Jakobswege haben Konjunktur. Pilgern ist ‚in‘. Bei 3 Millionen verkauften Exemplaren von Kerkeling`s "Ich bin dann mal weg …" gibt es kaum noch jemanden, der diesen Pilgerbericht nicht gelesen hat oder doch zumindest von dem Buch gehört hat. Alleine in diesem Jahr werden 150.000 deutsche Jakobspilger in Santiago de Compostela erwartet. Hinzu kommen die Touristen, die mit RyanAir, Lufthansa und Iberia zum Billigpreis zum Apostelgrab fliegen oder an organisierten Pilgerfahrten per Bus oder PKW teilnehmen.

Doch nicht jeder, der gerne möchte, ist in der Lage und Willens, die Strapazen einer langen Auslandsreise auf sich zu nehmen oder sogar die 800 km auf dem Camino Frances, wie Hape Kerkeling, zu Fuss zurückzulegen.

In ganz Europa werden deshalb historische Wege der Jakobspilger reaktiviert und neue in Richtung Südwest geschaffen.

In Deutschland geht das mit den bekannten deutschen Tugenden so gut, dass nicht eine Woche vergeht, ohne dass im Norden, Osten, Westen oder Süden unseres Landes nicht ein neuer Jakobsweg eingeweiht wird. Wir sind halt ein bisschen gründlicher als alle anderen. Längst haben die Wandervereine entdeckt, dass sie auf Jakobswegen neue Interessenten in die Wälder locken können.

Und die Tourismusmanager haben gemerkt, dass sich mit einem ‚Jakobsweg‘ ihr Urlaubsgebiet attraktiver machen lässt; mehr Besucher, mehr Tagesgäste, mehr Übernachtungen  generiert werden können. Jakobswege, oder wie es in der Nomenklatur der Deutschen Jakobsgesellschaft heisst, Wege der Jakobspilger in Deutschland, sind ein Millionengeschäft geworden.

Zu den ersten Jakobswegen, die in Deutschland reaktiviert wurden, zählt der Lahn-Camino. Diese schon im Mittelalter für Pilger überaus wichtige Ost-West-Verbindung von Marburg nach Lahnstein hat in den letzten Jahren einen ungeahnten Zustrom. Im Osten wurden in den Jahren 2006 und 2007 der Ökumenische Pilgerweg und der Elisabethpfad geschaffen, und mit dem Lahn-Camino kann der Pilger nun von Polen auf historischen Spuren bis an den Rhein gelangen. Der Mosel-Camino bietet dann Anschluss bis zum historischen Pilgersammelpunkt Trier und der französischen Ostroute über Metz und Toul nach Vezelay. Aber auch der im Jahr 2008 geschaffene Teilabschnitt des Rhein-Camino von Lahnstein nach Kaub bietet sich als Pilgerroute an. Für den Lahn-Camino (Der Jakobsweg von Wetzlar nach Lahnstein, Karl-Josef Schäfer, ISBN  978-3833494758) und den Mosel-Camino (Ein Jakobsweg von Koblenz-Stolzenfels nach Trier, Karl-Josef Schäfer und Wolfgang Welter, ISBN 978-3833498886) liegen ausführliche Pilgerwanderführer vor, eine Beschreibung des Rhein-Camino (Ein Jakobsweg von Neuss über Köln nach Koblenz-Stolzenfels, Karl-Josef Schäfer) erscheint im August 2008.

Während in Rheinland-Pfalz, im Saarland, in Bayern und Baden-Würtemberg die Jakobusgesellschaften fest mit der Unterstützung der Landesregierungen und Kommunen rechnen können, sich in Nordrhein-Westfalen der Landschaftsverband Rheinland der Jakobswege angenommen hat, sich in ganz Deutschland die Tourismusverbände, aber auch kleine und grosse Beherbungsbetriebe, engagieren, um Jakobswege zu reaktivieren oder, wo das nicht möglich ist, neue Wege zu schaffen, herrscht in Hessen weitgehende Ignoranz. Zwar verläuft ein grosses Stück des Ökumenischen Pilgerweges durch das nördliche Hessen, gibt es den Elisabethpfad oder den Bonifatiusweg, neuerdings auch einen uralten Pilgerweg von Marburg nach Köln – aber Jakobswege, und die damit verbundenen Chancen für das Urlaubsland Hessen, werden nicht weiter beachtet.

