Am Bahnhof suchten wir den Zug zurück heraus, dann ein Cafe. Schlecht, sehr schlecht. Zumindest, wie gerade gesagt, jetzt zur Winterszeit. Also in ein Hotel und dort, in der angeschlossenen Dorfkneipe der 60er-Jahre einen Kaffee und einen Cappuccino. Einen Stempel gabs auch noch. Aber die Frage nach dem weiteren Pilgerweg konnten sie nicht beantworten. Schade, war aber wohl auch nicht zu erwarten.
Zugfahren ist billig! Laut Fahrkarte haben wir für eine Tagesrückfahrkarte nach Trier pro Person 4,40 gezahlt. Tagesrückfahrkarte hätten wir nicht gebraucht, gab es einfach so. Um viertel vor zwei sassen wir im Zug nach Trier, gingen gemütlich vom Hauptbahnhof zur Porta Nigra und von dort noch einmal in die Stadt zu dem Cafe, mit dem Spitzen-Streuselkuchen für kleines Geld. 2 Stücke gekauft, denn wir wollten die Karte noch schnell nach Schweich zurückbringen. Schade, Wolfgang haben wir um wenige Minuten verpasst. Wolfgang, bitte verzeih‘ uns, dass wir den Kuchen nicht dagelassen haben – aber ganz ehrlich: da waren wir nach dem Genuss vom Vortag doch ein wenig egoistisch. Den haben wir restlos während der Fahrt verputzt – aber dabei auch ganz lieb an Dich gedacht!
So, der grosse Meilenstein Trier ist erreicht, der etwas kleinere Meilenstein Luxemburg auch. Die nächsten Meilensteine sind jetzt Luxemburg-Stadt, Reims und dann Paris und Chartres. Ostern, oder aber wahrscheinlicher die Woche danach, geht es weiter.
Erkenntnis des Tages:
wir können 20 km in 5 Stunden schaffen, auch wenn es auf und ab geht

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