Auf dem Weg

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Wege der Jakobspilger in Deutschland – Einleitung

 

  • Einleitung
  • Mythos Jakobswege
  • St.-Jakobus d.Ä. – Apostel und Maurentöter?
  • Santiago de Compostela – warum wurde das Grab zum Hauptpilgerziel?
  • Mittelalterliche Pilger unterwegs!
  • Der "wahre Jakob"!
  • Heilige Jahre
  • Deutschland und seine Jakobswege
  • Stolzenfels im Jakobswege-Netz
  • Warum das 21. Jh. sich nicht so sehr vom hohen Mittelalter unterscheidet!
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    Im Jahre 2007 haben 114.026 Pilger die heiß begehrte Compostela, die Pilgerurkunde eines Jakobspilgers, in der Kathedrale in Santiago de Compostela in Empfang genommen. Damit hat sich die Zahl der Pilger auf dem Jakobsweg seit 1989 mehr als verzwanzigfacht.

    Zur Erklärung: die Compostela, die Urkunde des Domkapitels, erhält ein Jakobspilger heute, wenn sie oder er die letzten 100 km zu Fuss oder die letzten 200 km per Fahrrad oder Pferd zurückgelegt hat. Ein Ablass – also ein Sündenerlass – wie oft fälschlich behauptet, ist damit ausserhalb der Heiligen Jahre nicht verbunden. Eigentlich schade, denn das wärs doch wieder. Wie in früheren Jahren – genau genommen bis zur Reformation – pilgern wir ein bisschen, oder zahlen ein bisschen Geld in die Kirchenkassen, und schon sind unsere Sünden vergeben. Toll, das Himmelreich wäre uns stets sicher. Also: kein Ablass, nur ein Beweis, dass man da war.

    Und dieser Beweis war früher ganz schön wichtig. Aber dazu später.

    114.026 Pilger – das muss man sich einmal vorstellen. Das ist etwas mehr als die Einwohnerzahl von Koblenz. Alle auf dem Weg! Auf den letzten 100 km vor Santiago de Compostela geht es zu wie beim Volkswandertag bei strahlendem Sonnenschein im Mai. Jeder 9. oder 10. Jakobspilger war ein Deutscher – immerhin 13.837. Damit stellten die Deutschen, nach den Spaniern mit immerhin etwas über 55.000 Pilger, die stärkste Nationalitätengruppe. Ich sag’s ja, die Deutschen sind immer schon da. Wenn es irgendwo etwas zu erleben gilt: entweder ist der Deutsche schon dagewesen, oder er macht sich gerade auf den Weg. Oder aber er kennt einen, der sich gerade auf den Weg gemacht hat. So wie Hape Kerkeling, den kennt fast jeder Deutsche. Und das Buch "Ich bin dann mal weg …" kennt man auch.

    Noch ein bisschen Statistik? Okay, 43.581 Pilger waren religiös motiviert, 60.944 gaben an, sie wären religiös-kulturell motiviert auf die Reise gegangen und schliesslich 9.501 Pilger ausschliesslich kulturell. 50.916 Pilger waren bis 35 Jahre alt, 58.667 bis 60 und 6.443 über 60 Jahre alt. Und last but not least das Geschlecht: neben 66.780 Männern waren 47.246 Frauen unterwegs.

    Mehr als 2 Millionen Exemplare wurden von Kerkeling’s Buch verkauft. 2 Millionen Deutsche, Österreicher und deutschsprachige Schweizer beschäftigen sich mit der Idee: "Jakobsweg". Es ist ein Phänomen unserer Zeit – lassen Sie uns dieses Phänomen ein wenig näher beleuchten.

    20. Tag Remerschen – Thionville (Metz) 02.10.2007

     

     

    Der Kumpel aus dem Westerwald hat gar nicht so viel geschwätzt, wie es erst den Anschein hatte. Ich glaube, hinter seinen „Predigten“ steht wirklich ein sehr intensives soziales Engagement. Als Beschäftigungstherapeut im Altersheim mit halber Stelle: Chapeaux. Ein ganz netter Kerl, der zwar immer wieder das Predigen anfing, aber sobald er das merkte, auch wieder still sein konnte.

    Dreimal sei er schon in SdC gewesen. Einmal alleine, zweimal mit Gruppen. Immer zu Fuss, zuletzt im Frühjahr von Porto in Portugal aus. Ich habe die Bilder auf seinem Handy gesehen. Und jetzt nutzt er die letzten 5 Tage Urlaub, um von Metz aus mit dem Fahrrad nach Koblenz zu fahren. Alleine, versteht sich.

