Franz West, Epiphanie an Stühlen, 2011 Foto/Photo: Michaela Obermair, Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zürich © Franz West Privatstiftung

Franz West, Epiphanie an Stühlen, 2011
Foto/Photo: Michaela Obermair, Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zürich © Franz West Privatstiftung

Mit Franz West (1947-2012) würdigt das MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main einen der bekanntesten Gegenwartskünstler Österreichs mit einer großen Überblicksausstellung. Die in Kooperation mit dem mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien entstandene Präsentation zeigt erstmals nach Franz Wests Tod eine Vielzahl seiner Skulpturen, Collagen, Videos und großformatigen Rauminstallationen. Die Ausstellung hat der Künstler noch selbst initiiert und enthusiastisch mitentwickelt. 

„Franz West hatte seit vielen Jahren eine enge Verbindung zu Frankfurt und wir freuen uns daher, dass nach der ersten Ausstellungstation in Wien diese umfassende Präsentation am zweiten wichtigen Ort seines Schaffens gezeigt wird“, so Dr. Susanne Gaensheimer, Direktorin des MMK. Im Jahr 1979 hatte Franz West in Frankfurt am Main seine erste Ausstellung außerhalb Österreichs in der Galerie „forme“ des Künstlers und Galeristen Jürgen Wegner. Ende der 1980er Jahre folgte eine wichtige Ausstellung im Portikus und von 1992 bis 1993 hatte West eine Professur an der Frankfurter Städelschule inne. Einige herausragende Werke von Franz West befinden sich in der Sammlung des MMK. Arbeiten aus dieser Zeit, die teilweise auch in Kooperation mit Frankfurter Künstlern entstanden sind, gehören zu den Höhepunkten der Ausstellung. 

 

Das künstlerische Schaffen von Franz West beruht auf einer grundlegenden Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Rezipienten und Werk sowie der Rolle des Künstlers am Ende des 20. Jahrhunderts. Im internationalen Kunstgeschehen entwickelte Franz West dazu eine sehr eigenständige innovative Position. Im Gegensatz zu traditionellen Werkbegriffen ist seine Kunst partizipativ angelegt. Die Betrachter sind nicht länger auf ihre Rolle als Zuschauer beschränkt, sondern werden Teil des Kunstwerkes: Einige seiner Arbeiten können benutzt, angefasst und als Sitzfläche verwendet werden. Aus restauratorischen Gründen dürfen jedoch viele der einst zur Benutzung vorgesehenen Werke heute nicht mehr von den Ausstellungsbesuchern berührt werden. „Für den Umgang mit seinen Arbeiten müssen neue Formen entwickelt werden, die nach dem Tod von Franz West sowohl seinem partizipatorischen Werkverständnis gerecht werden als auch das materielle Werk schützen“, sagt Ausstellungskurator Klaus Görner.

 

Franz West begann seine künstlerische Karriere als Autodidakt im Wien der 1970er Jahre. Er beschäftigte sich nicht nur eingehend mit den Theorien Sigmund Freuds zur Psychoanalyse und der sprachkritischen Philosophie Ludwig Wittgensteins, sondern auch mit der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit. Die Kunstszene im Wien der 1970er Jahre war dominiert von den Nachwirkungen des Wiener Aktionismus und dessen exzessivem Einsatz des Körpers mit dem Ziel des schockhaften Tabubruchs. In bewusster Ablehnung dieser von Autoritäten und Leitfiguren geprägten „Beeindruckungskunst“ (West) begann er sein bildnerisches Schaffen mit Zeichnungen, Gouachen und Objekten, die betont unpathetisch und zumeist mit einer guten Portion Humor versehen waren. Dabei liegen seinen künstlerischen Fragestellungen philosophische Reflexionen zugrunde, die auch Themen der Erkenntnistheorie berühren: Wie erfahre ich die Welt und was lässt sich über sie sagen? Daran schließt sich die grundlegende Frage an: Welche Rolle spielt die Kunst und was ist Kunst überhaupt? 

 

Mit seiner ganz eigenen Arbeitsweise hat Franz West die traditionelle Unterscheidung zwischen Werk, Künstler und Betrachter aufgebrochen und die monumentale Überhöhung künstlerischer Arbeiten aufgelöst. „Das permanente Hinterfragen der eigenen Rolle, eine ständige Neu-Kombination seiner eigenen Werke und Selbstironie gehören zu seinen unverkennbaren Markenzeichen“, so Görner. Zentraler Bestandteil in Franz Wests skulpturalem Werk sind seine sogenannten Passstücke. Sie sind aus Gips und Polyester geformt und haben einen inneren, oft nicht sichtbaren Kern, der ein beliebiger Alltagsgegenstand sein kann. Die zumeist in neutralem Weiß gehaltenen plastischen Gebilde  können entfernt an Gebrauchsobjekte erinnern, die im Alltag am Körper getragen werden, wie Kleidungsstücke, Schmuck oder Taschen, sie können aber auch völlig abstrakt sein. Auf Wunsch des Künstlers dürfen die Besucher bei Werken wie dem im MMK ausgestellten „Ion“ (2010) nach Belieben mit den Passstücken hantieren und sie dem eigenen Körper „anpassen“. Nach Auffassung von West vermitteln sich dabei durch die Passstücke auch unbewusste Konflikte und Störungen. „Es sollte eigentlich eine Darstellung von Neurosen sein. Ich behaupte, dass es so aussehen würde, wenn man Neurosen sehen könnte“, sagte Franz West einmal.

