Zwei Tage Schreibwerkstatt mit Lutz Rathenow

„Schreiben was im Kopf steckt“ ist der Titel einer zweitägigen Schreibwerkstatt mit dem Essayisten, Lyriker und liberal-Redakteur Lutz Rathenow für angehende Autoren.

An Schreibanfänger wendet sich ein Seminar der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. „20 Jahre Mauerfall – Schreibwerkstatt mit Lutz Rathenow – Schreiben, was im Kopf steckt“ nennt sich die Veranstaltung im Jahr 2009.

Zielgruppe

Die Schreibwerkstatt wendet sich ausdrücklich an angehende Autoren, die sich für Literatur und Journalismus interessieren. Die Bandbreite der Teilnehmer ist groß. Neben dem Studenten einer geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen sitzt auch die Unternehmensberaterin, der Rentner, Wiedereinsteiger oder Autor, der bereits erste Erfahrungen sammeln konnte.

Inhalte

Reagiert ein Teilnehmer eher visuell oder doch eher akustisch auf einen Text? Ein Kreativtest macht dies deutlich. Im weiteren Verlauf werden die verschiedenen Textformen angesprochen und geübt. Dabei ist der Bogen der Inhalte weit gespannt. Von der Lyrik, über die Minigeschichte, den journalistischen Prosaformen, der Autobiographie und dem Kommentar bis hin zum Drama werden Themen zumindest angerissen. Jeder Teilnehmer kann einen Text im Vorfeld einreichen, der entweder in der Gruppe oder mit dem Seminarleiter besprochen wird.

Seminarablauf

Von Freitag, 17:00 Uhr bis Sonntag gegen 15:00 Uhr wird die Zeit intensiv genutzt. Übungen, Coaching und Erläuterungen gibt es im steten Wechsel. Einen breiten Raum nehmen Kreativitätsübungen und Lyrik ein: am ersten Tag bis 22 Uhr und am folgenden Vormittag bis zur ersten Pause.

Die Seminartage sind durch die vorgegebenen Essenszeiten klar strukturiert.

Die abendliche Lesung mit vielfältigen Texten aus dem jahrzehntelangen Schaffen des Seminarleiters ist Bestandteil und für manchen Teilnehmer ein Höhepunkt des Seminars.

Seminarleitung

Lutz Rathenow, Dissident und Kritiker des DDR-Regimes, ist 1952 in Jena geboren. Er lebt und arbeitet als freier Publizist in (Ost-) Berlin. Mehrfach wurde ihm vor der Wende die Ausreise aus der DDR nahegelegt. Rathenow lehnte das Angebot noch am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, ab. Das Veröffentlichungsverbot in der ehemaligen DDR umging er gemeinsam mit einem westdeutschen Verlag. Gute Kontakte zu akkreditierten, westdeutschen Journalisten halfen dabei, seinen Lebensunterhalt zu sichern.

Aus der Zusammenarbeit mit dem Fotografen Harald Hauswald entstanden eindrucksvolle Bildbände. Das 1986 im Westen erschienene und in der DDR verbotene Buch „Ost-Berlin“ erlangte Kultstatus.

In seinen Essays, (Kinder-) Büchern, Kommentaren, Glossen und anderen Beiträgen greift Rathenow immer wieder die deutsche Ost-West-Problematik auf. Er erzählt anschaulich das Leben in der DDR vor dem Mauerfall.

Die Vielfältigkeit seines Schaffens erlaubt ihm, flexibel, spontan und häufig unerwartet humorvoll durch die Schreibwerkstatt zu führen. Er bietet immer wieder Einzelgespräche und -coaching außerhalb der Seminarzeiten an. Dieses Angebot wird von den Teilnehmern dankbar angenommen. Die Gestaltung ist kurzweilig und dennoch straff. Mit Beispielen aus seinem eigenen und dem Werk von Kollegen reichert Rathenow die Inhalte an, bewertet gelegentlich seine eigenen Texte durchaus kritisch.

Tagungsort

Die Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach wurde 1967 eröffnet und mittlerweile modernisiert. Der Eingangsbereich vermittelt eine angenehme Atmosphäre, die zweckmäßig eingerichteten Zimmer mit großem Schreibtisch sind hell und sauber.

Das Personal ist sehr freundlich, hilfsbereit und zeigt, besonders bei den Mahlzeiten, eine unaufdringliche Präsenz.

Die Mahlzeiten in Büffetform sind sehr schmackhaft, die Auswahl ist reichlich. Ein vegetarisches Essen steht jeweils zum Mittag- und Abendessen zur Verfügung. Auf spezielle Diätwünsche geht das Personal gerne nach Möglichkeiten ein.

Im gesamten Komplex gibt es die Möglichkeit, sich über das kostenlose W-LAN mit dem Internet zu verbinden. Daneben stehen mehrere PC und Drucker in der Halle und in einem Seminarraum zur Verfügung der Gäste.

In der Cafeteria können sich die Gäste mit kostenlosem Wasser, Tee und Kaffee versorgen. Eine Bar im Keller dient dem Tagesausklang und dem Kennenlernen.

Der großzügige Außenbereich mit wunderbarem Blick ins Oberbergische ist aufwendig gestaltet und bietet Rückzugsmöglichkeiten zur Entspannung.

Kosten

Der Tagungsbeitrag beträgt 95 Euro (Schüler, Studenten, Auszubildende und Arbeitslose 70 Euro) inklusive Übernachtung und Vollverpflegung. Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist problemlos.

Fazit

Zwei Tage Seminar mit Lutz Rathenow haben, unabhängig vom Seminarthema, ihren eigenen Reiz. Als Seminarleiter stellt Rathenow sein Wissen und sein Können uneingeschränkt den Teilnehmern zur Verfügung. Er bietet auch an, Texte nach der Veranstaltung zu redigieren und zu bewerten. Die Auswahl der von ihm vorgestellten Texte ist auf die Zielgruppe abgestimmt.

Mancher angehende Autor mag sich eine klarere Bewertung seiner Texte wünschen. Kritik wurde geschickt umgangen, ließ sich eher an den teilweise sehr feinen Abstufungen des Lobes erkennen.

Die Lesung am Abend des zweiten Werkstatttages gibt einen Überblick über die vielen Facetten seines publizistischen Wirkens. Dabei bleibt sich Rathenow als Erzähler treu. So stellt er sich schon zu Beginn des Seminares vor.

Die langen Arbeitszeiten und die Lesung stellen die Konzentrationsfähigkeit der Teilnehmer auf eine harte Probe. Rathenow versteht es jedoch, die Inhalte immer wieder interessant zu gestalten.

Der Titel der Ausschreibung ist hingegen irreführend. Wer in der Schreibwerkstatt „20 Jahre Mauerfall“ erwartet, wird enttäuscht. Dies bezieht sich ausschließlich auf die Lesung des Seminarleiters. Vielleicht sollte der Veranstalter für eilige Leser die Überschrift überarbeiten.

Insgesamt ist die Veranstaltung, dank der Präsenz Lutz Rathenows, uneingeschränkt empfehlenswert. Die Konzeption lässt auch Teilnehmer zu, die mehr als nur rudimentäre Erfahrungen im Schreiben haben. Die Theodor-Heuss-Akademie bietet ein ideales Lernumfeld.

Foto © Karl-Josef Schäfer, 2009