    Mit dem Schlaf war es letzte Nacht nicht viel. Immer wieder bin ich aufgewacht. Das lag aber nicht an meinem Zimmergenossen – aber woran nun wirklich, weiss ich nicht. Frühstück war auch ganz in Ordnung, mal sehen, was mich heute in Thionville erwartet.

    Wundervolles Wanderwetter, schöne Strecke entlang der Mosel, nachdem ich ja schon gestern die Wanderschuhe ausgezogen hatte, pilgere ich heute in Sandalen weiter. Eigentlich sollte ich jetzt schon 2 bis 3 Fusspflegetage einlegen – aber ich will ja auch vorwärtskommen.

    Von Remerschen/Schengen zunächst durch die Weinberge nach Sierck-Les-Baines. Da habe ich erst mal alle verfügbaren Sorten durchprobiert. Das heisst natürlich von den Trauben, die noch nicht gelesen waren. Aber die schmeckten ganz hervorragend. Leider habe ich nicht genug Ahnung, um die Traubensorten zu unterscheiden (naja, Farbe geht ja noch … :-)). Dann habe ich aber keinen Weg mehr aus den Weinbergen gefunden und musste hinunter auf die Strasse. Der Wanderführer schreibt von einem Weg – der war aber nicht da. Also die viel befahrene Strasse weiter gepilgert. Gar nicht so ungefährlich – in Sandalen am unbefestigten Strassenrand. Und Auto- oder LKW-Fahrer die Rücksicht nehmen sind Mangelware.

    Von Sierck-Les-Baines immer an der Mosel entlang in Richtung Thionville. Eine wahrliche Mammuttour. Der Schrittzähler zeigte am Ende des Tages knapp 36 km – viel zu viel. In Höhe Cattenom hatte ich keine Lust mehr und wollte eigentlich in den nächsten Zug einsteigen. Naja, weit und breit kein Zug oder Bahnhof und zum Suchen fehlte mir auch schon die Kraft. Interessant noch vor Cattenom, dem grossen Atomkraftwerk, das Feld mit dem Gemüsebauer und dem Riesentransparent: „Vente Les Legumes“ (Verkaufe Gemüse). Und just in diesem Moment funktioniert meine Kamera aus unerfindlichen Gründen nicht.

    Völlig kaputt in Thionville angekommen und mich zur Jugendherberge durchgefragt. Naja, dass diese am Bahnhof ist, hätte ich der Adresse Place de la Gare schon selbst entnehmen können. Knapp halb sieben, musste ich auf den Stufen zur Eingangstür über 3 seltsam riechende Gestalten im Halbkoma hinwegsteigen. Die sahen nicht so aus, als hätten sie das Geld für eine Jugendherbergsübernachtung. Die verklemmte Tür habe ich mit einem Ruck geöffnet und dann schlug mir eine Wolke Gestank aus Alkohol, Essen, Urin und allem möglichen entgegen. Mit wurde schlecht und ich überlegte, wo kann ich heute nacht schlafen.

    Ich bin kurzerhand über den Platz gegangen und habe die Zugabfahrten gesucht. Alle 10 Minuten geht ein Zug nach Metz. Ticket gekauft, entwertet, eingestiegen und in Metz wieder ausgestiegen. Damit habe ich mir also eine weitere Monsteretappe gespart.

    Nach einer halbe Stunde Fussweg vom Bahnhof aus die Jugendherberge gefunden und einen ersten Eindruck von Metz gewonnen: „Hier bleib‘ ich!“

    Jugendherberge sauber und ordentlich, mit 15,30 pro Nacht auch schön preiswert.

    Gabi hat gerade angerufen. Ich hatte ihr noch auf dem Weg zwischen Bahnhof und Jugendherberge vorgeschlöagen, am Freitag nach Metz zu kommen. Sie holt mich hier ab, wir bleiben noch eine Nacht und fahren dann Samstag zurück. Nur, wie ich noch 2 Pilgertage durchhalten soll, nach der heutigen Tortur, ist mir ein Rätsel.

    Mein Zimmergenosse heute ist ein netter Aussie, der Europa mit dem Fahrrad durchfährt. Fahrrad in Osnabrück gekauft, schon seit 6 Monaten unterwegs, viele Freunde gewonnen und plant, jetzt erst mal ein paar Monate in Frankreich zu bleiben. Toll, mit ihm hätte ich gerne getauscht. Ian ist sein Name, vielleicht trefft Ihr ihn ja mal irgendwo.

    Erkenntnis des Tages: Manchmal hilft eine gute Portion Abhärtung (oder der Zug)

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