Auf den Internetseiten www.eschwege.de fanden wir folgenden Artikel aus der Werra-Rundschau. Frau Flügel-Anhalt ist auf ihrem Pilgerweg auch den Lahn-Camino über Wetzlar, Braunfels, Weilburg, Villmar und Limburg bis nach Lahnstein und dann den Mosel-Camino von Koblenz-Stolzenfels nach Trier gegangen.

 

Kirchhosbach. Mit einem reumütigen Bußgang zu Gott hat diese Reise nichts zu tun. Auch wenn ihr Ziel das spanische Pilgermekka Santiago de Compostela ist, versteht Margot Flügel-Anhalt sich viel eher als Landstreicherin.

„Unterwegs zu sein ist für mich wesentlicher, als vor Gott auf die Knie zu fallen“, sagt sie, „mir geht es einfach darum, beim Laufen zu mir selbst zu finden.“ Die erste Etappe ihrer insgesamt dreiteiligen Wanderung nach Spanien hat sie bereits hinter sich gebracht. In 37 Tagen lief sie von ihrer Haustür in Kirchhosbach bis in das rund 800 Kilometer entfernte Joinville in Frankreich.

Unterwegs zu sein ist für mich wesentlicher, als vor Gott auf die Knie zu fallen.

Margot Flügel-Anhalt
„Es war ein unglaubliches Gefühl, nach den vielen Wochen der umfangreichen Vorbereitungen endlich loszugehen“, erinnert Margot Flügel-Anhalt sich an den langersehnten Aufbruch, „schon in diesem Augenblick habe ich gespürt, dass meine Entscheidung, auf diese Reise zu gehen, absolut richtig war.“ Der Entschluss, zu Fuß durch die Lande zu streifen, reifte in ihr dabei lange bevor Hape Kerkeling das Pilgern mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ richtig populär machte.

„Schon seit ich ein Kind bin, liebe ich es, mich in der Natur zu bewegen und zu wandern“, so die Sozialarbeiterin, „der Gedanke, mich irgendwann ganz allein zu Fuß auf eine richtige Reise zu machen, schlummerte schon seit vielen Jahren in mir.“ Auslöser, diesen Plan tatsächlich umzusetzen, war eine Begegnung mit Pilgern auf dem Rennsteig.

„Diese Menschen haben mich einfach fasziniert“, sagt sie, „sie waren schon seit vielen Wochen unterwegs und versprühten eine unglaubliche ruhige und heitere Dankbarkeit, für die ganz offensichtlich die Selbsterfahrung auf dem zurückgelegten Weg verantwortlich war.“ In diesem Moment stand ihr Entschluss fest. Auch sie würde sich auf den Weg begeben. Vor dem Aufbruch standen viele Wochen der genauen Vorbereitung. Denn einfach so loslaufen, ganz ohne Plan, das wollte Margot Flügel-Anhalt bei aller Abenteuerlust dann doch nicht. Im Internet beriet sie sich mit anderen Pilgern, besorgte Fachliteratur und vor allem eine sehr gute Ausrüstung. „Ohne die läuft im wahrsten Sinne des Wortes gar nichts“, sagt sie, „besonders die Schuhe müssen viel leisten.“

Glücklicherweise hatte sie genau die Richtigen für sich ausgewählt. Nicht eine einzige Blase trug sie während der ersten Etappe, für die sie ihren gesamten Jahresurlaub genommen hatte, bis ins französische Joinville davon. Schmerzen hatte sie aber schon. Bepackt mit einem Rucksack legte Margot Flügel-Anhalt täglich rund 30 Kilometer zurück. Abends kehrte sie in bereits gebuchte Hotels oder Pensionen ein.

Besonders der Nacken, die Schultern, die Füße und Schienbeine hatten viel Arbeit zu leisten. „Spätestens ab Kilometer 27 transformiert der Schmerz in ein höheres Bewusstsein“, so Margot Flügel-Anhalt, „der Körper ist im Höhenflug und schüttet unglaublich viele Glückshormone aus.“ Die spürt sie auch jetzt, längst wieder in ihr Büro der Stadtverwaltung Eschwege zurückgekehrt, immer noch:

„Wer sich auf eine solche Reise begibt, sieht die Welt hinterher mit anderen Augen“, so Margot Flügel-Anhalt, „ich gebe den Dingen jetzt einen völlig anderen Wert, vor allem aber spüre nun auch ich diese Dankbarkeit, die ich schon bei den Pilgern auf dem Rennsteig erlebt habe.“

Nun kann sie es kaum erwarten, sich wieder auf den Weg zu machen. In den nächsten Jahren will sie zwei weitere Etappen hinter sich bringen. Und wer weiß, vielleicht fällt sie dann in Santiago de Compostela ja doch vor Gott auf die Knie.

Vortrag in der Volkshochschule

Unterwegs offenbaren sich die Geheimnisse des Weges

Besonders die Begegnungen mit den Menschen haben Margot Flügel-Anhalt auf ihrem langen Weg beeindruckt. „Ich habe ausschließlich Herzlichkeit und Offenheit erfahren“, sagt sie. Diese und andere Erlebnisse wird sie am kommenden Mittwoch, 18. Juni, bei einem Vortrag mit ihrem Publikum teilen. „Ein Jakobsweg- eine pilgernde Landstreicherin erzählt“ heißt die Veranstaltung, die um 20 Uhr in der Aula der Volkshochschule Eschwege stattfindet. Dabei wird sie auch genau beschreiben, wie sie sich auf die Tour vorbereitet hat und Fotos zeigen, die sie unterwegs aufgenommen hat. Falls ausreichend Interesse besteht, wird die Volkshochschule auch einen eigenen Kurs zur Vorbereitung einer Pilgerreise mit Margot Flügel-Anhalt als Leiterin einrichten. Für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, eine einfache Fußreise anzutreten, hat sie zum ersten Überblick einen Internetlink parat. Unter www.fernwege.de lassen sich viele Informationen rund um die Zusammenstellung der Routen abrufen. Außerdem können hier auch Kontakte zu erfahrenen Wanderer geknüpft werden. (Samstag, 14. Juni 2008)