Riga - Eine Stadt im Aufbruch / Hier der Kreuzgang des 800 Jahre alten Domes

Riga – Eine Stadt im Aufbruch / Hier der Kreuzgang des 800 Jahre alten Domes

Lettlands Hauptstadt ist rund 800 Jahre alt. 700.000 Menschen leben heute hier, ein Drittel der lettischen Bevölkerung. Einst nahm Riga einen rasanten Aufschwung als baltische Metropole. Um dann, nach 1945, als Teil der Sowjetunion einen rapiden Absturz zu erleben. Heute ist die größte der baltischen Städte im Aufbruch in eine neue Ära.

Schon am Flughafen fällt auf: Wir sind im Land des Nicht-Lächelns. Lachen, lautes Reden hört man nur von den Touristen, die misstrauisch beäugt werden. Die Einheimischen wirken eher ernst, distanziert. Der Versuch, im Bus den Sitznachbarn in ein Gespräch zu verwickeln, scheitert. Höflich wird die Frage beantwortet, dann wendet sich der andere wieder seiner Zeitung zu. Ressentiments gegen Deutsche? „Nein“, erklärt Franz Schönborn, ein deutsch-lettischer Geschäftsmann, „die Letten sind wie die Norddeutschen. Sie brauchen ihre Zeit, um mit Fremden warm zu werden.“

Riga braucht den Vergleich mit den europäischen Jugendstilmetropolen nicht zu scheuen

Riga braucht den Vergleich mit den europäischen Jugendstilmetropolen nicht zu scheuen

2014 soll die baltische Metropole Kulturhauptstadt Europas werden. Schwer vorstellbar beim Anblick der mehr als 100 Jahre alten Holzhäuser in den Vororten. Die Farbe blättert ab, hier und da sind die Fenster mit Brettern vernagelt. Aber zwanzig Minuten später hält der Bus am Rande der Altstadt vor einem Einkaufszentrum. In den Auslagen sind alle großen Designermarken vertreten. Und der Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite zeigt endlich das vom Reiseführer versprochene Jugendstil-Riga. Die Stadt, heißt es, halte jedem Vergleich mit den Jugendstilmetropolen Budapest, Wien und Nancy stand.

Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte Riga einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die mittelalterlichen Stadtmauern wurden abgetragen, das Verbot, außerhalb davon zu bauen, aufgehoben. Rund um die Altstadt entstanden prächtige Mehrfamilienhäuser und öffentliche Gebäude. Michail Eisenstein, ein deutsch-baltischer Architekt aus St. Petersburg, gestaltete ganze Straßenzüge. Viele seiner Jugendstilhäuser und –Villen, die mit überbordendem Dekor, Masken und Tierfiguren protzen, haben den Ersten und Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden.

Ein Park mit Wassergraben ist heute dort, wo sich bis ins 19. Jahrhundert die mächtige Stadtmauer erhob

Ein Park mit Wassergraben ist heute dort, wo sich bis ins 19. Jahrhundert die mächtige Stadtmauer erhob

Die Altstadt ist heute weitgehend für Autos gesperrt. Wer sie kennen lernen will, muss laufen – und das möglichst mit festem Schuhwerk, denn hier dominiert grobes Kopfsteinpflaster. Wo früher die Stadtbefestigungen waren, ist heute ein großzügiger Park. Entlang des Wassergrabens lässt es sich wunderbar spazieren. Und mittendrin steht überraschend ein asiatisch anmutendes Teehaus.

Zeit für eine Verschnaufpause – und Zeit, den Rigaer Schwarzen Balsam zu probieren. Dem bittersüßen Likör aus 99 geheimen Zutaten wird heilsame Wirkung zugeschrieben. Als einst Katharina die Große bei einem Besuch in Riga schwer erkrankte, wurde sie, sagt die Legende, durch diesen Trank geheilt. Die Einheimischen trinken den „Melnais Balzamas“ pur oder im Kaffee, im Winter auch mit heißem Johannisbeersaft.

Riga wurde 1201 durch den Bremer Bischof Albert von Buxhoeveden gegründet und erlebte einen rasanten Aufstieg. Innerhalb von 30 Jahren wuchs die Bevölkerung um das Fünf- bis Sechsfache. Viele Kaufleute siedelten sich an und der selbst gewählte Rigaer Rat (1225 erstmals erwähnt) beschloss 1282, dem Hansebund beizutreten.

