König-Konrad-Denkmal in Villmar, <a title="By Oliver Abels (SBT) (own work, made with: Canon PowerShot A710 IS) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC-BY-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons" href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AVillmar_-_Koenig_Konrad_Denkmal_2.jpg"><img width="256" alt="Villmar - Koenig Konrad Denkmal 2" src="//upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/0a/Villmar_-_Koenig_Konrad_Denkmal_2.jpg/256px-Villmar_-_Koenig_Konrad_Denkmal_2.jpg"/></a>

König-Konrad-Denkmal in Villmar, Villmar - Koenig Konrad Denkmal 2

Begleiten Sie mich auf einem liebevoll-ironischen Stadtrundgang zu den Sehenswürdigkeiten der ehemaligen Residenzstadt Weilburg an der Lahn. Zu den neuen und besonders zu den alten Highlights der Stadt. Denen zu Lande, zu Wasser und vielleicht sogar in der Luft. Eventuell zu Sehenswürdigkeiten, die gar keine sind. Denn allzu oft kann sich Weilburg nicht entscheiden. Vielleicht braucht die Stadt einen Fürsten, einen absolutistischen möglichst, einen, der den Leuten sagt, wo es langgeht. Wenn der nämlich fehlt, dann können solche Sachen passieren wie die mit dem König-Konrad-Denkmal.

Lassen Sie uns also unseren Stadtrundgang am König-Konrad-Platz beginnen. Der König-Konrad-Platz ist der gewaltige Exerzierplatz vor den Gartenmauern des Schlosses. Der meist menschenleere Platz, der links Parkplätze und ein bisschen Grünzeug, dann eine Straße – und dann eigentlich nichts mehr, außer ein paar Bänken, zu bieten hat. Ja, genau das ist der König-Konrad-Platz. Ach, da ist auch noch dieser Möchtegern-Triumpfbogen. Aber zu dem kommen wir später, das ist eine eigene Geschichte.

Wir sollten hier am König-Konrad-Platz erst mal klären, wer dieser König Konrad überhaupt war. Und warum Weilburg einen Platz mit seinem Namen hat. Das ist nämlich so:

König Konrad I. war ein reichsbekannter Verlierertyp, als die Karolinger nicht mehr und die Ottonen noch nicht da waren. Nach dem Tod des bekanntesten Karolingers, Karl des Großen, war dessen Riesenreich auseinander gebrochen. Die größte Unternehmerfamilie des frühen Mittelalters ging damit langsam, aber sicher den Bach runter. Dem großen Kaiser, der fast ganz Europa ziemlich blutig regiert hatte, folgten zunächst ein paar seiner Kinder, Enkel und Urenkel mit wahrhaft furchterregenden Namen wie „Ludwig der Fromme“, „Ludwig der Deutsche“, „Karl der Dicke“ – der einigermaßen normale Arnulf von Kärnten hielt nur drei Jahre durch – dann folgte „Ludwig das Kind“. Der suchte sich mit seinen 18 Jahren Frankfurt als Lebensraum aus und von ihm sind die schrecklichen Worte überliefert: „Frankfurt sehen und sterben!“ Tat’s – und damit gab es nicht einmal 100 Jahre nach dem Tode Karls des Großen keine Karolinger mehr, zumindest keine ostfränkischen.

Wer war eigentlich Konrad I.?

Jetzt kommt Konrad ins Spiel. Er war das Familienoberhaupt der Konradiner, die ihre Kernlande irgendwo hier in der Gegend hatten, zumindest im weitesten Sinne im Rhein-Lahn-Gebiet. Weilburg war eines ihrer Hausstifte, davon hatten sie aber noch ein paar. Auf jeden Fall waren sie die mächtigste Familie weit und breit.

Konrad hatte schon als Abt in Kaiserswerth fleißig an seiner Karriere gebastelt und sich bei Ludwig dem Kind lieb Kind gemacht. Außerdem hatte er Argumente, die man seinerzeit bei einer Königswahl nicht so einfach übergehen konnte: Seine unzähligen Truppen waren kampferprobt und kleinen Scharmützeln keineswegs abgeneigt. Den Ausschlag gab aber dann doch, dass er sich schon lange vorher (fälschlicherweise, aber das hängte er nicht an die große Glocke) als Blutsverwandter des Karolingerkönigs Ludwig ausgegeben hatte. Ludwig das Kind starb am 24. September 911 – und kaum sechs Wochen später war aus Konrad auch schon der ostfränkische König Konrad I. geworden.

Statt nun das ganze ostfränkische Reich auf den Kopf zu stellen, den Ungarn eins aufs Dach zu geben und allen Feinden mal so richtig einzuheizen, ging er zögerlich zu Werke. Als erstes gab er den Kindern im Kloster St. Gallen drei Tage schulfrei. Das brachte ihm schon mal Punkte beim Nachwuchs. Kinder sind zukünftige Wähler, das wusste man schon damals (kleiner Tipp am Rande: Vielleicht sollten sich manche Politiker auch heute mal wieder daran erinnern). Das Wohlwollen der Brüder im Kloster musste er aber dann doch mit Silber erkaufen. Damit erwarb er die namentliche Aufnahme in das Verbrüderungsbuch mit direktem Draht zum Himmel, wo Gott die Namen der Gerechten aufschrieb.

