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Ausflugstipp: Freistaat Flaschenhals am Rhein / von Karl-Josef Schäfer

 

90 Jahre nach der Anerkennung im Versailler Vertrag

Zwischen Kaub und Lorch im Mittelrheintal, und bis nach Limburg an der Lahn, erstreckt sich der historische Freistaat Flaschenhals. Heute laden Winzer zur Weinprobe in eine der schönsten Landstriche Deutschlands ein.

Wir befinden uns im Jahr 1918 nach Christus. Das ganze Rheinland ist von den Alliierten besetzt. Das ganze Rheinland? Nein! Ein von unbeugsamen Deutschen bevölkerter Landstrich hört nicht auf, sich selber zu verwalten und gründet am 19. Januar 1919 den Freistaat Flaschenhals.

Was wie der Einstieg in eine neue Geschichte der beliebten Asterix-Edition klingt, gab es in Deutschland wirklich. Und hatte Bestand bis zum 23. Februar 1923, als sich die französischen Besatzungstruppen entschlossen, der schwierigen Situation ein Ende zu bereiten.

Die Verträge von Versailles

Im Versailler Vertrag entstand das Kuriosum. Die Besetzung des Rheinlandes wurde angeordnet. Die Besatzungstruppen der Amerikaner in Koblenz und der Franzosen in Mainz schlugen mit dem Zirkel einen Kreis um die Brückenköpfe. Dabei entstand ein schmaler Streifen auf der rechten Rheinseite zwischen Kaub und Lorch. Im Hinterland erstreckte er sich bis Limburg an der Lahn und blieb unbesetzt. Die Region wurde im Versailler Vertrag als unbesetztes Gebiet anerkannt und erhielt wegen seiner Form von den selbstbewussten Menschen der region den Namen „Freistaat Flaschenhals“.

Schmuggler und Schwarzmarkthändler

Die Franzosen legten Einspruch gegen diese Konstruktion ein. Aber sie konnten sich gegen die Verbündeten und die deutsche Waffenstillstandskommission nicht durchsetzen. Die Grenzen wurden geschlossen, niemand sollte heraus und niemand kam hinein. Züge fuhren ohne Stop durch das Gebiet. Die Versorgungslage für die rund 8.000 Menschen im Gebiet wurde katastrophal. Über Limburg, der nächstgelegenen Stadt im unbesetzten Deutschland, gelangten Lebensmittel und Heizmaterialien aus dem unbesetzten Deutschland an den Rhein. Aber die Straßen waren schlecht, die Fuhrwerke und Lastwagen konnten nur halb beladen werden. Oftmals trafen die Transporte verspätet oder gar nicht ein. Die Preise stiegen ins Unermessliche.

Ein Paradies für Schmuggler und Schwarzhändler tat sich auf. Nachts legten Boote besonders in Lorch an, durch eine vorgelagerte Insel geschützt vor den Blicken von der anderen Rheinseite. Sie halfen, die Versorgung im Flaschenhals aufrecht zu erhalten. Der beliebte Rheingauer Riesling-Wein aber wurde verladen und nach Limburg in Richtung unbesetztes Deutschland geschafft.

Ende des Freistaates Flaschenhals

Ob es am Wein lag, den die Rheingauer Winzer aus ihren Kellern in den Flaschenhals vor den Franzosen in Sicherheit brachten? Der Kommandeur der französischen Besatzungstruppen, General Henry Mordacq, versuchte auf jeden Fall jede Gelegenheit wahrzunehmen, den Freistaat Flaschenhals zu beseitigen.

Im Winter 1922 geraten die Deutschen mit ihren Reparationszahlungen von Holz und Kohle in Verzug. Das Ruhrgebiet wird von französischen Truppen besetzt und die Gelegenheit wahrgenommen, auch in den Flaschenzahl einzumarschieren. Gegen den Widerstand der Bevölkerung endete am 23. Februar 1923 offiziell die Geschichte des politischen Kuriosums auf deutschem Boden.

Wein, Geschichte, Kultur und Natur auf Schritt und Tritt

Zum 75. Jubiläum des Freistaates Flaschenhals gründeten Winzer und Gastronomen die Freistaat Flaschenhals Initiative. Die heute 13 Mitglieder erzeugen qualitativ hochwertige Weine und bieten regionale Spezialitäten in den Gasthäusern und Restaurants an. Die Lorcher Kultur Tage und die Kauber Theater-Tage ziehen Besucher aus ganz Deutschland an.

