Guten Tag, Weilburg! (HE) Begleiten Sie mich auf einem liebevoll-ironischen und manchmal märchenhaften Stadtrundgang zu den Sehenswürdigkeiten der ehemaligen Residenzstadt Weilburg an der Lahn. Zu den neuen und besonders zu den alten Highlights der Stadt. Denen zu Lande, zu Wasser und vielleicht sogar in der Luft. Eventuell zu Sehenswürdigkeiten, die gar keine sind. Denn allzu oft kann sich Weilburg nicht entscheiden. Vielleicht braucht die Stadt einen Fürsten, einen absolutistischen möglichst, einen, der den Leuten sagt, wo es langgeht. So wie Karl Christian zum Beispiel, der dazu auch noch ein echter, eingeborener Weilburger war.

Apropos eingeborene Weilburger. Wurde eigentlich im Zusammenhang mit dem König-Konrad-Denkmal erwähnt, dass eben dieser König Konrad auch ein echter, eingeborener Weilburger gewesen ist und sein Vater irgendwo auf dem Schlossareal beerdigt wurde? Nein? Das liegt vielleicht daran, dass diese Tatsache in Weilburg nur äußerst selten Erwähnung findet und sich die Historiker da auch nicht so ganz einig sind. Vielleicht ist Weilburg auch so reich mit Berühmtheiten gesegnet, dass man solche nebensächlichen Details getrost mal weglässt.

Der „Große Lauschangriff“

Zurück zu Karl Christian und dem Landtor. In den Weilburger Annalen liest sich die Geschichte ganz einfach: „Als 1758 die Vorstadt verlängert wurde und ein Zuchthausbau entstand, wurde auch dieses Tor (Vorstadt, Ecke Marktstraße) abgerissen. Dem Wunsch der Stadt, den Neubau in der Art des abgerissenen Tores mit Wohnungen für Pförtner und Hirten auszuführen, kam der regierende Fürst Karl Christian von Nassau-Weilburg (1753-1788) nicht nach; es wurde ein monumentales, repräsentativen Eindruck vermittelndes Eingangstor gewünscht. Der Grundstein wurde im September 1759 gelegt, Bauabschluss war am 11. Januar 1768.“

Das ist aber nicht die ganze Geschichte. Denn vor einiger Zeit wurden den Weilburger Nachrichten geheime Protokolle eines Großen Lauschangriffs auf das Kaminzimmer des Weilburger Schlosses zugespielt. Belauscht wurden in empörender Weise Karl Christian Fürst von Nassau-Weilburg, seinerzeit noch unter der Vormundschaft seines Onkels, des Fürsten Karl von Nassau-Usingen, und Wilhelmine Karoline Prinzessin von Oranien-Nassau-Diez, Tochter des Erbstatthalters der Niederlande (was in dieser Republik so etwas war wie bei uns ein König). Sie war, sagen die Annalen, äußerst musikalisch und gut mit Mozart bekannt. Und sie wusste schon mit nicht einmal 16 Lenzen sehr genau, was sie wollte. Oder, um es weniger freundlich auszudrücken: Sie war ein reichlich verwöhntes Blag.

Der Zeitpunkt des protokollierten Gesprächs ist nicht mehr so genau zu entziffern, vermutlich war es um den Jahreswechsel 1758/59. Karl Christian und Karoline hatten sich 1755 kennengelernt und schon bald danach auf Wunsch Karolines Mutter verlobt.

An einem typischen Winterabend im Weilburger Schloss…

Ein Diener hat gerade einen weiteren Holzscheit aufs Feuer gelegt. Trotzdem wird das feuchte Kaminzimmer nicht so recht warm. Karoline kuschelt sich in ihren weißen Zobel; Karl Christian, ganz Kavalier, reicht ihr eine warme Decke.