Von nun an ging’s bergab

Frei nach Hildegard Knef ging es ab da bergab. Die Kinder und der liebe Gott mögen starke Verbündete sein, aber angesichts händelsuchender, machtgieriger Nachbarn reichen sie selten so ganz aus, jedenfalls nicht in dieser Welt. Konrad I. verlor also zunächst einmal Lothringen an den westfränkischen König, und das, obwohl dieser den bezeichnenden Namen Karl der Einfältige trug. Dabei dürfte Konrad weniger der Quiche Lorraine nachgetrauert haben (die gab es nämlich noch nicht), sondern eher der Abtei St. Maximin (heute St. Matthias) in Trier und der mächtigen Stadt Köln, die damals beide zu Lothringen gehörten.

Die Ungarn wurden ebenfalls unangenehm, und die unangenehmen Dinge delegierte Konrad lieber an die Regionalfürsten. Das war schon immer eine schlechte Strategie. Hätte er sich selbst eingemischt, vielleicht wäre dann alles anders gekommen. So allerdings verlor er zunehmend an Autorität, um nicht zu sagen, die Mäuse tanzten auf seinem Tisch.

Dann muckte ein gewisser Heinrich aus dem Haus der Liudolfinger auf (unaussprechlicher Familienname, deshalb wurde der später mal in Otto geändert). Der beschlagnahmte kurzerhand ein paar Klöster und Siedlungen in Sachsen und bei den Strafexpeditionen Konrads wusste er sich trefflich seiner Haut zu wehren. Schließlich beherrschte Heinrich das ganze Sachsen und Thüringen.

Statt diesem Heinrich mal so richtig die Meinung zu geigen, hob Konrad I. nur mal kurz den Zeigefinger und drohte ihm ein wenig. Wunder, oh Wunder, zum Erstaunen aller nachgeborenen Historiker schien das dem sächsischen Heinrich Liudolfinger zu genügen, und er gab nach. 915 einigte er sich mit Konrad auf die Formel: „Tust du mir nichts, tu ich dir nichts.“ Und sie lebten fürderhin glücklich und zufrieden nebeneinander her.

Mit Ochsen nach Weilburg

Die nächsten Jahre können wir überspringen. Im Endeffekt ist es mit den Schwaben und den Bayern dasselbe Spiel gewesen, nur dass das mit dem Zeigefinger nicht immer so glücklich funktioniert hat. Selbst eine Intervention des Papstes konnte Konrad nicht vor ständigen Angriffen aus den Landen südlich des Weißwurstäquators retten. 916 wurde Konrad im Kampf gegen die Bayern so schwer verwundet, dass er fortan nur noch per Schiff durch sein Königreich reisen konnte.

Und jetzt raten Sie mal, wohin ihn sein Weg zuletzt führte? Ja, richtig, ein paar kräftige Ochsen, zeitweise unterstützt von starken Männern, zogen sein Boot die Lahn herauf bis nach Weilburg.

Hier in Weilburg, irgendwo auf dem großen Schlossareal, hat das Hausstift von Konrad gestanden. Und dort ist er in einem der kalten, immer noch sehr schlecht heizbaren Zimmer am 23. Dezember 918 gestorben. Aber vorher ließ er seinen Bruder Eberhard antanzen. Normalerweise wäre der nämlich sein Nachfolger und Erbe gewesen. Pustekuchen, in einer lichten Stunde hatte Konrad erkannt, dass die Konradiner keine Karolinger sind und ein vernünftiger König mit Ahnung von der Sache her muss.

Da dachte er gleich an den Heinrich mit dem unaussprechlichen Nachnamen, den, der in Sachsen und Thüringen dank Konrads Hilfe im sicheren Sattel saß. Konrad überredete seinen Bruder, auf die Krone zu verzichten. Er ging sogar so weit, ihn darum zu bitten, die Krone dem Heinrich persönlich vorbeizubringen. Das gab er ihm gleich schriftlich im so genannten „Weilburger Testament“.

Ist das Weilburger Testament echt?

Naja, vom Mittelalter wissen wir, dass die besten Fälscher am höchsten angesehen wurden. Das ist heute nicht mehr ganz so, aber der Kujau, ein Namensvetter von unserem König Konrad, hat Jahrhunderte später für seine gefälschten Hitler-Tagebücher immerhin 9,3 Millionen Mark kassiert. Aber schweifen wir nicht ab.

Ein wenig irritiert hat es die Historikern heutzutage allerdings, dass Eberhard geschlagene fünf Monate brauchte, um dem Heinrich die Krone zu bringen. Wahrscheinlich hatten Konrad und Heinrich schon 915 (siehe oben) diesen Deal ausgehandelt. Da war also noch ein bisschen mehr gewesen als der zitierte erhobene Zeigefinger. Und Eberhard, der dafür nun mit Kronverzicht die Zeche zahlen sollte, begann mit der Krone in der Hand ein wenig zu feilschen.

