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Wir sind Kirche zum 70. Geburtstag von Leonardo Boff (14.12.2008)

 

Die KirchenVolksBewegung gratuliert dem weltweit bekannten Befreiungstheologen Prof. Dr. Leonardo Boff

Die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche gratuliert dem weltweit bekannten Theologen Prof. Dr. Leonardo Boff zu seinem 70. Geburtstag und dankt ihm für seine theologischen, politischen und spirituellen Impulse, die auch die basiskirchlichen Bewegungen in Europa entscheidend geprägt haben und weiterhin prägen.

Leonardo Boff gehört zusammen mit Gustavo Gutierrez (*8. Juni 1928) und Jon Sobrino SJ (*27. Dezember 1938) zu den führenden Vertretern der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung – jener prophetischen Bewegung, die seit den 1960er Jahren konsequent Orientierungen und Hoffnungen aus der Sicht der Armen und Unterdrückten aus der Bibel erschloss und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Abhängigkeiten in den Blick genommen hat.

Nach einer glänzenden theologischen Karriere als Schüler von Karl Rahner und Joseph Ratzinger vollzog Boff mit seinem Buch „Jesus der Befreier“ (1972) den Schritt „von der erlernten Theologie der modernen Welt zu einer Theologie der Welt der Armen“. In Deutschland wurde Boff vor allem bekannt durch seine, inzwischen als Taschenbuch in 4. Auflage erschienene „Kleine Sakramentenlehre“. Auslöser für den tiefgreifenden Konflikt mit Rom war das 1981 erschienene Buch „Kirche – Charisma und Macht“, in dem er der römisch-katholischen Kirche Machtmissbrauch vorhielt und die hierarchische Amts-Struktur als nicht-biblisch kritisierte. Unter Bezug auf die Reformation kritisierte er das paternalistische Sakramentsverständnis und stellte dem die lebendige, prozessuale Kirche der Armen gegenüber: „Die Kirche der Reichen für die Armen verneint die Macht des Volkes, sich zu befreien.“

Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., der damals einer seiner Doktorväter war, erteilte als Präfekt der Glaubenskongregation ihm 1985 ein einjähriges Rede- und Lehrverbot, das für Boffs weltweite Bekanntheit sorgte. Boff im Interview Juli 2008: „Als Ratzinger nach Rom ging, übernahm er die Logik des römischen Systems, die Logik der Macht. Das enttäuschte mich. Als Papst wurde er noch schlimmer.“ In der Erklärung der Glaubens­kongregation „Dominus Jesus“ wurde Boff als einziger Theologe namentlich erwähnt. Der Streit mit Kardinal Ratzinger lebte danach erneut auf, vor allem an der Frage um die Auslegung des „subsistit“ (= „verwirklicht“; II. Vatikanum, Kirchenkonstitution Art. 8), in der Ratzinger die römisch-katholische Kirche als einzige Verwirklichung der wahren Kirche sieht und den anderen Kirchen „nur Elemente von Kirche“ zugesteht.

Im Oktober 2007 kritisierte sein Bruder Clódovis Boff, mit dem er früher wichtige Grundlagenwerke zur Theologie der Befreiung verfasst hatte, die Theologie der Befreiung aufs schärfste und charakterisierte die Konferenz von Aparecida als neuen Weg der Kirche zur Befreiung. Auf diese Kritik seines 1944 geborenen Bruders erwiderte Leonardo Boff: Es sei ein Fehler, Gott und die Armen in der Theologie voneinander trennen und gegeneinander aufrechnen zu wollen. Mit seiner Kritik nütze Clódovis Boff nur denjenigen, die immer schon die Theologie der Befreiung aus der Kirche verbannen wollten.

„Die Theologie der Befreiung ist … keineswegs am Ende, auch wenn sie heute weniger aufsehenerregend Glauben und Handeln der Christen bestimmt. Trotz aller Konflikte und mancher persönlichen Tragik ist es Theologen wie Leonardo Boff zu verdanken, dass sich der Glaube der Christen auf eine wichtige Gewissenserforschung eingelassen und erneuert hat“, schreibt Stephan U. Neumann in „Christ in der Gegenwart“ 50/2008.