Und nicht zu vergessen das romantische obere Mittelrheintal, 2002 von der UNESCO zum Weltkulturerbe gewählt. Burgen, Schlösser und Klöster stehen dicht an dicht. Die Geschichte des Landstrichs ist auf Schritt und Tritt spürbar.

Ein Bummel durch die historischen Altstädte, ein ruhiges Verweilen in einer die vielen Kirchen, sich auf der Turmspitze einer Burg als Ritter fühlen – das und ein gutes Essen mit einem erlesenen deutschen Wein ist der Freistaat Flaschenhals heute.

Wander- und Spazierwege, lokal und überregional, durchziehen das Gebiet und laden zu Mehrtages- oder Tagestouren ein. Am Rhein entlang führen Rheinsteig, Rheinhöhen- und Rheinburgenweg. Ein Stück des historischen Jakobsweges, der Rhein-Camino, führt Sie auch von Kaub bis nach Lorch. Durch den Taunus führt der Europäische Fernwanderweg 1. Und die vielen hervorragend gepflegten und markierten lokalen Rundwanderwege bieten sich zum Spaziergang an.

Informationen

Lorch am Rhein und Kaub am Rhein sind an der Bundesstraße 42 Koblenz-Wiesbaden gelegen und mit Bahn und Bus gut an den Öffentlichen Personen-Nahverkehr angebunden. Auf dem Rhein-Camino (Jakobsweg von Koblenz nach Worms) beträgt die Wanderentfernung 9 km rheinaufwärts. Die Zugfahrt zurück ist stündlich möglich, dauert 5 Minuten, die Einzelfahrt kostet 2,10 Euro (Abfrage am 12.05.2009). Es gibt verschiedene Fähr- und Schiffverbindungen. Auskunft erteilen die Fremdenverkehrs-Informationen. Diese halten auch Informationsmaterial über regelmäßige Veranstaltungen bereit.

Alle Fotos © Karl-Josef Schäfer, 2009

Ich liebe Weilburg!

 

Und das nicht nur, weil das ehemalige nassauische Residenzstädtchen viel Charme und Chancen bietet (das war mal der Werbeslogan meiner Heimatstadt Neuss, passt aber viel besser auf Weilburg), sondern vielmehr, weil Weilburg voller "Bilder" ist. Gerade wenn andere "meine" Bilder nicht immer auf Anhieb verstehen, macht es mir immer wieder eine Heidenfreude, sie bei jeder passenden Gelegenheit anzuwenden.

Eines dieser Weilburger Bilder ist der Gruss aus dem Erbstollen hoch auf den Felsen.

Ein Erbstollen, so heisst die Strasse in der wir wohnen, ist natürlich nicht ein Stollen, der seit Generationen vererbt wird. Vielmehr gibt es mindestens zwei Bedeutungen, z. B. diente der Erbstollen in früheren Zeiten der Entwässerung der oberhalb gelegenen Bergwerke, er ‚erbte‘ als  tiefstgelegener Stollen das Wasser der darüber liegenden Stollen. Dafür erhielt der Besitzer früher 1/10 der Förderung aller über den Erbstollen entwässerten Bergwerke. Schade, wir sind nur Mieter.

Der Erbstollen war und ist also ein bedeutsames Glied im Bergwerkswesen.

Und ganz hoch auf dem Felsen, ich weiss nicht wieviel Meter über uns, erhebt sich das Weilburger Schloss, die Schlosskirche, das alte und das neue Rathaus, die alte katholische Kirche, die vorher ein Zuchthaus war, und schliesslich, direkt über uns, auch die neue katholische Kirche, Heilig Kreuz, geweiht 1959.

Mächtig stehen alle diese Bauten auf dem Felsen an der Lahn und behaupten ihre Stellung. Und gerade beim Anblick der katholischen Kirche muss ich so das eine und andere Mal an Christus denken: "Du bist Petrus der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen!" Fest steht die Kirche auf dem Felsen, für die Ewigkeit gebaut. Fast schon ein wenig arrogant, als wollte sie das Gefühl vermitteln: "Hier oben bin ich, die Kirche, und Ihr müsst schon noch einiges tun, um auch hier oben hinzugehören!"

Und so ist mein Gruss aus dem Erbstollen auch immer ein: "Hallo, der Erbstollen war und ist ein bedeutendes Glied!"

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