Kirchenzeitung Köln

Monsignore Guido Assmann muss nicht lange in den Geschichtsbüchern blättern. „Unser Münster hat seine Dimensionen wegen der großen Wallfahrten im Mittelalter.
Es gab Zeiten, da zählte Neuss 4000 Einwohner und 5000 Pilger“, berichtet der Oberpfarrer von St. Quirin. Selbst auf den Emporen der Hauptkirche hätten die Gläubigen aus nah und fern einst geschlafen — „wie in Santiago de Compostela“. Nun ist diese Epoche längst vorbei, aber Quirinus, der Stadtpatron, erfreut sich weiter großer Beliebtheit bei den Neussern. Jetzt will Assmann, seines Zeichens auch Kreisdechant, die Quirinus-Wallfahrt wieder beleben. „Wallfahrten sind modern geworden, aber darum geht es nicht in erster Linie. Unser Hauptanliegen ist es, den Kirchenraum mit Gebet und Gottesdienst zu füllen“, heißt es.

Quirinus lebte im zweiten Jahrhundert als Tribun in Rom. Er hatte christliche Gefangene zu bewachen, darunter Papst Alexander. Als seine Tochter Balbina durch das Kirchenoberhaupt von einem schweren Leiden geheilt werden konnte, trat Quirinus mit seiner Familie zum Christentum über. Er wurde gemartert und hingerichtet.

Fast 1000-jährige Tradition

1050 erhielt die Neusser Äbtissin Gepa von Papst Leo IX. Reliquien von Quirinus und brachte sie nach Neuss. So wurde die Stadt Ziel zahlreicher Pilger, die den Heiligen als Fürsprecher in leiblichen und seelischen Nöten anriefen. Die Verehrung verbreitete sich bis in die Schweiz, nach Österreich und nach Skandinavien aus. 1646 werden „große Wallfahrten, auch von ausländischen Völkern, nach Neuss“ bezeugt.

Ganz abgebrochen ist die jahrhundertealte Verehrung des Heiligen nicht. Am Sonntag nach dem Patrozinium am 30. April zieht alljährlich eine Prozession mit dem kostenbaren Quirinusschrein von 1900 um das Münster, wo anschließend ein Festgottesdienst gefeiert wird. Doch dabei soll es ab diesem Jahr nicht bleiben. Das Programm für eine ganze „Quirinus-Oktav“ hat Assmann jetzt vorgelegt. Wobei der engagierte Geistliche nicht die Bedenken einiger Mitstreiter, „dass wir uns übernehmen könnten“, ignoriert. So sind vom 28. April bis zum 4. Mai erst einmal all die Angebote unter dem Quirinus-Gedanken vereint, die es ohnehin gibt: Dazu zählen die lateinischen Hochämter an den Sonn- und Feiertagen genauso wie die werktäglichen Gottesdienste und Anbetungsstunden im benachbarten Kloster St. Sebastianus, die während der Wallfahrtszeit im Münster gehalten werden.

Es gibt aber auch eine Fülle neuer Angebote, die die Gläubigen in die romanische Kirche locken soll. Wallfahrten von Mitarbeitern der Caritas, der Rendantur und des Gemeindeverbands, des Familienforums „Edith Stein“ oder der katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung sind ebenso vorgesehen wie der Besuch von Jungen und Mädchen der Münsterschule und der Kindertagesstätte St. Quirinus am Schrein. Eine Vesper mit Journalisten und anderen Mitarbeitern der Medienbranche steht ebenso auf dem Kalender wie eine Münster-Führung für Familien und ein „Evensong“, ein musikalisches Abendgebet aller Kirchenchöre im gesamten Kreisdekanat. Am 30. April, dem Hochfest der Translatio (Übertragung) der Gebeine des Heiligen nach Neuss, planen die Organisatoren eine Wallfahrt der katholischen Frauen und eine Festmesse in Konzelebration der Priester, die in der Pfarrgemeinde leben. Ein Namenstagsumtrunk und Dankabend für Haupt- und Ehrenamtliche schließt den Kreis.

Offen für Überraschungen

„Ich erwarte nicht, dass von heute auf morgen Tausende von Pilgern vor der Tür stehen und bin nicht enttäuscht, wenn das Münster nicht immer brechend voll ist“, betont Assmann. Der Seelsorger möchte vielmehr „einen Anfang machen, den Glauben stärken und die Ausstrahlung der Kirche wecken“. Und so wäre er nicht böse, wenn das Wallfahrtsprogramm 2009 — wenn der Grundsteinlegung für das Münster vor dann 800 Jahren gedacht wird — schmaler ausfällt. Aber auch eine Erweiterung kann sich Assmann durchaus denken. Wallfahrtskerzen und Pilgerplaketten liegen genauso im Bereich des Möglichen wie eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Schulen wie etwa dem Quirinus-Gymnasium. Außerdem könnten die anderen Quirinus-Gemeinden im Erzbistum Köln eingeladen werden. Selbst ein „Wallfahrermenü“ zum leicht ermäßigten Preis und in Kooperation mit den Restaurants der Innenstadt wäre denkbar. So schnell gehen den Neussern die Ideen nicht aus.

Thilo Zimmermann

02.04.2008