• Einleitung
  • Mythos Jakobswege
  • St.-Jakobus d.Ä. – Apostel und Maurentöter?
  • Santiago de Compostela – warum wurde das Grab zum Hauptpilgerziel?
  • Mittelalterliche Pilger unterwegs!
  • Der "wahre Jakob"!
  • Heilige Jahre
  • Deutschland und seine Jakobswege
  • Stolzenfels im Jakobswege-Netz
  • Warum das 21. Jh. sich nicht so sehr vom hohen Mittelalter unterscheidet!

     

    Überall können wir bei dem bisher gesagten zwischen den Zeilen die machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen lesen, die mit dem Apostelgrab gerade am Ende der damalig bekannten Welt verbunden waren (und heute noch sind). Die ersten Pilger aus Aquitanien und dem Bodenseeraum sind bereits im 10 Jh. (wohl um 930 herum) belegt. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Bei den Spaniern kann man es noch verstehen, immerhin handelt es sich um ihren Nationalheiligen. Dann aber folgten die Franzosen und die Deutschen – Pilger sind aus Osteuropa, aus Skandinavien, ja selbst aus Island belegt. Nach den Engländern wurde ein Pilgerweg, der Camino Ingles von Ferrol bzw. La Coruna, benannt.

    Warum das alles? Warum entwickelt sich hier, neben Jerusalem und Rom, ein drittes Hauptpilgerziel für die Christenheit?

    Zunächst einmal brauchte die Reconquista, die Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den Arabern, und das neue Königreich Asturien eine Identifikationsgestalt. Diese war mit dem Apostel, Märtyrer und Maurentöter Jakobus d.Ä. schnell gefunden. Jakobus legitimierte Asturien als Nachfolgereich der im Maurensturm untergegangenen Westgoten und die Königsfamilie als Nachfolger Theoderichs des Großen.

    Aber erst 1075 erscheint ein erster ausführlicher Bericht über die Grabauffindung, die „Concordia de Antealtares“. Die Zusammenfassung der wichtigsten Legenden erfolgt im 12. Jh. durch den Liber Sancti Jacobi und durch die Legenda Aurea im 13. Jh. Der Liber Sancti Jacobi wird auch Codex Calixtinus genannt und enthält u.a. den ersten bekannten Pilgerwanderführer. (Nicht, dass ich mich in der Nachfolge des Papstes Calixt II. sehe, der wars auch gar nicht, der ihn geschrieben hat. Tatsächlich wird es wohl ein französischer Gelehrter, Aimeric Picaud, gewesen sein.)

    Im Codex Calixtus ist auch der sogen. Pseudo-Turpin enthalten, ein Buch, in dem geschildert wird, wie Karl der Große auf Geheiß des Apostels den Weg zum Grab von den Mauren befreit.

    Und schon sind wir mitten drin im schönsten Machtgerangel. Die Verbindung des in Deutschland und Frankreich verehrten Karl mit dem Nationalheiligen Spaniens weckt nicht nur das Interesse des deutschen und französischen Volkes, sie bietet auch die ideale Gelegenheit für Friedrich I. Barbarossa und Ludwig VII. von Frankreich die eigene politische Vormachtstellung in Europa zu begründen und anzumelden.

    Gleichzeitig nutzen Asturien und die anderen christlichen Königreiche Spaniens die Gelegenheit, die entvölkerten Landschaften neu zu besiedeln – besonders entlang des sich langsam entwickelnden Weges vom Kloster Roncesvalles in den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela. Besonders in Frankreich werden Bauern, Kaufleute und Handwerker mit Freiheitsrechten, Privilegien und Steuerbefreiungen angeworben und entlang des Pilgerweges angesiedelt. Noch heute heisst deshalb dieser Hauptjakobsweg "Camino Frances".

    Geschickt nutzte auch die Kirche das Interesse am angeblichen Apostelgrab. Die Klosterreform von Cluny (wussten Sie eigentlich, dass Cluny uns den Allerseelentag beschert hat?), aber ganz besonders neue theologische Entwicklungen in der christlichen Heils- und Erlösungslehre wurden noch vor Rom in Santiago de Compostela aufgegriffen und verbreitet.

    So wurde in einfachen, allen verständlichen Worten die Fürsprache des Apostels bei einem versöhnenden Christus vermittelt. Diese Botschaft fiel gerade bei der ärmlichen, ja wirklich im Elend lebenden Bevölkerung Europas auf fruchtbaren Boden. Viele machten sich auf, liessen den Schmutz und Unrat der mittelalterlichen Städte, den Hunger und das Elend hinter sich, um am Grab in Santiago de Compostela den heiligen Jakobus um Beistand bei Christus zu bitten.

    Später integrierte das Domkapital auch ein Ablasswesen und Heilige Jahre nach dem Vorbild Roms in die Pastoral.

    Bereits um 1075 wurde  mit dem Bau der romanischen Kathedrale begonnen, 1120 wurde sie zum Sitz eines Erzbischofs.

    In der frühen Neuzeit verfiel der Pilgergedanke mehr und mehr, die Reformation und Luthers persönliche Einstellung zum Thema Pilgern tat ein übriges: die Zahl der Pilger nahm dramatisch ab. Einige heftige Kriege zwischen Frankreich udn Spanien haben auch eine nicht zu geringe Rolle gespielt. Aber ab Mitte des 17. Jh. geht es wieder aufwärts, ein umfangreiches Bauprogramm wird begonnen und 1769 mit der Vollendung einer neuen Nordfassade abgeschlossen.

    Die Säkularisierungswelle nach den napoleonischen Kriegen zerstört nicht nur Cluny und andere kirchliche Schätze, sondern auch fast die gesamte karitative Infrastruktur des Camino Frances. Aber der Pilgerstrom wurde zwar reduziert, hört jedoch niemals ganz auf. 1879 wurden die verschollen geglaubten Gebeine des Apostels wiedergefunden, Papst Leo XIII. bestätigt 1884 die Echtheit  und löst damit eine neue Pilgerwelle aus. 1937 erklärte Franco das Fest des Heiligen Jakobus zum Nationalfeiertag. 1950 gründet sich in Paris eine wissenschaftliche Jakobusgesellschaft.

    Seit 1970 gibt es einen neuen Aufschwung. In dem Jahr haben 68 Pilger die Compostela erhalten. 1980 sind es 209 PilgerInnen, 1990 4.918, im Jahr 2000 55.004 und schliesslich 2007, im Jahre 6 nach HP  (Hape Kerkeling ist 2001 den Camino Frances gegangen) immerhin 114.026 Pilger.

    Auf dem Jakobsweg befinden Sie sich in berühmter und frommer Gesellschaft: Johannes Paul II., Otto von Habsburg, Cees Noteboom, Paulo Coelho, Shirley McLaine, Verona Pooth, Frank Elstner oder Jenna Bush, die amerikanische Präsidententochter.

    Den eigenen Machtanspruch manifestieren, Spanien eine neue Identifikationsfigur geben, verödete Landstriche neu besiedeln, und schliesslich sogar die europäische Vormachtstellung eines Friedrich I. Barbarossa oder Ludwig VII. begründen – all das setzt Energien bei den Herrschenden des Mittelalters frei, um Santiago de Compostela zu einem der wichtigsten Orte der Christenheit zu machen.