Die Weilburger Zuchthaus-Kirche, By Steffen Prößdorf (Own work) [<a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html">GFDL</a>

Die Weilburger Zuchthaus-Kirche, By Steffen Prößdorf (Own work) [GFDL

Begleiten Sie mich auf einem liebevoll-ironischen und manchmal märchenhaften Stadtrundgang zu den Sehenswürdigkeiten der ehemaligen Residenzstadt Weilburg an der Lahn. Zu den neuen und besonders zu den alten Highlights der Stadt. Denen zu Lande, zu Wasser und vielleicht sogar in der Luft. Eventuell zu Sehenswürdigkeiten, die gar keine sind. Denn allzu oft kann sich Weilburg nicht entscheiden. Vielleicht braucht die Stadt einen Fürsten, einen absolutistischen möglichst, einen, der den Leuten sagt, wo es langgeht. So wie Friedrich Wilhelm zum Beispiel, der als erster Weilburger das „Migrantenproblem“ in den Griff bekam.

Bevor wir zum Marktplatz hochgehen (ja, wenn man in Weilburg irgendwo hin will, geht es immer hoch), lassen Sie uns noch einen Moment vor dem Bruchsteingebäude neben dem Landtor verharren. Dieses imposante Gemäuer wurde ab 1758 als Zucht- und Arbeitshaus erbaut und diente diesem anspruchsvollen Zweck bis 1810.

Eine daran angebrachte Tafel beschreibt, dass es einst auch die katholische Kirche Weilburgs gewesen ist. Das soll nun nicht gleich heißen, die Katholiken seien in unserer schönen Stadt alle in den Kerker geworfen worden. Aber ein bisschen was ist doch dran an diesem ersten Gedanken. Die Nassau-Weilburger, damit meinen wir die Herren Grafen, waren nämlich zu ihrer Zeit ziemlich flott mit dem Konvertieren. Und es galt religionspolitisch die bewährte Regel: Wie der Herr, so’s Gescherr.

Auf Weilburg bezogen bedeutet das, dass schon ab 1526, also noch zu Lebzeiten Luthers, Philipp III. von Nassau-Weilburg in seinem Hoheitsgebiet die Reformation einführte. Inspiriert war dieser Wechsel in Glaubensfragen, so vermuten wir mal, durch seine Kumpanei mit Philipp I. von Hessen. Vielleicht versprach sich der Nassau-Weilburger davon Subventionen für die eigenen maroden Finanzen.

Dazu muss man wissen, dass das Reformieren damals ganz einfach war, wenn man zufällig der Graf war. Man gab dann schlicht die Parole aus: Wir sind jetzt lutherisch! Und das Volk drehte brav ab und lenkte fortan seine Schritte in die neue Kirche. Siehe oben: Wie der Herr…

Mit den Kirchen und Klöstern war die Sache nicht ganz so einfach. Denen hat Philipp erst mal eine kräftige Steuer aufgebrummt, um sie von den Vor- und Nachteilen des rechten beziehungsweise unrechten Glaubens zu überzeugen. Als das nicht sofort wirkte, hat er flugs die reiche Wallfahrtsstätte Pfannstiel (etwas außerhalb von Weilburg) und das Weilburger Stift aufgelöst. Die Idee dahinter war im Grunde einleuchtend: Wo keine Wallfahrtsstätte und kein Stift ist, da werden auch keine kostbaren Gewänder und Utensilien mehr gebraucht.

Also konnte er derlei guten Gewissens zu Geld machen. Welchselbiges er dem zuvor etwas kraftlosen Grafschaftssäckel spendete. Für einen guten Zweck natürlich, in diesem Fall für den Bau eines angemessenen Domizils für höchstderoselbst. Ein bisschen was fiel dabei auch fürs gemeine Volk ab – na ja, nicht fürs ganz gemeine. Von den Geldern, die er für sein Schloss dringend benötigte (auch ein lutherischer Graf braucht schließlich ein bescheidenes Dach über dem Kopf) floss auch ein wenig in den Bau des Gymnasiums Philippinum.

Alle Weilburger waren also jetzt evangelisch. Und blieben in diesem Glauben die nächsten 200 Jahre unter sich. Bis Fürst Karl Christian (ja, mittlerweile waren aus Grafens die Fürstens geworden) 1765 eine neue steinerne Brücke über die Lahn bauen ließ. Für dieses Jahrtausendwerk (zu vergleichen in neuerer Zeit vielleicht mit dem Tunnel der Teilortsumgehung oder dem Parkhaus Innenstadt) brauchte der Bauherr Arbeitskräfte.