Deutlich wird das am Beispiel des Lahn-Camino, beginnend in Marburg, aber markiert erst am Dom in Wetzlar. Nicht nur, dass die ersten Teiletappen aus Mangel an Unterstützung nicht ausgeschildert werden konnten, auch Unterstützung und Beratung von Pilgern findet lediglich auf privater Initiative statt. Pilgerherbergen, wie sie in ganz Deutschland mit Unterstützung der Kommunen, Landkreise und Landesregierungen entstehen, sucht man vergebens. Während sich an den Jakobswegen in Österreich über 100 Übernachtungsbetriebe (Privatquartiere, Pensionen, Gasthöfe und Hotels mit bis zu 4 Sternen) bereit erklärt haben, Pilgern mit Pilgerpass eine Übernachtung für 15 Euro inklusive Frühstück anzubieten, stösst der Pilger an der Lahn auf Unverständnis und Ablehnung. Man fürchtet sich wohl vor gefälschten Pilgerpässen und einem Ausnutzen des Angebotes. Eine eMail mit dem Satz: "Bitte streichen Sie unser Haus aus Ihren Übernachtungsempfehlungen – wir sind nicht auf Einzelgäste eingerichtet, die machen zuviel Arbeit, wir vermieten ausschliesslich Doppelzimmer" ist nicht die Ausnahme. Anfragen wegen Gepäcktransport (auf Weitwanderstrecken auch in Deutschland fast überall Standard) werden mit dem Satz "Bestellen Sie doch ein Taxi" beschieden. Ausnahmen wie z.B. die Pension Behr in Villmar bestätigen die Regel. Statt dessen wird lieber öffentlich monatelang darüber diskutiert, ob der geplante Qualitätswanderweg ‚Lahnsteig‘ links oder rechts am Ort vorbeiführen soll. Selbst im Generalvikariat des katholischen Bistum Limburg, auf dessen Gebiet der Lahn-Camino komplett verläuft, wird anscheinend lieber die nächste Wallfahrt ins französische Lourdes vorbereitet, als auf eMails bezüglich des Lahn-Camino geantwortet.

Einer der ältesten Pilgerwege in Deutschland, reaktiviert schon vor Jahren auf Initiative von Prof. Dr. Heinrich Kanz, der durch eines der schönsten Wanderreviere Deutschlands führt und damals wie heute eine enorme Anziehungskraft und Bedeutung als Ost-West-Verbindung hat, ist, zumindest was den hessischen Teil betrifft, weitgehend unbekannt. Es gibt keine Informationstafel, es gibt keine Hinweise. Selbst auf hessischen Wanderkarten ist der Pilgerweg nicht eingezeichnet. In der Wetzlarer Innenstadt werden Jakobsmuschel-Markierungen entfernt oder unkenntlich gemacht. In Braunfels, Weilburg, Villmar, Runkel und Limburg wussten von jeweils 20 (nicht repräsentativ befragten) ortsansässigen Spaziergängern nicht einmal einer, was die gelbe Muschel auf blauem Grund bedeuten soll.

Kaum zu glauben … aber wahr!

Liebe MitbürgerInnen in Hessen! Lieber geschäftsführender Herr Ministerpräsident, liebe geschäftsführende MinisterInnen und Landtagsabgeordnete!  Liebe Landräte, liebe Kreistagsabgeordnete, liebe Bürgermeister, Stadtverordnete und Gemeinderäte! Liebe MitarbeiterInnen in den kommunalen Verwaltungen, liebe Tourismusverantwortlichen! Liebe BesitzerInnen von Übernachtungs- und Gastronomiebetrieben! Lieber Herr Bischof Tebartz-van Elst, lieber Herr Kirchenpräsident Steinacker, lieber Herr Generalvikar, liebe Leiterin der Kirchenverwaltung, liebe Dechanten, Pröbste, PfarrerInnen und MitarbeiterInnen in den Pfarrbüros! Liebe Redakteurinnen und Redakteure, liebe Journalistinnen und Journalisten!

Die Pilgerwege sind da, sie müssen nicht erst geschaffen werden, wie z.B. der geplante Lahn-Steig oder andere Wanderwege. Seit Jahrhunderten suchen sich die Pilger ihren Weg durch Hessen. Und viele dieser Wege sind heute noch begehbar. Aber um wirklich auch in Hessen etwas zu erreichen, braucht es Viele. Und es braucht viel Unterstützung durch Sie. Gerne stehe ich mit meinem Wissen und meiner Erfahrung, mit Vorträgen und Artikeln, zu Ihrer Verfügung.

Ultreia, ultreia et sus eia, Ihr Karl-Josef Schäfer

(Der alte Gruss der Jakobspilger stammt aus dem ältesten erhaltenen Pilgerführer, dem Codex Calixtinus, und bedeutet soviel wie ‚vorwärts und aufwärts‘)