Auf seiner jüngsten Vortragsreise im Herbst 2008 in der Schweiz appellierte Leonardo Boff erneut eindrücklich, auf den „Schrei der Armen“ zu hören. Auf die Frage, was Europäer für das lateinamerikanische Volk tun können, sagte Boff: „Sie können uns helfen, wenn sie in ihren eigenen Ländern und Kirchen auch befreiend denken und handeln.“

Lebensdaten:

Leonardo Boff, wurde am 14. Dezember 1938 in Concordia (Südbrasilien) geboren, trat 1959 in den Franziskanerorden ein und wurde 1964 zum Priester geweiht. In München studierte er bei Karl Rahner und promovierte 1970 bei Leo Scheffczyk mit der Arbeit „Die Kirche als Sakrament im Horizont der Welterfahrung“. Boff war lange Professor für systematische Theologie am Instituto Teológico Franciscano in Petrópolis, ab 1993 Professor für Ethik und Theologie in Rio de Janeiro und mehrfach Gastdozent in Europa sowie in den USA.

1985 erhielt Boff den Preis der „Herbert Haag – Stiftung für Freiheit in der Kirche“ (den 1996 auch das österreichische und deutsche KirchenVolksBegehren erhalten haben). Als ihm 1992 erneut ein Bußschweigen verordnet und die Lehrerlaubnis entzogen werden sollte, legte er das Priesteramt nieder, trat aus dem Franziskanerorden aus und heiratete 1993 die Theologin und Menschenrechtlerin Marcia Monteiro da Silva Miranda. 2001 erhielt er mit anderen den Alternativen Nobelpreis. In dem Jahr trat er auch bei einer von der KirchenVolksBewegungung mitorganisierten Veranstaltung auf dem Evangelischen Kirchentag in Frankfurt auf.

Lesetipps und Links:

Angelika Boesch, Sergio Ferrari, Walter Ludin:

Leonardo Boff – Anwalt der Armen. Wegwarte-Verlag 2008, 48 Seiten, SFr. 27.–

Stephan U. Neumann: Befreite Kirche – Befreite Kultur

Christ in der Gegenwart 50/2008
http://www.christ-in-der-gegenwart.de

Leonardo Boff: Kleine Sakramentenlehre

Patmos Verlag Düsseldorf, Taschenbuchausgabe 9,90 Euro

Leonardo Boff: „Was wollte das Konzil?“

Orientierung 23/24-2000, 262-264

Leonardo Boff: Die römische Ideologie ist totalitär. Bei Lichte besehen: Ratzingers Erklärung „Dominus Jesus“

Imprimatur Dezember 2000

http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/2000/imp000802.html

Ludger Weckel (Hg.): Die Armen und ihr Ort in der Theologie

(über die durch einen Artikel seines Bruders Clodovis ausgelöste Auseinandersetzung über die aktuelle Relevanz der Theologie)

als kostenloses Online-Buch: http://www.itpol.de/?p=267

Unterwegs wie eine Landstreicherin

Auf den Internetseiten www.eschwege.de fanden wir folgenden Artikel aus der Werra-Rundschau. Frau Flügel-Anhalt ist auf ihrem Pilgerweg auch den Lahn-Camino über Wetzlar, Braunfels, Weilburg, Villmar und Limburg bis nach Lahnstein und dann den Mosel-Camino von Koblenz-Stolzenfels nach Trier gegangen.

 

Kirchhosbach. Mit einem reumütigen Bußgang zu Gott hat diese Reise nichts zu tun. Auch wenn ihr Ziel das spanische Pilgermekka Santiago de Compostela ist, versteht Margot Flügel-Anhalt sich viel eher als Landstreicherin.

„Unterwegs zu sein ist für mich wesentlicher, als vor Gott auf die Knie zu fallen“, sagt sie, „mir geht es einfach darum, beim Laufen zu mir selbst zu finden.“ Die erste Etappe ihrer insgesamt dreiteiligen Wanderung nach Spanien hat sie bereits hinter sich gebracht. In 37 Tagen lief sie von ihrer Haustür in Kirchhosbach bis in das rund 800 Kilometer entfernte Joinville in Frankreich.

Unterwegs zu sein ist für mich wesentlicher, als vor Gott auf die Knie zu fallen.

Margot Flügel-Anhalt
„Es war ein unglaubliches Gefühl, nach den vielen Wochen der umfangreichen Vorbereitungen endlich loszugehen“, erinnert Margot Flügel-Anhalt sich an den langersehnten Aufbruch, „schon in diesem Augenblick habe ich gespürt, dass meine Entscheidung, auf diese Reise zu gehen, absolut richtig war.“ Der Entschluss, zu Fuß durch die Lande zu streifen, reifte in ihr dabei lange bevor Hape Kerkeling das Pilgern mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ richtig populär machte.

