Jewyo Rhii, Cooling System (Frankfurt am Main), 2013 Installationsansicht MMK Frankfurt, Courtesy the artist and Galerie Ursula Walbröl, Düsseldorf, Foto: Axel Schneider

Jewyo Rhii, Cooling System (Frankfurt am Main), 2013
Installationsansicht MMK Frankfurt, Courtesy the artist and Galerie Ursula Walbröl, Düsseldorf, Foto: Axel Schneider

Die Ausstellung „Walls to Talk to“ im MMK Zollamt des MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main vereint eine Auswahl von Werken der Künstlerin Jewyo Rhii (*1971) aus den vergangenen fünfzehn Jahre mit neuen Arbeiten, die während ihres mehrwöchigen Aufenthaltes in Frankfurt entstanden sind. Geboren in Korea, hat Rhii ihren Lebensmittelpunkt seit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn immer wieder zwischen Asien, den USA und Europa verlagert. Dieser stetige Ortswechsel und die damit einhergehenden Unsicherheiten liegen ihrem Werk zugrunde.

Im großen Hauptraum des MMK Zollamts bilden Werke aus Rhiis Projekt „Night Studio“ (2009–11) das Zentrum der Ausstellung. Während einer dreijährigen Residency an der belebten Marktstraße in Seouls Stadtviertel Itaewon öffnete die Künstlerin viermal ihre Wohnung für Publikum und lud Besucher ein, in ihre künstlerische wie persönliche Welt einzutauchen. Mit der Öffnung ihrer Privaträume wollte die Künstlerin die unterschiedlichen Möglichkeiten einer Ausstellung jenseits der Konventionen des Ausstellungsraumes erkunden. Für das MMK Zollamt hat Jewyo Rhii Teile ihres damaligen Apartments in Itaewon rekonstruiert. Kronleuchter, Türen, Teile des Linoleumbodens, Gitterzäune und viele weitere Elemente der Installation sind Verweise auf ihren früheren Lebensraum und sind im Sinne der Künstlerin als physische Erinnerungen zu lesen. „Für Rhii erinnert sich der Körper stärker als der Geist an Orte und Dinge. Bei ‚Night Studio’ verschwinden bewusst die Grenzen zwischen häuslichen Objekten, privatem Raum, Kunstwerk und Ausstellung. Das Aufeinandertreffen von privatem und öffentlichem Raum ist ein wichtiger Aspekt im Werk der Künstlerin“, sagt Ausstellungskurator Peter Gorschlüter. Zu den zahlreichen Elementen, die aus Rhiis Apartment in die Installation im MMK Zollamt eingeflossen sind, zählen auch einige selbstproduzierte Schreibmaschinen, mit denen die Künstlerin die von ihr verfassten Texte unter körperlichem Einsatz auf Wände druckt.

 

Im Ausstellungsraum weht den Besuchern der Wind zahlreicher Ventilatoren entgegen. Die Ventilatoren sind auf Eisblöcke gerichtet, die langsam schmelzen. Das Schmelzwasser tropft in verschiedenartige Behälter und erzeugt dabei durch die unterschiedlichen Tropfgeräusche eine Klangkulisse. Jewyo Rhii nutze die Ventilatoren und Eisblöcke in ihrem Apartment in Seoul als „Cooling System“, eine selbstgebaute Klimaanlage. Ebenso erschuf sie ihr eigenes Kino, das durch den Motor eines Ventilators betrieben wird. Die Filmtrommel des provisorischen Kinos dokumentiert Szenen aus Rhiis Zeit in Itaewon. 
Neben „Night Studio“ präsentiert die Künstlerin zwei weitere Langzeitprojekte in der Ausstellung. Jewyo Rhiis Bedürfnis, Räume und Emotionen zu übersetzen und auf physischer Ebene zu erfahren, kommt auf besondere Weise in dem Werk „Moving Floor“ (2009–13) zum Vorschein. Die große Teile des MMK Zollamtes einnehmende Arbeit besteht aus einem Boden auf Rollen, der sich unter den Füßen des Besuchers bewegt. Rhii konstruierte das Werk aus der Erinnerung nach dem Vorbild des Bodens ihrer Wohnung in Itaewon. Für die Ausstellung im MMK Zollamt ergänzte die Künstlerin das Werk mit vor Ort zusammengetragenen Fundstücken und Materialien aus Baumärkten. Der Besucher ist aufgefordert, den Boden zu betreten.

Die Videoinstallation „Lie on the Han River“ (2005–13) erzählt die Geschichte zweier Liebender, die sich am Ufer des Flusses Han River in Seoul begegnen. Die Liebenden treffen sich regelmäßig am Ufer des Flusses bis der Winter einbricht und sie getrennte Wege gehen. „Lie on the Han River“ ist die poetische Visualisierung des Liebesbriefes der Frau, die ihren Freund bittet zurückzukehren.

Im angrenzenden Raum ist die Serie „Two“ (1999–2002) zu sehen. Die Zeichnungen zeigen unterschiedliche körperliche Übungen für zwei Personen zur gegenseitigen Linderung von Schmerz und Leid. Die Künstlerin selbst sagt über diese Arbeiten: „In Two habe ich ein System entwickelt, mit dem sich schmerzende Körper zu beiderseitigem Nutzen miteinander verbinden können.“ Die Zeichnungen waren ursprünglich nicht für eine Ausstellung, sondern für eine Veröffentlichung in Buchform gedacht. Für die Ausstellung fertigte Rhii weitere Zeichnungen zu dieser Serie an und präsentiert sie als Installation.

 

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Van Abbemuseum, Eindhoven und dem Artsonje Center, Seoul.

 

Die Ausstellung wird gefördert durch Yanghyun Foundation, Fazit-Stiftung, Arts Council Korea, das Koreanische Kulturzentrum/Kulturabteilung der Botschaft der Republik Korea in Berlin und von der Jürgen Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler.

Katalog zur Ausstellung:

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Gespräch zwischen Jewyo Rhii & Peter Gorschlüter sowie Texten von Nick Aikens, Charles Esche und Sunjung Kim. Deutsch/Englisch, 280 Seiten,
Erschienen bei Koenig Books, 39,80 € in der Buchhandlung, 34,80 € im Museum.