Da drückte er großzügig eines seiner protestantischen Augen zu und gewährte Papisten aus der näheren und weiteren Umgebung die Gnade, an diesem gottgefälligen Werk mitbauen zu dürfen. Als Gastarbeiter, gewissermaßen. Und wie wir das aus neuerer Zeit kennen, war auch damals schon vorgesehen, die hilfreichen Katholiken nach Bauabschluss so schnell wie möglich wieder in ihre heimischen Dörfer zurückzuschicken.

Aber das hat schon damals nicht funktioniert. „Sie riefen Arbeitskräfte, doch es kamen Menschen“, sollte Max Frisch die Misere Jahrhunderte später auf den Pukt bringen. Die Päpstlichen nämlich dachten gar nicht daran, nach getaner Arbeit ihr Ränzel zu schnüren und die Weilburger wieder ihr Süppchen allein kochen zu lassen.

Zwar sprachen sie immer wieder von ihrer alten Heimat und wie sie dort ihren nunmehr vergleichsweise wohlhabenden Ruhestand im Kreise ihrer Enkel verbringen könnten. Aber eigentlich gefiel es ihnen, genau betrachtet, in Weilburg doch besser. Was jeder Weilburger ihnen eigentlich bis heute nachfühlen kann, stimmts?

Zwar weigerten die katholischen Immigranten sich stur, den heimischen Dialekt zu erlernen. Auch hielten sie beharrlich an ihrem seltsamen Glauben an die Unfehlbarkeit ihres päpstlichen Glaubensführers und an undurchsichtigen Ritualen wie der Ohrenbeichte und einer regelmäßigen Demo fest, die sie Fronleichnamsprozession nannten. Und das auch dann noch, als hier und da von der „katholischen Gefahr“ gemunkelt wurde.

Den Weilburgern gefielen diese Unbotmäßigkeiten gar nicht. Aber erst, nachdem es zu Übergriffen gegenüber den Migranten mit und ohne nassauischen Pass gekommen war, nachdem die Protestanten gar ein friedliches Ballturnier gegen die Katholiken zur nationalistischen Kundgebung gemacht hatten und erste Stimmen laut geworden waren, die Katholiken nähmen den Protestanten ihre Arbeitsplätze weg (*1), entschloss sich Karl Christians Nachfolger Fürst Friedrich Wilhelm, ein Integrationsprogramm für Menschen mit Migrationshintergrund zu starten.

Friedrich Wilhelm ließ so was wie den ersten Ausländerbeirat in Weilburg gründen und schrieb damit Geschichte. Ausländer war zu jener Zeit jeder, der nicht aus Nassau-Weilburg stammte. Und das waren damals ziemlich viele. Der, sagen wir mal: Ausländerbeirat war zunächst etwas einseitig nur mit Katholiken besetzt, aber damit musste man sich fürs Erste abfinden. (*2)

„Wir brauchen einen Raum zum Beten“, war ihre erste Forderung. Und überraschenderweise rannten sie damit bei Friedrich Wilhelm offene Türen ein. Der nämlich hatte ein Leerstandsproblem: Das schöne und praktische Zuchthaus mit der Marmorschleiferei, das einst sein Vater erbaut hatte, hatte Friedrich Wilhelm kurz zuvor wegen eines lukrativen Auftrags nach Diez outgesourct. Denn dort brauchte man mehr Zuchthäusler, um dringend benötigte Grenzsteine aus Lahn-Marmor zu fertigen. In rauen Mengen. (*3)

Übrigens gibt es sogar bis heute noch einige davon zu sehen. Einer steht hier in Weilburg im Garten der „Villa im Park“ in der Frankfurter Straße. So einen Großauftrag lässt man sich als guter Fürst und Geschäftsmann nicht durch die Lappen gehen und legt auch gern noch Nachtschichten ein. Also hatte die Weilburger Zuchthäusler-Marmorschleiferei nach Diez umsiedeln müssen. Nur das Gebäude, in dem sie zuvor ihr geräuschvolles Tun vollbracht hatten, konnten sie nicht mitnehmen. Und das stand nun – direkt neben dem Landtor de Triomphe – leer. Schon seit fünf Jahren.

Damit hatte Friedrich Wilhelm also in hervorragender 1-A-Einzelhandelslage eine Immobilie frei, für die ihm jeder Interessent recht war. Und da kamen ihm diese obskuren Neu-Weilburger Katholiken mit ihrem Raumproblem wie gerufen. Allerdings war er in den Verkaufsverhandlungen im Jahr 1815 ein wenig im Nachteil. Sein Job hielt ihn andauernd auf Trab, außerdem wollte er so gern anstelle seines Vetters in Wiesbaden Herzog werden, aber dieser wollte und wollte einfach nicht sterben.

