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Zwischenetappe Nancy – Joinville 05.01.2008

 

Schon einmal in einem Zimmer gelegen, in das mitten in der Nacht ein anderer Gast versucht hat hineinzukommen? Immer und immer wieder? Ohne zu merken, dass er vor der falschen Tür steht? Schlüssel rein, Türklinke gedrückt, Schlüssel raus, Pause (Schlüssel angeguckt?) – Schlüssel rein, Türklinke gedrückt, Schlüssel raus, Pause (Schlüssel angeguckt?) – Schlüssel rein, Türklinke gedrückt, Schlüssel raus, Pause (Schlüssel angeguckt?) – Schlüssel rein, … neee, jetzt wird’s langweilig.

Die Schwierigkeit ist, aus dem Tiefschlaf herauszukommen und etwas zu unternehmen. Gabi gab mal einmal vorsichtig Laut – da war für einen Moment Ruhe. Aber erst als ich mit bewusstem Getöse aus dem Bett sprang, verzogen sich die Möchtegern-Eindringlinge ganz schnell.

Ein Blick auf die Uhr: 1 Uhr. Und mindestens eine Stunde gebraucht, um wieder einzuschlafen.

Eigentlich sollte es heute morgen weitergehen, mit dem Pilgern meine ich. Aber wie gesagt: es hat nicht sollen sein. Beim Aufstehen Gabi beobachtet, deren Schultern und Rücken taten immer noch weh. Ich bin dann erstmal zum "guten" französischen Frühstück (Kaffee, Milch, 1/3 Baguette, Butter und irgendeine Marmelade) nach unten. Kurzer Check vor der Tür: spiegelglatt und Regen.

Die Etappe Liverdun – Toul soll lt. Wanderführer und Karte hauptsächlich an der Mosel entlanglaufen. Ein kurzes Stück Schotterweg wird eigens erwähnt. Nee, auch dieser Tag verspricht nichts Gutes. Bei Glatteis auf der Strasse/Bürgersteig/Fahrradweg pilgern – das war auch für mich nichts. Und Gabi wird sich nur noch mehr verspannen.

"Was hältst Du davon, wenn wir mit dem Auto nach Toul fahren? WWW sagt Dauerregen voraus!". WWW? Ganz einfach: Wolfgang Welters Wetterbericht – ein von uns geschätzter und gerne in Anspruch genommener SMS-Service – solange wir uns einigermassen im Bereich Trier aufgehalten haben. In Zukunft können wir nur hoffen, dass er noch an uns denkt und das Internet zu Rate zieht.

Gabi konnte man die Erleichterung über diesen Ruhetag ansehen. Und so ging es nach dem Frühstück und Packen und Zimmer Räumen mit dem Auto über Liverdun nach Toul. Immer schön der Beschreibung im Outdoor-Führer nach.

Leider war die Kirche in Liverdun geschlossen, es soll sich eine sitzenden Madonna (Pieta?) aus dem 14. Jh. dort befinden. Aber der Dauerregen machte das Städtchen irgendwie interessant. Das Schloss Corbin, die Bogengänge, das grosse Tor zum Rathaus mit seinen arabisch anmutenden Verzierungen, das alte Waschhaus – wirklich, vielleicht wäre es an einem normalen Tag ohne Regen uninteressant gewesen. Diese kleinen französischen Ortschaften haben alle eine Art morbiden Charme, der von Dauerregen nur noch weiter unterstützt wird. An allen Ecken und Enden ist der Verfall, ist das Alter zu spüren. Hier in Deutschland findet man soetwas höchstens noch im Osten – und auch dort immer weniger. Wir sind halt Perfektionisten.

Und im selben Thema kann ich auch gleich für Toul weitermachen. Die Fotos geben das schön wieder: die kaputten Fenster an der Kathedrale in Toul. So etwas würde es in Deutschland nicht geben. Die Kirchensteuer machts möglich.

Wir haben uns in der Nähe der Kathedrale einen Parkplatz gesucht und wollten erst mal zur Touri-Info. Dann stand aber das Tor zum Kreuzgang des Domes weit offen und ich wäre nicht ich, wenn ich dort hätte dran vorbeigehen können. Wenn es nicht so kalt und zugig gewesen wäre: ich hätte den Tag nur im Kreuzgang verbringen können. In meiner Vorstellungswelt waren die leeren Sockel wieder mit Heiligenfiguren bestückt, die Mönche bemühten sich gemessenen Schrittes ihre Angelegenheiten zu erledigen und hin und wieder setzte sich ein müder Pilger (wie war der denn hier hereingekommen? :-)) auf die Brüstung und verzehrte sein karges Mahl.

