Über Vor- und Nachteile des Tourismus in Entwicklungsländern wird spätes­tens seit den 1960er Jahren diskutiert, als europäische Urlauber erstmals in größerer Zahl mit Chartermaschinen nach Kenia oder Tunesien reisten. Die Türkei und Ägypten waren noch keine Badedestinationen. Bildungsurlauber besuchten die Pyramiden, wenige Individualreisende trafen an Antalyas Küs­ten auf unberührte Strände sowie Orangen- und Bananenplantagen. All-inclusive war unbekannt, Nachhaltigkeit noch kein Thema. Bereits 1973 schrieb der damalige Chef der Reiseredaktion der FAZ, Friedrich A. Wagner: „Ein knappes Jahrzehnt aufblühender Ferntouristik hat…auf beiden Seiten die anfängliche Unbefangenheit erschüttert,“ denn wie die meisten gesellschaft­lichen Phänomene erwies sich auch der Ferntourismus (damals noch ein Synonym für Dritte-Welt-Tourismus) als ein komplexes Gebilde mit guten und weniger guten Seiten. Waren 1975 gerade mal 400.000 Urlauber aus Deutschland in Entwicklungsländern unterwegs, wurden 2011 8,4 Mio. Rei­sende ab 14 Jahren gezählt. Anfang 2012 verfügten bereits 15,5 Mio. über eine aktuelle Urlaubsreiseerfahrung in den „Ländern des Südens“ – bezogen auf den Zeitraum 2009-2011.

 

Eine soeben vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung herausgege­bene Untersuchung, die u.a. auf Repräsentativ-Befragungen bzw. Exklusiv­fragen im Rahmen der Reiseanalyse (ca. 8.000 Interviews) basiert, sowie auf einer Befragung von 52 Reiseveranstaltern, gibt auch Auskunft darüber, wie derzeit in Deutschland die Wirkungen des Tourismus in Entwicklungs- und Schwellenländern eingeschätzt werden. Deviseneinnahmen, die Schaffung guter Arbeitsplätze und die Förderung des Erhalts von Kulturdenkmälern sehen die Urlauber als die größten Positivfaktoren. Gut 40 Prozent meinen, dass die Deviseneinnahmen auch zur Stabilisierung von Unrechts-Regimen beitragen, dass das Geld der Touristen vor allem in die Taschen von wohl­habenden Einheimischen fließt und dass hauptsächlich Reiseveranstalter und Reisebüros hier bei uns profitieren. Die Einschätzung der Reiseveran­stalter fällt überwiegend positiver aus. Entwicklungs- und Schwellenländer-erfahrene Urlauber sehen mehrheitlich (und stärker als die Veranstalter), dass der Tourismus in den Zielgebieten zu Prostitution von Frauen und Kindern führt und die natürliche Umwelt belastet oder gar zerstört.

Im Vergleich mit einer Befragung aus dem Jahr 2002 verweisen Fernreise-erfahrene Urlauber heute u.a. stärker darauf, dass der Tourismus einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung leistet und hier bei uns das Bewusstsein für Probleme in den Zielländern fördert. Gleichzeitig sehen sie mehr als vor zehn Jahren eine tourismusbedingte Prostitution von Frauen und Kindern in Destinationen.

 

Zu den Zielsetzungen der Studie zählt ferner, ein Bild von den Meinungen und Einschätzungen der Urlauber und Reiseveranstalter zum Thema Nach­haltigkeit im Tourismus zu gewinnen. Für eine möglichst ökologisch verträg­liche, ressourcenschonende und umweltfreundliche Urlaubsgestaltung lässt sich unter Entwicklungsländer-erfahrenen Urlaubern noch kein mehrheitli­ches Interesse nachweisen. Die diesbezüglich bestehende große Unent­schiedenheit der Befragten dürfte auch ein Anzeichen dafür sein, dass man sich die praktische Umsetzung noch nicht ausreichend vorstellen kann – bis hin zu Fragen möglicher Einschränkungen beim Urlaubsverhalten oder erhöhter Reisekosten. Gut zwei Drittel der Reiseveranstalter erwarten jedoch bis zum Jahr 2022 eine mittlere bis starke Zunahme von umweltverträglichen Reise­angeboten, die z.B. eine klimaneutrale Anreise ermöglichen.

Knapp die Hälfte der Entwicklungsländer-erfahrenen Urlauberinnen und Ur­lauber möchte am liebsten bei einem Reiseunternehmen buchen, das vor Ort nachweislich Einfluss nimmt auf die Gewährung von fairen Arbeitsbedingun­gen und Einkommen für die im Tourismus Beschäftigten (ein Drittel ist sich diesbezüglich unsicher, ein Fünftel lehnt das ab). Studienreisende und All-inclusive-Urlauber sind hier gleichermaßen ansprechbar. Anders beim As­pekt „Begegnung mit Einheimischen“: Dass man ein Land nur durch Gesprä­che mit Einheimischen richtig kennenlernen kann, davon sind 70 Prozent der Studienreisenden und 43 Prozent der All-Inclusive-Reisenden überzeugt. Entsprechend unterschiedlich ist der Wunsch nach Begegnung. Beide zei­gen jedoch ein großes Interesse an sehr guten Informationen über Land und Leute vor Reiseantritt sowie an einer Urlaubsbetreuung/Reiseleitung, die in der Lage ist, objektiv über Land und Leute zu informieren und die Alltagsrea­lität des Gastlandes einfühlsam zu vermitteln.