Schließlich wurde Heinrich König und Eberhard mit dem Titel „Freund des Königs“ einer der mächtigsten Männer im Reich. Dabei dürfte auch der eine oder andere Beutel mit Gold den Besitzer gewechselt haben. Aber wie das in der Geschichtsschreibung so ist: Ein großherziges Weilburger Testament, in dem ein weitsichtiger Konrad nur das Beste für sein Volk wollte, und ein demütiger, verzichtsfreudiger Eberhard – das liest sich besser als die wahre Geschichte vom Feilschen und Zahlen.

Ach so, Konrad I. wurde übrigens nach seinem Tod auf eigenen Wunsch nicht etwa in Weilburg, sondern in Fulda bestattet. Dort wurde er vergessen: Niemand weiß heute, wo sich sein Grab befindet. Lediglich eine Gedenktafel im Dom erinnert daran, dass bisher noch keiner ein Interesse hatte, intensiv genug zu suchen.

Wobei wir auch gleich mit der Theorie von Konrad I. als erstem deutschen König aufräumen können. Denn den kann es ja logischerweise erst gegeben haben, wenn sich die Menschen im Reich auch als Deutsche fühlten. In seiner Regierungszeit war das nicht so. Vielmehr war der gute Konrad auf ganzer Linie gescheitert, ein echter Loser. Und dann hat er auch noch als letzter fränkischer König seine Krone an einen Sachsen geschickt!

Allerdings haben die Sachsen es dann immerhin doch geschafft, ein deutsches Reich zu gründen. Und damit wir uns das heute leichter merken können, ersparten uns die Liudolfinger ihren unaussprechlichen Namen, benannten sich nach den Nachfolgern von Heinrich um und hießen von Stund an Ottonen.

Wie kommt König Konrad nach Villmar?

Und jetzt wird es noch mal spannend. Wir machen nämlich eine Zeitreise von 918 in das Jahr 1891. Aufrechte national gesinnte Weilburger wollten Konrad I. sozusagen posthum zu seinem Recht verhelfen. Es wurmte sie, dass der Mann, mit dem die Weilburger Geschichtsschreibung anfängt, an seinem Stammsitz überhaupt nicht beachtet wurde. Zwar galt er bei Historikern schon immer als Verlierer, als Gescheiterter, aber diesen Aspekt übersah man großzüig. Ein Denkmal musste her.

Und es erhob sich ein lautes Geschrei für und wider diesen Plan. Man konnte sich auf keinen passenden Standort einigen. Der eine Platz missfiel den Initiatoren und Geldgebern, der andere gefiel der Stadt nicht. So ging es hin und her. Es fand sich niemand, der den Weilburgern mal so richtig Bescheid gestoßen hätte. Die Zeiten der absolutistischen Herrscher, die einem klipp und klar sagten, wo es lang zu gehen hat, waren vorbei. Irgendwann hatten die Initiatoren die Nase voll und trafen eine Entscheidung: Kurzerhand wurde das Denkmal in Villmar auf einem Felsen direkt an der Lahn errichtet. Und Weilburg hatte kein König-Konrad-Denkmal. Weil es sich nicht entscheiden konnte.

Späte Ehrung in Weilburg

Wieder eine Zeitreise vom Jahr 1891 in das Jahr 2000. Gut 100 Jahre später. Die Zeit der Grafen und Fürsten, der absolutistischen Herrscher in Weilburg ist längst Geschichte. Da entsteht im Weilburger Rathaus bei einem modernen nachgeborenen Fürsten die Idee, dem ach so großmütigen letzten ostfränkischen König, der in Weilburg zwar sterben, aber nicht dort begraben sein wollte, doch noch ein eigenes Weilburger Denkmal zu setzen.

Es bot sich dafür der neu geschaffene Truppenübungsplatz vor dem Weilburger Arc de Triomphe an. Für den hatte man in Weilburg kurz vor dem Hessentag noch keinen Namen und auch noch keine eigene Sehenswürdigkeit. Eine Säule aus Lahn-Marmor, der gar kein Marmor ist (aber dazu kommen wir später) mit einer Krone aus griechischem Marmor (der Marmor ist zwar echt, aber wo ist der Bezug zu Konrad I. oder Weilburg?) war beim Bildhauer Rainer Landgraf (der kommt wenigstens aus Fulda und hat schon mal von Konrad I. gehört) schnell in Auftrag gegeben. Das Geld kam aus Wiesbaden (wohin die Nassau-Weilburger einst geflüchtet sind – aber das ist eine andere Geschichte) und die Säule wird als König-Konrad-Denkmal auf dem König-Konrad-Platz am 18. Juni 2005 während des 45. Hessentags, der bekanntermaßen in Weilburg stattfand, feierlich eingeweiht.

Jetzt wissen Sie, warum es in Weilburg einen König-Konrad-Platz mit einem König-Konrad-Denkmal gibt. Und in der nächsten Folge erzählen wir Ihnen, was es mit dem Landtor, dem Weilburger Arc de Triomphe, auf sich hat.