Pressemitteilung München/Rom, 5. November 2008

Endlich Prävention gegen sexuelle Gewalt – doch mit fragwürdigen Mitteln

Zu den neuen Richtlinien des Vatikans für die Aufnahme in Priesterseminare

Die KirchenVolksBewegung begrüßt, dass der Vatikan mit neuen Richtlinien für die Aufnahme ins Priesterseminar endlich einen konkreten Versuch zur Prävention von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute unternimmt. Doch erscheint es sehr fraglich, ob die beabsichtigten psychologischen Tests für Priesteramts-Anwärter wirklich wirksame und geeignete Mittel der Prävention sind.

Problematisch ist vor allem, dass – wie schon in früheren Verlautbarungen – nicht klar zwischen sexueller Gewalt gegenüber Minderjährigen und Homosexualität erwachsener Menschen unterschieden wird sowie dass erneut Homosexualität als sexuelle Möglichkeit der Orientierung von Priestern ausgeschlossen wird. Beides ist äußerst diskriminierend.

Neu ist das Vertrauen der Kirche in die Psychologie in der Hoffnung, psychopathologische Störungen (Homosexualität ist aber keine!) frühzeitig erkennen zu können, die möglicherweise erst im Laufe der Zeit auf Grund einer unnatürlichen Lebensweise und einer nicht integrierten Sexualität entstehen. Ein solches Vorgehen missachtet, dass sich die Sexualität eines Menschen im Laufe seines Lebens entwickelt.

Sehr fraglich ist auch, ob von Psychologen, die „von einem christlichen Menschenbild geleitet“ sein sollen, strukturelle Ursachen einer psychopathologischen Erkrankung erkannt und benannt werden können, für die möglicherweise die Sexuallehre der römisch-katholischen Kirche eine direkte Verantwortung trägt. Oder bleibt es bei der Feststellung individuellen Versagens, das auch nur individuell therapiert wird, so dass der Einzelne anschließend wieder fit für das bestehen bleibende (Unheils-)System gemacht wird?

Mit der Instruktion „Homosexualität und Weiheamt”, einem der ersten von Papst Benedikt approbierten Dokumente, hatte der Vatikan im Dezember 2005 die Priesterweihe homosexueller Männer zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen, aber durch die Bezeichnung „tiefsitzender homosexueller Tendenzen“ als „objektiv ungeordnet“ zur Diskriminierung aller homosexueller Menschen beigetragen (Wir sind Kirche-Pressemitteilung vom 30. November 2005: http://www.wir-sind-kirche.de/index.php?id=128&id_entry=189)

Für die Opfer sexueller Gewalt durch Priester und Ordensleute hält die KirchenVolksBewegung, solange die deutschen Bistümer der Forderung nach Einrichtung unabhängiger Beratungsstellen immer noch nicht nachkommen, weiterhin das von Wir sind Kirche im Jahr 2002 eingerichtete Zypresse-Notruf-Telefon bereit: bundesweite Rufnummer 0180-3000862 zu 9 ct pro Minute oder Email an zypresse (at) wir-sind-kirche.de.

(Für Presse-Recherchen diese Telefonnummer bitte NICHT verwenden, sondern 02364-5588!)