An diesem Wochenende ist Peter hier in Weilburg. Neben seinen vielen anderen Qualitäten, seinem Wissen, seiner Freundlichkeit ist er auch -im Gegensatz zu Gabi und mir- ein erfahrener Trekker (wie es Neu-Hochdeutsch heisst – früher nannte man das Wanderer) und plant gerade eine Tour durch Feuerland. Nicht, dass ich ihn darum beneide, dafür bin ich selbst schon zuviel unterwegs gewesen. Ich freue mich mit ihm und seiner Janina (nein, Janina, ich setze Dich nicht unter Druck :-)) auf diesen "Urlaub" und verfolge gespannt die Planungen, die Organisation und natürlich auch die Vorfreude. An diesem Wochenende hat er das Auto mit Rucksäcken voll gepackt. Dabei handelt er gar nicht mit Outdoor-Bedarf. Aber er kennt sich halt aus und ist für die äusseren Bedingungen unserer Pilgerschaft ein Quell unerschöpflicher Informationen. Die Rucksäcke gehören Janina und ihm und Gabi und ich sollen die einfach einmal in Ruhe ausprobieren. Ich war nämlich bis vor zwei Wochen noch der Meinung, ein Billig-Rucksack für 29,90 bei eBay tut es auch. Ha, den Zahn hat Peter mir ganz schnell gezogen (und ich bin bei so etwas auch durchaus lernfähig).
 
Auf jeden Fall haben wir neben der Rucksack-Anprobe noch ein paar Dinge zu besprechen ("besprechen" ist gut, sehr gut sogar! – das war jetzt intern, müsst Ihr nicht verstehen) und da hat es sich angeboten, das einfach mit der Tagesetappe von Wetzlar nach Weilburg auf dem Lahn-Camino zu verbinden.  Die fehlt uns noch in unserer Etappen-Sammlung an der Lahn – und da der Lahn-Camino Pilgerführer Gestalt anzunehmen beginnt (http://lahn-mosel-pilger.spaces.live.com) dachte ich mir, es wäre gar nicht schlecht, auch diese 22 km einmal selbst gepilgert zu sein.
 
Nach einem sehr guten Früstück (Peter bringt immer tolle Brötchen aus Bonn mit) waren wir so gegen 11 in Wetzlar am Dom. Peter, Csaszar, Feny und ich. Ein typischer Samstag-Morgen in Wetzlar. Es wimmelte von hektischen Menschen (als ob es ab Montag nichts mehr zu kaufen gibt). Die Besichtigung des Domes haben wir uns gespart, wir kennen den Dom beide und ich weiss, dass der Lahn-Camino am Dom beginnt. Also machten wir uns auf die Suche nach der gelben Jakobsmuschel auf blauem Grund. Bald gefunden und durch die Wetzlarer Altstadt hinunter zum Karl-Kellner-Ring bzw. Ernst-Leitz-Platz.
 
So ganz eindeutig ist die Beschilderung nicht, wir sind auch ein paar Mal falsch gelaufen. Auch denke ich, dass die Streckenführung eher ökonomisch angehaucht ist (der kürzeste Weg) – vielleicht hätten die Initiatoren des Lahn-Camino ohne besonderen Aufwand einen Weg an den zahlreichen historischen Gebäuden Wetzlars vorbei wählen sollen. Reichskammergericht, Steinerne Brücke, Hospitalkirche und vieles mehr. Aber zur Streckenführung gleich nochmal mehr.
 
Am Ernst-Leitz-Platz kann der Pilger mit Mühe die Muschel auf der anderen Seite (vor dem Leitz-Gebäude) erkennen. Es geht also durch die Unterführung und dann rechts an der Sancura-Krankenkasse vorbei Richtung Stoppelberg und Nauborn. Hinter der Sancura geht es rechts – dem Schild zum Kalsmunt folgend. Die Reichsburg diente dem Schutz Wetzlars und heute bietet der Turm der Ruine einen wunderschönen Blick auf Wetzlar. Bestimmt einen Abstecher wert – aber der Lahn-Camino führt weiter auf der Strasse, lässt den Kalsmunt rechts liegen. Es geht dann weiter durch Nauborn, über die Strasse und dann ein kleines Stückchen im Wald. Vor der Mühle wird die Strasse wieder überquert und endlich ist der Wald in Richtung Laufdorf erreicht.
 
Gleich zur Linken steht ein Schild zur Theutbirg Basilika und da ich keine Ahnung hatte, worum es sich hier handelt (Peter sowieso nicht) sind wir die paar Schritte hinaufgegangen. Im Kloster Lorsch gibt es ein altes Dokument aus dem 8. Jhdt., in dem Frau Theutbirg die Basilika (für mich ist es eine Kapelle, aber naja) dem Kloster vermacht. Die Grundmauern hat man erst bei Ausgrabungen 1927 gefunden und dabei festgestellt, dass Frau Theutbirg hier wohl in der Klause (hinten der kleine Anbau links) zurückgezogen ein gottseliges Leben geführt hatte. In dieser Klause hätte unser heutiges Bett keinen Platz gefunden. Das Leben als Einsiedler war also eindeutig nicht besonders komfortabel. Es wurde auch verschiedene Gräber um die Kirche herum gefunden und ein Stück Ackerland.
 
