Blick auf Katowice, Foto: „Katowice“ von Umkatowice - Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Katowice.jpg#mediaviewer/Datei:Katowice.jpg

Blick auf Katowice, Foto: „Katowice“ von Umkatowice – Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Katowice.jpg#mediaviewer/Datei:Katowice.jpg

Kohle und Stahl bestimmten lange Zeit das Leben der oberschlesischen  Metropole Katowice (Kattowitz). Heute setzt man dort auf Wissenschaft, Dienstleistungen und schöne Künste. Alexander Liebreich, ein junger Dirigent  aus Bayern, ist nicht nur begeisterter Beobachter, sondern wichtiger  Akteur bei der unglaublichen Verwandlung von Katowice zu einer europäischen
Kulturmetropole.


Liebreich, der in Regensburg aufwuchs und in München seinen Lebensmittelpunkt  hat, sieht seine Wurzeln in Mitteleuropa. Sein Vater stammt aus Böhmen.  Urgroßeltern von ihm kamen in Auschwitz ums Leben. So begab er sich 1987 nach dem Abitur auf Spurensuche in den Osten. Als er damals zum ersten Mal nach Katowice reiste, rauchten dort noch die Schlote und die Luft galt als
eine der schlechtesten in Europa. Rund 15 Jahre später kam er als mittlerweile gefeierter Dirigent wieder. Die Luft war besser und der Himmel über der Rawa wieder blau. Das in Katowice beheimatete Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks hatte Liebreich  als Gastdirigenten eingeladen. „Ich habe gleich gespürt, wie fantastisch das Orchester ist“, erinnert er sich. Es folgten weitere Gast-Auftritte, bis ihm schließlich vor zweieinhalb Jahren
die künstlerische Leitung des renommierten Klangkörpers angeboten wurde.
Am 1. September 2012 wurde Liebreich als erster Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg Chefdirigent  eines polnischen Orchesters. Das Nationale Rundfunk-Symphonieorchester galt schon damals als führend im Nachbarland. Ursprünglich 1935 gegründet, begann der Neuanfang nach  dem Zweiten Weltkrieg in Katowice, da die Hauptstadt Warschau noch in Trümmern lag. Das  Orchester blieb in Oberschlesien, feierte Erfolge mit Dirigenten wie Jan Krenz,  Tadeusz Strugała  oder Antoni Wit und internationalen Gästen wie Leonard Bernstein oder Kurt Masur und trat als kultureller Botschafter Polens in aller Welt auf.
Seit fast zwei Jahren pendelt Liebreich zwischen seiner Heimatstadt München und Katowice.  Etwa ein Viertel seiner Zeit verbringt er in der 320.000 Einwohner zählenden schlesischen  Metropole. Seine Suite im noblen Art-Deco-Hotel Monopol ist dem früheren Gast und bedeutenden  polnischen Komponisten Karol Szymanowski gewidmet. Er fühlt sich wohl in der Stadt,  schwärmt von vielen neuen asiatischen Restaurants, wo alles superfrisch ist, geht mittags gerne  ins kleine Bistro „8 Stolików“, gleich um die Ecke vom Musiksaal, wo die Bedienung seine Wünsche schon kennt. Die Umbrüche in der Gesellschaft, der Stadt, der Kultur erlebt er hautnah  mit. „Für mich ist es ein Geschenk, dass ich daran teilhaben kann.“
„Der Anspruch eines national führenden Orchesters muss es sein, in der Weltspitze vergleichbar mitzuspielen“, gibt sich Liebreich unbescheiden. Dafür kann er nicht nur auf ein hervorragendes
Ensemble zurückgreifen, sondern verfügt auch über einen der höchsten Etats für ein  Orchester in Polen. Im Herbst erhält er zudem einen Konzertsaal, den er zu den drei besten in Europa zählt. Der neue Sitz des Nationalen Rundfunk-Symphonieorchesters entsteht auf dem  Gelände der ehemaligen Zeche „Katowice“ im Zentrum der Stadt. Für 400 Millionen Euro schaffen Stadtverwaltung und Regionalregierung dort die neue Mitte der oberschlesischen Metropole. Flankiert wird die neue Philharmonie von einem hochmodernen Kongresszentrum, das im Frühjahr 2015 eröffnet wird. Auf der anderen Seite ragen gläserne Kuben aus der Erde, die zum Neubau des Schlesischen Museums gehören.
Das Konzerthaus bildet den Mittelpunkt auf der neuen „Achse der Kultur“. Mit seinen klaren  Formen knüpft es an die Tradition der Klassischen Moderne in Oberschlesien an, die roten Umrahmungen der Fenster schaffen eine Verbindung zur Bergbau-Architektur, wie sie in der Kattowitzer Arbeitersiedlung Nikiszowiec (Nikischschacht) bis heute erhalten geblieben ist. Spektakulär ist vor allem das Innenleben des Baus, der 1.800 Plätze in einem großen und weitere 300 in einem kleinen Saal bietet. Für die Akustik holte man mit der japanischen Firma Nagata Acoustics die beste ihres Faches, die weltweit für einige der berühmtesten Konzertsäle
verantwortlich war.
Die Eröffnung soll groß gefeiert werden. Am 1. Oktober wird Liebreich mit seinem Rundfunk-Symphonieorchester an einige der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten Polens erinnern. Stücke von Lutosławski, Penderecki, Kilar und Górecki stehen auf dem Programm. Gemeinsam mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem Pianisten Krystian Zimerman wird danach ein Auftragswerk des oberschlesischen Komponisten Eugeniusz Knapik uraufgeführt, bevor Beethovens Neunte den Abschluss des Abends bildet. Auftritte der Wiener Philharmoniker, des London Symphony Orchestra, ein Gastspiel von Ennio Morricone, Konzerte mit polnischen Jazzgrößen wie Leszek Możdżer und Jan Wróblewski sowie die Eröffnung des traditionsreichen Rawa Blues Festivals stehen im Eröffnungsmonat ebenfalls auf dem Spielplan.

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