Zunächst einmal möchte ich mich bei allen Kyrill-Geschädigten entschuldigen. Natürlich hat es in vielen Gegenden Deutschlands nicht nur "ein wenig gestürmt". Und natürlich sind mindestens 11 Menschenleben mindestens 11 Menschenleben zuviel. Ich verstehe die Angehörigen und Freunde, die über den Verlust trauern. Ich verstehe auch die Menschen, die Hab und Gut verloren haben – zum Teil Dinge, die auch eine Versicherung nicht ersetzen kann. Die Schäden durch Kyrill belaufen sich auf über 1 Milliarde Euro. Eine unfassbare Grösse. Aber viel schlimmer ist das persönliche Leid, das dieser Sturm in die Familien gebracht hat.
 
Gemessen an den Problemen, denen wir im 21. Jahrhundert gegenüberstehen, ist dieser Sturm jedoch ein Wimpernschlag gewesen. Ich gehöre zur "Biafra-Generation". Die Hungersnöte in Biafra gehörten mit zu den ersten, die von den Medien aufgegriffen und verbreitet wurden. Heute ist Biafra überall, selbst in der seit 01. Januar noch einmal erweiterten Europäischen Union leben Kinder auf der Strasse. Aber wir brauchen gar nicht so weit zurückzugehen. Denken Sie an den Tsunami, denken Sie an die Erdbeben in vielen Regionen der Welt. Oder denken Sie an die Flutkatastrophe in Indonesien vor wenigen Tagen und Wochen. Und denken Sie an die Millionen von Menschen, die weltweit an der Armutsgrenze leben und verhungern müssen – die haben keine Lobby, für die setzt sich niemand ein – und erst recht nicht die Privatsender, die Tag für Tag im Stil einer "meinungsbildenden" Zeitung die Aufmacher für ihre Nachrichtensendungen suchen. Darüber habe ich mich gestern geärgert – und dann gab es noch einen "Brennpunkt" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Aber anscheinend fahren wir ja voll auf den Voyeurismus ab. Der Big-Brother-Container hat ein neues Zeitalter eingeläutet – auch, oder gerade in den Nachrichten.
 
Genug zum Sturm, auch dieser Blog wird die Probleme der Welt nicht lösen. Das geht nur, wenn sich jeder von uns ein klein wenig verantwortlich fühlt. Karlheinz Böhm hat mit seiner Wette bei Gottschalk vor Jahren einen kleinen Anfang gemacht. Haben Sie damals die Mark auf sein Spendenkonto überwiesen?
 
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Wir sind also am Rhein! Ganz ehrlich? Eigentlich habe ich nicht daran geglaubt. Zu Fuss von Weilburg, immer an der Lahn entlang, auf den Spuren der Jakobspilger sind wir in Lahnstein angekommen – und zu Hause nehmen wir für die Fahrt ins Fitness-Studio immer noch das Auto. Es muss ja schnell gehen, wir haben ja sooo wenig Zeit. Jetzt entdecken wir die Langsamkeit, jetzt bleiben wir auch schon einmal stehen, um Mitte Januar die wunderschöne, voll aufgeblührte Rose zu fotografieren. Schritt für Schritt entdecken wir uns selbst und das, was um uns herum ist. Wir nehmen uns Zeit für ein Gespräch mit netten Menschen am Weg und wir nehmen uns die Zeit, etwas abseits vom Weg eine besondere Aussicht oder eine Burg oder irgendetwas zu geniessen.
 
Jetzt sind wir in Lahnstein, direkt am Rhein. Hier liefen die Hauptpilgerströme Richtung Süden. Die Hospitalkirche in Oberlahnstein ist ein heute noch existierender Beweis dafür. Für diese Pilger ging es weiter üner Osterspai, Kaub, Mainz und Speyer. Wir haben uns entschieden, zunächst einmal das Apostelgrab des Heiligen Mathias in Trier zu besuchen.
 
Die nächste Etappe am Montag wird uns vom Rhein an die Mosel führen. Da wir nicht wissen, wie wir jetzt im Winter auf dem schnellsten und kürzesten Weg über den Rhein kommen sollen, werden wir am Montag unsere Etappe in Stolzenfels starten und dann über die Höhezüge bis nach Alken pilgern. Von dort geht es weiter mit der ersten 2-Tages-Etappe bis nach Cochem und am zweiten Tag bis nach Alf. Ob wir dem landschaftlich schönen Moselhöhenweg, oder dem Radweg folgen, wissen wir heute noch nicht und werden das wohl auch vom Wetter abhängig machen.
 
Auch wenn wir uns jetzt noch nicht als erfahrene Pilger bezeichnen können, so wissen wir doch viel mehr, als noch am 28. Dezember, dem Tag, an dem wir den ersten Schritt getan haben. Wir kennen unsere körperlichen Grenzen und wissen, was wir uns zumuten können. Und sicher werden wir diese Grenzen noch erweitern können. Immer ein bisschen mehr. Nur nicht in der Hektik unserer modernen Zeit – sondern in der Langsamkeit. Das ist der grösste Gewinn unseres Pilgerweges bis heute.
 
Wenn Ihr oder wenn Sie eine, zwei oder drei Etappen mitpilgern wollen, hier noch einmal unsere Einladung. Nicht mehr ganz so unfit, nicht mehr ganz so unerfahren, schon etwas professioneller ausgestattet. Machen Sie sich einfach auf den Weg – auch wir wissen nicht, was er uns bringt. Wir kennen nur das Ziel: Santiago de Compostela.