Dayanita Singh bis 4. Januar im MMK 3, Foto: privat

Dayanita Singh bis 4. Januar im MMK 3, Foto: privat

Mit über 700 Fotografien gibt die international renommierte Fotografin Dayanita Singh im MMK 3 einen tiefen Einblick in die vergangenen 30 Jahre ihres künstlerischen Schaffens.

Ihre Ausstellung „Go Away Closer“ ist ein Museum im Museum: In sogenannten „museum structures“ ordnet Singh ihre Fotografien nach Themen und präsentiert sie in selbst entworfenen Displays. Diese Archivstrukturen stehen wie überdimensionale Bücher aufgefächert im Raum. Die hölzernen, vielfach veränderbaren, raumgreifenden Strukturen beinhalten jeweils zwischen 70 und 140 Schwarz-Weiß-Fotografien. Jede dieser Archivstrukturen zeigt eine von der Künstlerin edierte und in Sequenzen zusammengestellte Reihe von Arbeiten, die immer wieder neu geordnet und ergänzt werden kann.

Die Fotos verdichten sich zu fiktiven Erzählungen voller Verweisen und Rätseln. Den verschiedenen Displays hat die Künstlerin Titel wie „Museum of Little Ladies“, „Museum of Embraces“, „Museum of Machines“ oder „Museum of Chance“ gegeben. Singh verzichtet jedoch auf eine Beschriftung oder Datierung der einzelnen Fotografien.

Bekannt wurde Dayanita Singh, die sich selbst auch als „Book Artist“ bezeichnet, vor allem durch ihre sorgfältig gestalteten Künstlerbücher, die sie von Anbeginn als tragbare Museen betrachtete. Die Präsentationsweise der „museum structures“ geht auf diese Bücher zurück. „Diese besondere Art des Ausstellens verleiht den Bildern etwas Prozesshaftes, etwas, das nie abgeschlossen zu sein scheint. Mit den ‚museum structures’ erweitert Singh zudem die Vorstellung vom Umgang mit Fotografie hin zum Skulpturalen und Architektonischen“, sagt MMK Direktorin Dr. Susanne Gaensheimer. Die Balance zwischen eindringlicher Empathie und Distanz kennzeichnet Singhs technisch und handwerklich sehr genau gearbeiteten Fotografien. In ihren Bildern, denen eine melancholische Stimmung zugrunde liegt, findet Singh einfache Übersetzungen für komplexe Gefühlslagen. Wie in einem traumähnlichen Zustand verschmelzen in den fotografischen Essays unzählige Bilder ihrer Vergangenheit in Indien mit Wahrnehmungen der Gegenwart. Europäische Musik und Literatur sowie amerikanische Filmgeschichte fließen in ihre Arbeit ebenso ein wie die Menschen, Strukturen und Orte ihres Umfelds in Neu-Delhi.

Ergänzt wird die Ausstellung durch das erste Videowerk der Künstlerin, „Mona and Myself“, das für den Deutschen Pavillon der Venedig Biennale 2013 entstanden ist. Dayanita Singh beschreibt das eindrucksvolle Videoporträt als ihr erstes „moving still“: „Dieser Film veranschaulicht, worum es in meiner Arbeit wirklich geht: Es ist wie ein Traum, jener kurzer Moment zwischen Schlaf und Erwachen“, so die Künstlerin. Singh begegnete dem Protagonisten des Films, dem Eunuchen Mona Ahmed, bereits 1989 und seither verbindet beide eine enge Freundschaft. Dayanita Singh sagt über diese Arbeit: „Mona erzählt, wie es ist, wenn man weder hier noch dort dazu gehört, weder männlich ist noch weiblich, weder ein Eunuch noch jemand wie ich“.

Die Ausstellung wurde organisiert in Kooperation mit der Hayward Gallery in London.

Publikation: Aus Anlass der Ausstellung im MMK 3 publiziert Dayanita Singh ein neues Künstlerbuch unter dem Titel „Museum of Chance“ im Steidl Verlag, Göttingen. Die 88 Fotografien im Innenteil des leinengebundenen Buches erscheinen auch jeweils als Cover- und Rückseiten-Abbildungen, so dass es 88 verschiedene Versionen der Publikation gibt. Das englischsprachige Buch „Museum of Chance“ kostet 48 Euro und ist im MMK Shop erhältlich.

MMK Talk mit Dayanita Singh und Gerhard Steidl Donnerstag 23. Oktober, 19 Uhr Die Frage „How to make a book with Dayanita?“ wird Gesprächsgrundlage des MMK Talks sein. Der Verleger Gerhard Steidl diskutiert mit der indischen Künstlerin Dayanita Singh über den Entstehungsprozess ihrer Künstlerbücher und berichtet über eine Zusammenarbeit, die seit vielen Jahren Bestand hat. Singh, die sich selbst als „Buchkünstlerin“ bezeichnet, veröffentlicht schon seit vielen Jahren ihre Bücher im Steidl-Verlag. Der Talk wird von dem Kurator der aktuellen Ausstellung, Dr. Mario Kramer, moderiert, der das Werk von Singh seit vielen Jahren begleitet. Der Talk findet in englischer Sprache statt und wird im Live-Stream übertragen. Der Eintritt ist frei.

Die Ausstellung wird gefördert durch die Freunde des MMK und die Jürgen Ponto-Stiftung.