Karoline: „Karl Christian?“

Karl Christian: „Ja, mein Schatz?“

Karoline: „Karl Christian, du musst doch ein neues Stadttor bauen, oder?“

Karl Christian, dem immer mal wieder Weilburger Platt entschlüpft: „Gibts naut, Onkel Karl gibt mir kein Geld.“

Karoline: „Und wenn ich ganz lieb bitte?“

Karl Christian: „Was willst du denn mit einem Tor?“

Karoline: „Karl Christian, ich war doch im Herbst in Paris shoppen und dann haben wir noch diese Städtereise nach Rom gemacht.“

Karl Christian: „Ja, und? War teuer genug, aber dein Papa bezahlt ja noch; wenn wir verheiratet sind, ist es vorbei mit so was.“

Karoline: „Karl Christian, in Rom haben sie so schöne Tore, die nennen sie Triumpfbogen. So repräsentativ! Wär‘ das nicht mal was für Weilburg?“

Karl Christian: „Wir haben kein Geld, hab‘ ich doch schon gesagt.“

Karoline: „Ich will aber einen Triumpfbogen! Jeder, der auf sich hält, hat einen!“

Karl Christian: „Karoline, mein Schatz, du weißt ja gar nicht, was so ein Triumpfbogen kostet. Schlag‘ dir das aus dem Kopf. Triumpfbögen sind zu teuer.“

Karoline, mit Schmollmund: „Papa ist nicht so geizig, wenn ich den frage, krieg‘ ich einen Triumpfbogen. Den baut er dann in Den Haag, als Hochzeitsgeschenk.“

Karl Christian: „Nun sei doch vernünftig, Karolinchen, auch dein Papa kann nicht mal einfach so einen Triumpfbogen bauen. Den muss man planen, dafür braucht man einen Baumeister. Und den haben wir in Weilburg nicht.“

Karoline: „Ich habe Papa schon gefragt, der Baumeister van Swart kann das ganz bestimmt. Ach bitte, Karl Christian, ich möchte so gerne einen Triumpfbogen. Dann zeige ich dir auch, welche Dessous in Paris gerade en vogue sind.“

Der Rest des Gespräches wird diskret verschwiegen. Am 17. September 1759 allerdings wurde der Grundstein für ein großes, schönes, prächtiges Landtor gelegt. Aus Lahn-Marmor, das bevorzugte Baumaterial der alten und neuen Fürsten in Weilburg. An Karolines Dessous erinnert noch heute der obere Teil des Landtores: rosa Lahn-Marmor.

Aber wie das Leben so spielt, von diesem prächtigen Tor war bei der Fertigstellung nach achteinhalb Jahren nicht mehr viel übrig. Es fiel unterm Strich um einiges bescheidener aus. Vielleicht war Karoline ja im Laufe der Jahre zur Vernunft gekommen. Oder Karl Christian hat es sich anders überlegt. Wer weiß?

Napoleons Sternstunde in Weilburg

Dieses war der erste Akt. Aber die Geschichte hat eine Fortsetzung: Den Schulkindern wurde noch vor nicht allzu langer Zeit erzählt, Napoleon Bonaparte habe dermaleinst im Prunkbett des Weilburger Schlosses übernachtet. Der Mann hat angeblich in so vielen Betten geschlafen, da fragt man sich doch, woher er noch die Zeit für all seine Feldzüge genommen hat. Aber egal, in Weilburg ist er offenbar wirklich gewesen. Dafür gibt es einen überzeugenden Beweis, und der steht in Paris, mitten auf der ehemaligen Place de L’Etoile, der heutigen Place Charles de Gaulle: der Arc de Triomphe, der Pariser Triumpfbogen. Schauen Sie sich den mal genauer an. Erkennen Sie die Ähnlichkeit? Ja, genau, da stand das Weilburger Landtor Pate. Oder besser gesagt: der ursprüngliche Plan, wie unser hiesiger Arc de Landtor eigentlich aussehen sollte.