„Schon seit ich ein Kind bin, liebe ich es, mich in der Natur zu bewegen und zu wandern“, so die Sozialarbeiterin, „der Gedanke, mich irgendwann ganz allein zu Fuß auf eine richtige Reise zu machen, schlummerte schon seit vielen Jahren in mir.“ Auslöser, diesen Plan tatsächlich umzusetzen, war eine Begegnung mit Pilgern auf dem Rennsteig.

„Diese Menschen haben mich einfach fasziniert“, sagt sie, „sie waren schon seit vielen Wochen unterwegs und versprühten eine unglaubliche ruhige und heitere Dankbarkeit, für die ganz offensichtlich die Selbsterfahrung auf dem zurückgelegten Weg verantwortlich war.“ In diesem Moment stand ihr Entschluss fest. Auch sie würde sich auf den Weg begeben. Vor dem Aufbruch standen viele Wochen der genauen Vorbereitung. Denn einfach so loslaufen, ganz ohne Plan, das wollte Margot Flügel-Anhalt bei aller Abenteuerlust dann doch nicht. Im Internet beriet sie sich mit anderen Pilgern, besorgte Fachliteratur und vor allem eine sehr gute Ausrüstung. „Ohne die läuft im wahrsten Sinne des Wortes gar nichts“, sagt sie, „besonders die Schuhe müssen viel leisten.“

Glücklicherweise hatte sie genau die Richtigen für sich ausgewählt. Nicht eine einzige Blase trug sie während der ersten Etappe, für die sie ihren gesamten Jahresurlaub genommen hatte, bis ins französische Joinville davon. Schmerzen hatte sie aber schon. Bepackt mit einem Rucksack legte Margot Flügel-Anhalt täglich rund 30 Kilometer zurück. Abends kehrte sie in bereits gebuchte Hotels oder Pensionen ein.

Besonders der Nacken, die Schultern, die Füße und Schienbeine hatten viel Arbeit zu leisten. „Spätestens ab Kilometer 27 transformiert der Schmerz in ein höheres Bewusstsein“, so Margot Flügel-Anhalt, „der Körper ist im Höhenflug und schüttet unglaublich viele Glückshormone aus.“ Die spürt sie auch jetzt, längst wieder in ihr Büro der Stadtverwaltung Eschwege zurückgekehrt, immer noch:

„Wer sich auf eine solche Reise begibt, sieht die Welt hinterher mit anderen Augen“, so Margot Flügel-Anhalt, „ich gebe den Dingen jetzt einen völlig anderen Wert, vor allem aber spüre nun auch ich diese Dankbarkeit, die ich schon bei den Pilgern auf dem Rennsteig erlebt habe.“

Nun kann sie es kaum erwarten, sich wieder auf den Weg zu machen. In den nächsten Jahren will sie zwei weitere Etappen hinter sich bringen. Und wer weiß, vielleicht fällt sie dann in Santiago de Compostela ja doch vor Gott auf die Knie.

Vortrag in der Volkshochschule

Unterwegs offenbaren sich die Geheimnisse des Weges

Besonders die Begegnungen mit den Menschen haben Margot Flügel-Anhalt auf ihrem langen Weg beeindruckt. „Ich habe ausschließlich Herzlichkeit und Offenheit erfahren“, sagt sie. Diese und andere Erlebnisse wird sie am kommenden Mittwoch, 18. Juni, bei einem Vortrag mit ihrem Publikum teilen. „Ein Jakobsweg- eine pilgernde Landstreicherin erzählt“ heißt die Veranstaltung, die um 20 Uhr in der Aula der Volkshochschule Eschwege stattfindet. Dabei wird sie auch genau beschreiben, wie sie sich auf die Tour vorbereitet hat und Fotos zeigen, die sie unterwegs aufgenommen hat. Falls ausreichend Interesse besteht, wird die Volkshochschule auch einen eigenen Kurs zur Vorbereitung einer Pilgerreise mit Margot Flügel-Anhalt als Leiterin einrichten. Für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, eine einfache Fußreise anzutreten, hat sie zum ersten Überblick einen Internetlink parat. Unter www.fernwege.de lassen sich viele Informationen rund um die Zusammenstellung der Routen abrufen. Außerdem können hier auch Kontakte zu erfahrenen Wanderer geknüpft werden. (Samstag, 14. Juni 2008)

 

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