Auch in den darauffolgenden Jahrhunderten blieb der Einfluss der Deutsch-Balten wichtig. Der Deutsche Orden als Schutzmacht Livlands hatte hauptsächlich Deutsche in Riga angesiedelt, die auch nach der Eroberung durch Schwedenkönig Gustav Adolf II. im Land blieben. Selbst als im 18. Jahrhundert Russland den schwedischen Einfluss zurückdrängte, blieb Riga eine deutsch dominierte Stadt. 40 Prozent der Bevölkerung waren im 19. Jahrhundert Deutsch-Balten und beeinflussten maßgeblich das Stadtbild. Deutsch war Amtssprache – bis Riga 1891 dem russischen Zarenreich einverleibt wurde.

Die Altstadt konnte ihren Festungscharakter bewahren. Deshalb gehört das historische Zentrum Rigas heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Das Schloss, ab 1330 für den deutschen Schwertbrüderorden erbaut, ist heute Sitz des Staatspräsidenten. Neben der lettischen Flagge wehen darauf die Sterne der Europafahne: Seit 2004 ist Lettland Mitglied der Europäischen Union. Am Rathausplatz steht das gotische Schwarzhäupterhaus von 1334. Hier kamen einst Kaufleute und die vorwiegend deutsche Bürgerschaft der Stadt zusammen. Der Name verweist auf den Heiligen Mauritius, dessen Mohrenkopf das Wappen der unverheirateten Zunftmitglieder zierte. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude zerstört, die Russen sprengten die Ruine 1948. 1999 war der originalgetreue Wiederaufbau abgeschlossen.

Der steinerne Roland zwischen Schwarzhäupterhaus und Rathaus symbolisiert – wie seit dem 12. Jahrhundert in vielen alten Handelsstädten – die Unabhängigkeit der Stadt von Obrigkeit und Klerus. In dieser Tradition steht auch die St. Petri-Kirche. Die Stadt- und Bürgerkirche sollte im 13. Jahrhundert ein Gegengewicht zum prunkvollen Dom des Erzbischofs bilden. Ihr hölzerner Turm mit seiner hohen, gotischen Spitze, 1491 fertiggestellt, wurde zum Wahrzeichen Rigas. 1666 stürzte er allerdings ein und wurde in der Folge noch zwei weitere Male schwer beschädigt, zuletzt 1941. Beim jüngsten Wiederaufbau 1973 verwendete man für den Dachstuhl Eisen statt Holz und baute einen Aufzug zur zweiten Galerie des Turms in 72 Metern Höhe ein. Hier hat man einen der schönsten Blicke auf die Stadt.

Nur wenige Schritte sind es jetzt noch bis zum Dom, vorbei an der Skulptur der Bremer Stadtmusikanten, einem Geschenk von Rigas Partnerstadt Bremen. Gegenüber liegt der Konventhof, eines der ältesten Gebäudeensembles der Stadt. Durch ein niedriges Tor blickt man auf Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung mit Schießscharten und Wehr.

Der Dom, 1211 als Marien- und Kathedralkirche durch Bischof Albert von Buxhoeveden erbaut, ist noch immer die größte Kirche im baltischen Raum. Einst auf einer Anhöhe gebaut, liegt er heute unterhalb des Straßenniveaus: Aus Furcht vor Hochwasser waren die Straßen der Altstadt immer wieder aufgeschüttet worden. Von der ursprünglichen Backsteingotik haben die vielen Umbauten nicht mehr viel übrig gelassen. Der Turm hat seit 1763 eine barocke Haube, das Innere fiel den Bilderstürmern der Reformation zum Opfer und mutet heute barock an. Einzig das Nordportal ist noch im gotischen Stil erhalten geblieben.

Die besterhaltene der großen Rigaer Kirchen ist die Jakobskirche, 1225 erstmals urkundlich erwähnt, aber vermutlich weit älter. Deutlich sind hier romanische und gotische Elemente zu erkennen. Die Jakobskirche dient dem katholischen Erzbischof von Riga als Kathedralkirche.

Jugendstilfassaden, mittelalterliche Schlichtheit, moderne Architektur der Einkaufszentren und Bürohochhäuser. Riga hat sich auf den Weg gemacht. „Der Glanz des alten Reichtums kehrt zurück“, hofft Franz Schönborn, der Lette mit deutschem Pass, der seine Geschäfte in Riga macht, „und den Verfall aus Zeiten der sowjetischen Herrschaft wird die Stadt auch noch in den Griff bekommen. Riga ist eine Stadt im Aufbruch!“