Das Innere der Kathedrale? Es wird restauriert und gebaut. Bänke, Altäre, Ausstattung sind mit einer dicken Staubschicht überzogen. Das linke Seitenschiff und der Chor sind durch hohe Holzwände abgetrennt. Nun habe ich die Fähigkeit, störende Dinge auszublenden. Hier ist es mir aber nicht gelungen. Schnell wieder heraus, von aussen ist die Kathedrale um einiges eindrucksvoller. Kein Vergleich zu Metz, kein Vergleich zu den vielen kleinen Dorfkirchen, die wir schon besucht haben.

Wir wollten erst mal zum ABCHotel und fragten in der Touri-Info neben der Kathedrale, wie wir es finden. Sehr freundlich, sehr nett, kein Deutsch, aber Englisch perfekt. Was will das Touristenherz mehr? Das Hotel haben wir mit dem Stadtplan auch schnell gefunden – nur ein Zimmer für 36 Euro gab es da nicht für uns. Auch kein Zimmer für mehr oder weniger – es gab einfach gar kein Zimmer mehr dort. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen Anfang Januar? Für zukünftige Pilger: das ABCHotel hat eine Spitzenlage mitten in der Stadt, vernünftige Preise und das Restaurant unten bietet einen tollen Kaffee (allerdings für 3 Euro). Drinnen waren wir allerdings nicht.

Wir haben erstmal einen Kaffee getrunken und unsere mittlerweile diversen Zettel mit Hotelempfehlungen zu Rate gezogen. Ergebnis: lass uns noch einen Stadtrundgang machen und dann weiterfahren. Gesagt, getan – der Pilgerführer sagt, man soll sich 2 oder 3 Stunden Zeit für Toul nehmen. Das ist richtig – aber mehr muss es auch nicht sein.

Wir also weiter, immer entlang unserer geplanten Route. Jetzt nach Vaucouleurs und von dort gleich weiter nach Domremy-la-Pucelle, dem Geburtsort von Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orleans.

Das Geburtshaus der Heiligen, die erst gegen die Engländer siegreich gekämpft hatte, dann wegen Ketzerei zum Feuertod verurteilt und verbrannt, wenige Jahre später rehabilitiert und schliesslich um 1920 herum heilig gesprochen wurde, ist noch erhalten und als Museum zu besichtigen. (Puhh – furchtbarer Satz – so etwas passiert, wenn man zu schnell zuviel Infos schreiben will :-)) In der alten und schönen Kirche nebenan wird ausdrücklich darauf hingewiesen: "Dies ist das Taufbecken von Johanna", "Dies ist der Kerzenleuchter, den Johanna …" – nee, das natürlich nicht. Aber ein bisschen komisch kommt es einem schon vor.

Durch Zufall habe ich an einer Säule die Darstellung des heiligen Sebastians entdeckt und fotografiert. Für mich im Halbdunkel der Kirche der schönste und faszinierendste Teil.

Insgesamt waren Gabi und ich jetzt schon als Touristen und nicht mehr als Pilger unterwegs. Ein paar Kilometer weiter wurde an der Stelle, an der Johanna die erste Marienerscheinung gehabt haben soll, eine grosse Basilika errichtet. Toller Platz, toller Blick ins Land hinein. Wenn auch die Basilika selbst mit den riesigen Wandgemälden (Geschichte von Johannas Leben) erschlagend wirkt, so war unten die Gedenkstätte für die gefallenen, französischen Soldaten ein Ort, an dem ich ein wenig Ruhe finden konnte.

Im Pilgerrestaurant nebenan haben wir eine heisse Schokolade getrunken – sehr sauber, sehr ordentlich, vernünftige Preise (heisst: kein Touristennepp). Es wird von liebenswerten Nonnen (Schwestern) betrieben, die alle in ihrer Heimattracht durch das Restaurant laufen.

In Chassey-Beaupre, dem nächsten Etappenziel an unserem Jakobsweg, versuchten wir, die Weinstöcke zu finden. Immerhin schreibt der Outdoor-Führer genau auf dieser Etappe über das Zentrum der Champagne. Gabi meinte: "In Deutschland braucht man zur Herstellung von Sekt zumindest Trauben – die machen das hier künstlich, oder?" Auf jeden Fall hatten wir viel Gesprächsstoff und sind, nachdem wir in Chassey kurz ausgestiegen sind, gleich weiter nach Joinville gefahren.

