Halt! Wo läufst Du hin? Der Himmel ist in Dir! Suchst du Gott woanders, verfehlst du ihn. (nach Angelus Silesius)
Tony fragte mich schon vor Wochen: „Läufst Du weg?“ Schon damals war meine Antwort ein klares „Nein“. Mit 50 ist man glaub‘ ich alt genug, dass man weiss: „Ich nehme mich selber auch ans Ende der Welt mit!“ Fortlaufen? Gar keine Chance! Aber laufen, um in sich zu schauen, laufen, um vielleicht auch nach Gott Ausschau zu halten – das ist Pilgerschaft. „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh‘, mit mancherlei Beschwerden …“ Das Kirchenlied kommt mir gerade in den Sinn.
Aber die Frage nach dem „Wohin“ stellt sich täglich, und ganz besonders auf den Pilgeretappen, aufs Neue. Lasst mich mal in dem Bild „Wandern“ bleiben. Sehr gut ausgeschildert sind die Wanderwege in Deutschland. Trotzdem kommt hier oder da eine Gabelung, an der die Zeichen wohl nur dem Auszeichner klar und deutlich erscheinen. Geht es jetzt rechts oder links? Vielleicht sogar schräg zurück? Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Welches ist überhaupt der richtige Weg?
Wir können eigentlich auch jedes andere, x-beliebige Bild nehmen, wenn Euch das einleuchtender ist. Im Projektmanagement nennt sich das Review. Das Überprüfen der Schritte zum Ziel. Beim Wandern nehmen wir die Wanderkarte zur Hand, beim Projektmanagement die Projektbeschreibung. Aber gerade beim Wandern tut jede Abweichung vom Weg tüchtig weh. Beim Projektmanagement kostet jede Abweichung vom Taskbook ein Haufen Geld.
Im Beruf fordern wir mehr Unabhängigkeit, Selbstständigkeit – beim Wandern halten wir uns so dicht wie irgendmöglich an die Beschreibung. Im eigenen Interesse verzichten wir auf die Selbstverantwortung. Jesus gibt uns mehr Entscheidungsfreiheit, als wir manchmal brauchen könnten. Oder?
Mein Gott macht meine Finsternis hell. Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern. (Psalm 18, 29f)
Wie oft habe ich diesen Psalm schon selber gebetet? Ich weiss es nicht mehr! Ob ich ihn wirklich verstanden habe, fragst Du mich? Ich weiss es noch nicht. Dabei ist es doch eigentlich ganz simpel. Ich habe es ausprobiert – zwischen Laurenburg und Obernhof. Blättert mal zurück auf die Etappe an der Lahn, wie ich den längst im Gedächtnismüll verschütteten Rosenkranz tief irgendwo unten wieder hervorgekramt habe. Mit meinem Gott erklimme ich die Taunushöhen an der Lahn, müsste der Psalm für mich heissen.
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Nein, ich bin nicht völlig durchgeknallt. Nein, ich hebe jetzt nicht transzendent ab und schwebe 10 cm über dem Boden. Nein, ich werde auf meine alten Tage nicht zum Missionar. Aber vielleicht bringt mich dieser Weg wieder ein kleines Stückchen zurück. Ich erlebe die intensivste Fastenzeit seit bestimmt 25 Jahren. Andere suchen sich in meinem Alter eine 20jährige Freundin – Midlifecrisis nennt man das. Abgesehen davon, dass ich so meine Zweifel hätte, welche Zwanzigjährige mit mir herummachen will – und wenn sie denn herummachen will, welche psychischen Krankenheiten sie sonst wohl noch hat – habe ich auch gar kein Interesse daran. Andere kaufen sich in meinem Alter einen Porsche – brauch‘ ich nicht. Ich habe bei den Freimaurern, den Buddhisten, den Hinduisten und allen möglichen anderen -isten herumgemacht. Vielleicht suche ich auch nur die Antwort auf den Satz: „Das kann es doch noch nicht gewesen sein, oder?“