Um die Immobilienfrage aus dem Kreuz zu kriegen, schenkte Friedrich Wilhelm den Katholiken kurzerhand das alte Zuchthaus, „sollen die doch sehen, was sie damit machen!“ „Wir wollen aber einen Kirchturm (man könnte dazu auch Minarett sagen, gemeint war ein Turm, von dessen Höhen die Gläubigen zum Gebet gerufen werden konnten, Anmerkung der Redaktion).“ „Meinetwegen,“ sagte Friedrich Wilhelm, „aber einen Lautsprecher, tschuldigung, eine Glocke gibt’s naut.“

Die katholischen Migranten brauchten danach noch eine halbe Ewigkeit, um den Versammlungs- und Gebetsraum vernünftig zu planen. Außerdem wechselten die Vorstände, was den Planungen gar nicht gut tat. Erst war der Vorstand ein katholischer Pfarrverweser, dann ein Pfarrer. Der hielt wenigstens bis zur Einrichtungsphase durch, wobei ihm das eine oder andere graue Haar wuchs. Dann segnete er das Zeitliche und sein Nachfolger im Amt konnte endlich am 4. November 1821, dem Namenstag des Kirchenpatrons Karl Borromäus, die erste Heilige Messe in der neuen Kirche feiern, die sie Karlskirche nannten.

130 Jahre später wurde die Karlskirche den Katholiken zu klein. Weitere zunächst unerwünschte katholische Fremdarbeiter, diesmal Vertriebene genannt, waren zwischenzeitlich den Weilburgern „aufs Auge gedrückt“ worden. Und weil es kein angemessenes Leerstandsproblem in der Weilburger Altstadt mehr gab (wie es auch keinen Ausländerbeirat mehr geben musste, weil die erste Welle der Katholiken mittlerweile integriert war), bebaute man ein vorher verschmähtes, weil zu weit von der Altstadt gelegenes Grundstück an der Frankfurter Straße.

Dort steht sie heute noch, die katholische Heilig-Kreuz-Kirche, und gehört wie selbstverständlich dazu. Alle Katholiken sprechen heute Weilburger Platt (oder ist es vielleicht so, dass die evangelischen Weilburger kein Platt mehr können?). Und davon, dass die Katholiken den Protestanten in Weilburg die Arbeitsplätze wegnähmen, ist schon lange nichts mehr zu hören.

Jahre später, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, ging das Spielchen vom Anfang dieser schönen Geschichte übrigens wieder von vorn los. Nein, nicht einfach nur das mit den Katholiken und auch bestimmt nicht das mit den Gastarbeitern aus der näheren Umgebung. Aber aus der weiteren. Erst kamen die Italiener, Portugiesen und Spanier. Alles stramme Katholiken wie jene erste Einwanderungswelle von 1765 ff, aber die Sache mit dem Platt war auch hier ein gewisses Problem, zumindest am Anfang. Und dann kamen auch noch die Türken.

Und ähnlich wie seinerzeit beim Bau der alten Brücke war eigentlich vorgesehen, dass sie alle hier arbeiten und dann möglichst schnell wieder verschwinden. Sind sie aber nicht. Wie seinerzeit die Katholiken sind auch sie geblieben, obwohl so mancher von ihnen immer noch von einem vergleichsweise wohlhabenden Ruhestand im Kreise der Enkelkinder in der alten Heimat träumt.

Geschichte wiederholt sich eben doch in gewissem Umfang, das kann Ihnen jeder Historiker bestätigen; und auch die vermeintlichen Probleme bleiben sich im Wesentlichen gleich. Manchmal braucht’s halt einen Ausländerbeirat und einen gestressten Fürsten (der nennt sich heute Volkssouverän und besteht aus uns allen), der ein wenig dabei hilft, Gegensätze miteinander zu versöhnen. Und in 100 Jahren spricht kein Mensch mehr über Integration. Weil sie Alltag ist. Und das mit den ungewohnten, etwas anderen Gotteshäusern und dem Platt fällt dann keinem mehr auf.

Für Nicht-WeilburgerInnen und WeilburgerInnen die nicht ganz so gut in der Weilburger Geschichte bewandert sind:

(*1) Diese Dinge sind tatsächlich passiert, nur 250 Jahre später. Übergriffe der Protestanten gegenüber Katholiken sind nach der Reformation in Weilburg nicht belegt, können aber vermutet werden.
(*2) Die Katholiken sind tatsächlich beim Fürsten vorstellig geworden und baten um einen Raum. Ausländerbeiräte jedoch sind eine Erfindung der Neuzeit.
(*2) Den Auftrag für die Grenzsteine gab es auch etwas später. Der Grund für die Zusammenlegung der Zuchthäuser dürfte in einer Verwaltungserleichterung und genügend Platz in Diez gelegen haben.

Alle anderen Daten, Zahlen, Fakten sind historisch belegt.

In der Reihe „Weilburg kannste knicken“ sind bisher erschienen:

Weilburg kannste knicken – König-Konrad-Denkmal

Weilburg kannste knicken – Landtor de Triomphe