 

Auf Seiten der Reiseveranstalter erwarten drei Viertel bis 2022 eine Zunah­me von sozialverantwortlichen Reiseangeboten, die z.B. faire Arbeitsbedin­gungen und Einkommen der im Tourismus Beschäftigten berücksichtigen – jeweils vier Fünftel rechnen mit mehr organisierten Land-und-Leute-Ausflügen sowie Begegnungsmöglichkeiten mit Einheimischen – zwei Drittel gehen davon aus, dass seitens der Reiseunternehmen sehr gute Vorinfor­mationen über Land und Leute zur Verfügung gestellt werden. Die Autoren der Studie sind überzeugt, dass Wissen und Begegnungserfahrungen ein „Land-und-Leute-Wohlgefühl“ fördern können – ebenso differenzierte, realis­tischere Einstellungen zur Destination, Respekt und Verhaltenssicherheit.

 

Zu den weiteren Themen der Studie zählt auch die Identifizierung eines Marktsegments unter Fernziel-Reisenden für „Community Based Tourism“ (CBT). Gemeinde-basierter Tourismus, insbesondere in touristisch weniger entwickelten Regionen, kann Urlaubern ein authentisches Erleben des Lan­des und seiner Menschen ermöglichen.

 

Im deutschen Quellmarkt haben Urlaubsreisen in Entwicklungs- und Schwel­lenländer 2011 einen Anteil von 16 Prozent an allen Urlaubsreisen ab fünf Tagen Dauer (1991: 6 Prozent). Jeder fünfte Auslandsurlauber besucht ein „Land des Südens“. Zwei Drittel davon machen Urlaub in islamisch ge­präg­ten Destinationen des Mittelmeerraums – vom Schwellen­land Türkei bis Ma­rokko. Ein Drittel besucht ferne Länder in Asien, Latein­amerika/Karibik oder in Afrika südlich der Sahara. Anfang 2012 wollten 28,8 Mio. in den nächsten drei Jahren Entwicklungs- und Schwellenländer bereisen. Reiseveranstalter in Deutschland erwarten im Sommer 2012 für die nächsten zehn Jahre eine langsamere Zunahme von Urlaubsreisen in die „Länder des Südens“. Aus ihrer Sicht werden vor allem politische Umbrüche und gewalttätige Auseinanderset­zungen sowie (terroristische) Vorkommnisse in Zielgebieten das Interesse an Urlaubsreisen dorthin stark beeinträchtigen.

 

All-inclusive Reisen sind beim Badetourismus in Entwicklungs- und Schwel­lenländern, insbesondere in den großen Destinationen des südöstlichen Mittelmeerraums (Türkei, Ägypten u. Tunesien) sowie in der Karibik zur do­minierenden Angebotsform geworden. Generell bleibt die Optimierung der Wertschöpfung in der Umgebung von All-inclusive-Anlagen für die Betreiber eine Herausforderung. All-inclusive-Reisen werden auch in den kommenden Jahren ein bedeutendes Angebots- und Nachfragesegment im Entwicklungs­länder-Tourismus bleiben. Daher erscheint es wichtig, diese Angebotsform nach Kriterien von Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung (CSR) zu optimieren und mit positiven Praxisbeispielen das teilweise auch bei Urlau­bern bestehende Bild vom „Wertschöpfungskiller“ zu differenzieren.

 

Reiseveranstalter haben mehrheitlich in den vergangenen fünf Jahren in der deutschen Tourismusbranche eine Verbesserung des Bewusstseins in Sa­chen Nachhaltigkeit wahrgenommen – wenngleich in eher geringem Maße. Im eigenen Unternehmen will man sich in den kommenden Jahren vor allem im Bereich der fairen Kooperation mit Leistungsträgern/und der Bevölkerung vor Ort engagieren – aber auch bei der Angebots-/Produkt- und Preisgestal­tung, z.B. zur Aufrechterhaltung von Qualitätsstandards vor dem Hintergrund des Preisdrucks.

 

Die Studienkreis-Untersuchung plädiert u.a. für ein fortgesetztes Engage­ment zivilgesellschaftlicher und entwicklungspolitischer Organisationen sowie der Medien: zur Förderung und Differenzierung des Bewusstseins über die Kom­plexität von Chancen und Risiken touristischer Entwicklung in den Ländern des Südens und zum Mut machen für die Einforderung von mehr Nachhaltigkeit.

Die Herausgabe der Studie „Tourismus in Entwicklungs-und Schwellenländer“ (Autoren: Peter Aderhold, Astrid Kösterke, Dietlind von Laßberg, Birgit Steck, Armin Vielhaber)  wurde gefördert von:

 

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Mediterranean Hotel Association, DER Touristik, Europäische Reiseversicherung AG, Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen, FTI Touristik, Studiosus Reisen München, TUI Deutschland und Windrose Finest Travel.

Die ca. 300seitige Untersuchung berücksichtigt u.a.

* Quantitative und qualitative Dimensionen des Tourismus

* Zielgruppe: „Deutsche Entwicklungsländer-Reisende

* Einschätzungen von 52 Reise­veranstaltern zum Entwicklungsländer-Tourismus

* Perspektiven des EL-Tourismus im deutschen
Urlaubsreisemarkt

* 23 Beispiele für Nachhaltigkeit.

 

Bestellungen beim Studienkreis