Nochmal zur Streckenführung. Nutzen Sie besser die Zeit für einen ausgiebigen Rundgang durch die Wetzlarer Altstadt, die soviel zu bieten hat, oder sparen Sie sich die Zeit für Braunfels mit dem romantischen Schloss und der Altstadt. Nehmen Sie einen Bus bis nach Nauborn statt die unattraktive Strecke durch Wetzlar und Nauborn zu pilgern. Eigentlich war es sogar so, dass Peter und ich erst hinter Laufdorf einhellig der Meinung waren: jetzt wird es schön. In der Etappen-Beschreibung bei outdoorwiki.com ist der Stoppelberg erwähnt. Ich habe mir vorgenommen, im Frühjahr die Strecke noch einmal zu wandern, dann über den Stoppelberg, über Volpertshausen (Ja, richtig, Goethe, Charlotte Buff, Leiden des Jungen Werthers) und Braunfels nach Weilburg. Vielleicht ist die Strecke ja schöner.
 
Der Waldweg führt nach Laufdorf, auch nicht gerade attraktiv. Wenn Sie jedoch durch Laufdorf gegangen sind und den Höhenzug erreicht haben, belohnt Sie ein wunderschöner Ausblick auf Wetzlar, den Stoppelberg und den Hochtaunus mit dem Grossen Feldberg. Einige Bänke an diesem Waldrand-Weg laden zur Rast ein.
 
Bald schon können Sie den ersten Blick auf das Braunfelser Schloss erhaschedn, dann führt der Weg wieder nach unten durch Solms-Oberndorf und entlang eines Baches auf einem beliebten Spazier- und Radweg wieder hinauf nach Braunfels. Nehmen Sie sich ein wenig Zeit für die Braunfelser Altsatdt und das Schloss. Es lohnt sich bestimmt. Die Schlossführungen dauern rund 45 Minuten. Die Gemäldesammlung der früher fürstlichen, heute gräflichen Familie ist weit über die Grenzen hinaus berühmt. Verpassen Sie nicht die Deiker-Gemälde und lassen Sie sich durch die Augen des Wildes verblüffen. Egal, wo Sie gerade in der Deiker-Galerie stehen, die Tiere schauen Sie direkt an.
 
Der Lahn-Camino führt jetzt den Schloß-Berg hinunter, dann über die Strasse und am Campingplatz vorbei durch den Wald nach Hirschhausen. Für uns der schönste Abschnitt des Tages, auch wenn jetzt so langsam die Wehwehchen einsetzten. Peter stellte fest, dass er seine schweren Schuhe nicht mit nach Feuerland nehmen wird, ich beschwerte mich über meine Nieren. Mindestens ein faustgrosser Tumor auf beiden Seiten. Natürlich weiss ich, dass es lediglich die Lendenmuskulatur ist, welche die Schmerzen verursacht – aber ab einem gewissen Zeitpunkt komme ich schon regelmässig ins Grübeln.
 
In Hirschhausen ist die 1732 gebaute achteckige Kirche ein interessanter Mittelpunkt. Und gleich unterhalb der Kirche erinnert eine Lore, gefüllt mit Erzbrocken, an die lange Zeit Haupterwerbsquelle des Örtchen, dem Eisenerzbergbaus.
 
Hier hatten wir eigentlich keine rechte Lust mehr. Nach "gefühlten" 20 km, schätzungsweise 5 km von zu Hause entfernt, wollten wir nicht mehr. Lassen Sie sich unterwegs nicht von den Kilometerangaben verwirren. Häufig beziehen sich diese auf eine andere Wegführung. Nach diesen Kilometerangaben sind wir zwischen 20 und 30 km gewandert. Nicht schlecht also.
 
Wir sind dann noch bis zum Tiergarten-Parkplatz gewandert, immer an der Mauer entlang. Den gibt es schon seit dem 16. Jhdt. als Wildgehege, im 18. Jhdt. wurde dann ein Tiergarten daraus. Dort tauchte kurze Zeit später Gabi mit dem Auto auf. Gabi und Peter haben noch das "grosse" Auto aus Wetzlar abgeholt, während ich mit den völlig geschafften Hunden (Csaszar humpelte schon seit geraumer Zeit wieder) am Tiergarteneingang mich den Fragen der neugierigen Tiergartenbesucher stellte. Nein, nach meinem Befinden hat sich niemand erkundigt. Alles drehte sich nur um die Hunde. Ich konnte so richtig angeben mit unseren ach so gefährlichen Kötern, die mit der Leine auf dem Rücken so gehorsam und brav liegenblieben. "Die sind aber gut ausgebildet, mein Kompliment!" hörte ich von einem Besucher. "Klar, das war aber auch ein gutes Stück Arbeit," bestätigte ich ihn in seinem Glauben. Ich brauchte ja niemandem zu erzählen, dass die Monster nach einer Wanderung von Wetzlar nach Weilburg völlig geschafft waren. Die Komplimente gingen mir runter wie Öl – das tat so richtig gut.
 
Mal sehen, wann es weitergeht. Hoffentlich finden wir bald die Zeit.