In Joinville sollte unser Januar-Pilgerweg enden und deshalb haben wir nach einem Hotel Ausschau gehalten. Wir wollten hier übernachten und dann am Sonntagmorgen zurückfahren.

Es war nicht allzu schwierig, das Hotel du Soleil d’Or in Joinville zu finden. Ein paarmal gefragt – und wir standen vor dem Haus, das uns nicht den Eindruck einer Pilgerherberge machte. Der Outdoor-Pilgerführer aus dem Hause Stein nennt nur dieses Hotel namentlich und schreibt daneben: "ab Euro 33". Ein Hotelzimmer ab 33 Euro und ein Restaurant mit Menüpreisen ab 75 Euro? Irgendwie passt das nicht zusammen und wir wurden auch gleich eines Besseren belehrt. Die draussen angebrachten Zimmerpreise begannen für ein Doppelzimmer bei 65 Euro. "Sollen wir?" schaute ich Gabi an. Okay, das leisten wir uns – als uns dann aber an der Rezeption ein Zimmer für 95 Euro angeboten wurde, haben wir kehrtgemacht und das Weite gesucht. Unser Pilgerbudget soll ja jetzt im März noch ein Stückchen reichen.

Übernachtet und fürstlich gegessen haben wir schlussendlich im Hotel de la Poste. Vom ADAC und hundert anderen Automobilclubs empfohlen, Sterne von allen möglichen Organisationen (eBay lässt grüssen, oder?). Auch wenn es von aussen nicht einladend aussah: wir haben für 39 Euro richtig gut geduscht und geschlafen. Und hatten ein Menü das uns das Gefühl gab, wie Gott in Frankreich zu leben. Anscheinend ist Fisch in Frankreich erheblich preiswerter als Fleisch – das hatten wir schon in Nancy im Flunch gemerkt und auch hier gab es eine riesige Lachsschnitte, die dem Steak absolut den Rang abgelaufen hat. 

Zwischenetappe

 
Der logistische und organisatorische Aufwand wird so langsam aber sicher wieder enorm. Am Anfang war es einfach so, dass wir gar nichts wussten, und uns so jedes einzelne Stückchen erarbeitet haben. Dank der Menschen, die wir am Weg getroffen haben, ging dieser Aufwand immer mehr zurück.
 
Jetzt wird es wieder mehr. Wobei ich allerdings auch nicht so ganz verstehe, warum z.B. im Pilgerführer Trier-Vezelay von Outdoor (Autor: Michael Moll) eine Tagesetappe in einem Ort endet, in dem es keine Übernachtungsmöglichkeit gibt UND am späten Nachmittag kein Bus mehr in Richtung Trier fährt. Unverständlich, das kann man doch geschickter machen, oder?
 
Für uns soll es jetzt zunächst am Sonntag von Schweich nach Trier gehen. Und dann, weil weder Gabi noch ich jemals RICHTIG in Trier waren, wollen wir uns einen ganzen Tag Zeit nehmen. Und dann geht es am Dienstag weiter – nur die Himmelsrichtung wissen wir noch nicht so ganz.
 
Uns geht es im Moment wie an der Mosel: wir wissen nicht so genau, wie es weitergehen soll. Vor ein paar Wochen tauchte dann, wie aus dem Nichts, Wolfgang Welter auf und half uns weiter – vielleicht gibt es so jemanden auch für die Strecke Trier – Reims? So mitten durch Luxemburg! Das hätte zumindest etwas – so von Weilburg nach Luxemburg, das wäre doch sogar etwas für unser Weilburger Tageblatt. Dafür ist aber nicht die richtige Jahreszeit – die Luxemburger sind im Weilburger Tageblatt immer erst im November dran (Jahrgedächtnis des ersten Nassauers, der den Grossherzoglichen Stuhl in Luxemburg innehatte).
 
Aber auch die Strecke über Metz hat etwas. Erstens bleiben wir noch ein Stückchen in Deutschland, zweitens bleiben wir auf einem gut beschriebenen Weg, und drittens nehmen wir dann noch ABC in Metz mit. Ausserdem führt die Strecke von Metz nach Reims über Verdun – da war ich vor Jahren mal.
 
Es wird sich finden – schliesslich ist am Montag Zeit genug, Informationen über den weiteren Weg einzuholen. Reizvoll sind beide Wege.

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