Und das kam so: Auf dem Weg nach Austerlitz, zur Dreikaiserschlacht, war der kleine, große Korse 1805 in Weilburg eingekehrt. Fürst Friedrich Wilhelm, der Sohn von Karl Christian, trat ihm in selbstloser Gastfreundschaft sein eigenes Schlafzimmer ab, das mit dem schönen Himmelbett. Wann hat man schließlich mal einen echten Kaiser zu Besuch – und sei es nur ein selbst gekrönter!

Auf jeden Fall wissen wir von Napoleon, dass er in fremden Betten nicht gut schlafen konnte. Also spazierte er ein wenig durchs nächtliche Schloss, spähte mal in dies, mal in jenes Zimmer und auch in Friedrich Wilhelms Arbeitszimmer. Und dort lagen sie, die ursprünglichen Pläne für das Landtor. „Endlich ein Entwurf, der eines Kaisers würdig ist“, dachte sich Napoleon in einer wahren Sternstunde der Geschichte, faltete die Pläne sorgsam und verbarg sie unter seinem Jacket. Darum hieß übrigens, flüsterten uns die heimlichen Kundschafter aus Paris, die Place de l’Etoile, der Sternplatz, wie sie nun mal hieß, ehe Charles de Gaulle auftauchte. Und so passt alles ins Bild.

Als der Kaiser der Franzosen später siegreich von Austerlitz heimkehrte, zögerte er nicht lange, sondern gab den prächtigen Triumpfbogen nach den ursprünglichen Landtor-Plänen sogleich in Auftrag. Diese Pläne aber trug er fortan immer bei sich. Oder was meinen Sie, was er ständig mit der Hand festgehalten hat, wenn er sie unter die Uniformjacke schob?

Friedrich Wilhelm, wo wir gerade dabei sind, hat übrigens nicht nur die unersetzlichen Pläne für Weilburgs Arc de Triomphe an den französischen Imperator verloren, er war auch sonst eher glücklos. Eigentlich hatte er Herzog werden sollen, wenn einmal sein Vetter in Usingen starb. Ging nicht, dessen Tod hat er nämlich gar nicht erleben dürfen. Kurz vorher ist er auf einer glatten Treppe im Weilburger Schloss so unglücklich gestürzt, dass er noch vor dem Usinger starb.

Karoline bekommt 17 Kinder und Karl Christian heiratet Barbara

Nochmal zurück zur Karoline. Zu deren Ehrenrettung sei gesagt, dass sie in ihrer Ehe mit Karl Christian 17 Kinder zur Welt brachte, von denen aber nur sieben ein nennenswertes Alter erreichten. Vielleicht lag das ja daran, dass die beiden erst 1784 in Weilburg sesshaft wurden. Karl Christian jedoch hatte nach ihrem Tod 1787 nichts Besseres zu tun, als nach Ablauf des Trauerjahres sein Techtelmechtel mit Barbara Giessen von Kirchheim zu legalisieren.

Wie kommt das Stadtwappen ans Tor?

Dritter Akt, Neuzeit. Wir schreiben das Jahr 2001. Ganz Weilburg schläft. Ganz Weilburg? Nein, bei einem spät berufenen absolutistischen Fürsten brennt noch Licht im Amtszimmer. Dort entsteht eine Idee, die eines Fürsten würdig ist. Wenn Weilburg schon kein Landtor de Triomphe hat, wenn der prächtige Aufsatz mit dem Wappen des Fürstengeschlechts derer von Nassau-Weilburg und das hochherrschaftliche Drum und Dran dermaleinst dem Rotstift des 18. Jahrhunderts zum Opfer gefallen ist, dann soll doch wenigstens ein Weilburger Stadtwappen den Eingang zur Altstadt zieren. Gesagt, getan! Gegen den erbitterten Widerstand der Denkmalschutzbehörde und der Weilburger Bürgerschaft befiehlt der Fürst seinen Lakaien, das Landtor mit dem Stadtwappen zu verzieren. Dort ist es nun, und wenn es nicht heruntergefallen ist, dann hängt es da noch heute.