Empfangen werden die Besucher in der zentralen Halle des MMK mit einer Arbeit, die ebenfalls zur Partizipation einlädt: Die sechs Meter hohe, hellblaue, schlangenförmige Skulptur „Ohne Titel“ (2012) ist eine der letzten Arbeiten des Künstlers, die erst nach seinem Tod fertiggestellt wurde und als Sitzfläche von den Ausstellungsbesuchern eingenommen werden kann. Die große Skulptur ist eine Variation einer Schleifenform, mit der West ein „Gekritzel“ aus Ludwig Wittgensteins „Vorlesungen über Ästhetik“ aufnimmt, dass er selbst als „Sinnlos-Schleife“ bezeichnet hat.

 

Mit der „Genealogie des Ungreifbaren“ (1997) steht gleich im Nachbarraum eine Arbeit, die belegt, dass der Künstler auch seinen eigenen Konzepten – wie dem der Partizipation – nie dogmatisch verhaftet blieb. Fünf seiner frühen Passstücke präsentierte er seit 1997 in einer großen vitrinenartigen Box hinter Glas. Werke, die eigentlich zum Gebrauch gedacht waren, hat er durch diese neue Präsentationsform zu „ungreifbaren“ Objekten gemacht. Passstücke sind auch Teil einer „Kombi-Wand“, die neben verschiedenen Arbeiten auf Papier Fotos von Personen zeigt, die mit Passstücken agieren. Erweitert um einige Möbel, werden solche Wände zu raumgreifenden Werken, wie beispielsweise bei „Kasseler Rippchen“ (1996) oder „Träumerei – Dreamy“ (1997). 

Ein weiteres zentrales Exponat sind die „Wegener Räume 2/6-5/6“. Während der Vorbereitung zur Ausstellung im Portikus fasste Franz West mehrere Arbeiten aus dem Besitz von Jürgen Wegner zum (ersten) Wegener Raum zusammen. Im Herbst des gleichen Jahres entstanden dann die vierteiligen „Wegener Räume 2/6-5/6“ als eine Variante und Erweiterung der ersten Kombinationsidee. Der Werktitel bezieht sich sowohl auf den Frankfurter Galeristen Jürgen Wegner als auch auf den Polarforscher und Geologen Alfred Wegener, der seine Theorie der Kontinentalverschiebung 1912 während einer Tagung im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main erstmals vorstellte. Für das zukünftige Restaurant des MMK hat Franz West in Zusammenarbeit mit Andreas Reiter Raabe die aus 13 Deckenlampen bestehende Arbeit „Fleur Mal“ (2012) entworfen. Die Lampen wurden mit Hilfe der „Großen Tischgesellschaft“ im Herbst des vergangenen Jahres für das MMK erworben. Die 13 Skulpturen sind eine „Kreuzung“ aus Passstück und Lampe und mit LED-Technik ausgerüstet, die unterschiedliche Lichteffekte erzeugen kann. Wie die großen Stehlampen oder die Sitz- und Liegemöbel in der Ausstellung, sind sie sowohl funktionaler Gebrauchsgegenstand als auch dessen Darstellung. Die Ausstellung „Franz West. Wo ist mein Achter?“ wird ergänzt durch Werke von Künstlern aus der Sammlung des MMK, die mit Franz West zusammengearbeitet haben, wie Douglas Gordon, Herbert Brandl und Heimo Zobernig oder die für ihn von Bedeutung waren, wie zum Beispiel Franz Erhard Walther.

Der Ausstellungstitel „Wo ist mein Achter?“ wurde vom Künstler ausgewählt und ist ein klassisches Beispiel für seine assoziative Arbeitsweise. Ausgangspunkt ist eine Gouache aus dem Jahr 2004 mit dem Motiv einer Frau, die nach einer Abmagerungskur ihre viel zu große Hose zeigt. Der Künstler transformierte durch Auslassung des „W“ den Titel „Lost Weight“ in „Lost Eight“, um schließlich die titelgebende Frage abzuleiten: Wo ist mein Achter? Die Antwort darauf lässt West offen und eröffnet damit neuen Spielraum für verschiedene Anknüpfungspunkte.

Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit mit dem mumok – Museum moderner kunst stiftung ludwig Wien, wo „Franz West. Wo ist mein Achter?“ vom 23. Februar bis 26. Mai 2013 zu sehen war. 

 

Die Ausstellung wird gefördert vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, der Hessischen Kulturstiftung und den Freunden des MMK.

Katalog zur Ausstellung:

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog mit einem Vorwort von Karola Kraus und Susanne Gaensheimer. Er enthält einen Text von Eva Badura-Triska über Kombi und Re-Kombi als Form des Sprachspiels bei Franz West, einen Essay von Klaus Görner (Kurator, MMK Frankfurt am Main) mit dem Titel Produktion und Teilhabe, die bisher umfassendste Abhandlung über das Verhältnis von West zu Wittgenstein, verfasst vom Philosophen Peter Keicher, und einen Aufsatz des Psychoanalytikers Georg Gröller. Der seit den 1990er Jahren eng mit Franz West befreundete Künstler Andreas Reiter Raabe vereint in seinem Beitrag eigene Gedanken mit Zitaten von und über den Künstler zu einer prinzipiellen Reflexion über dessen Person und Schaffen.

 

Deutsch / englisch, ca. 160 Seiten mit 120 Abbildungen, 30 x 23 cm, Hardcover, Buchhandelsausgabe erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln. 

ISBN 978-3-902490-96-4 (mumok) 

ISBN 978-3-86335-280-6 (Walther König, Köln) 

34 Euro



 

Veranstaltungen zur Ausstellung:

 

MMK Sunset – Eine Kooperation mit dem Robert Johnson

Mittwoch, 10. Juli, 19 – 24 Uhr

Abendveranstaltung mit Kurz- und Kuratorenführungen, Bar, Musikprogramm und Wiener Spezialitäten

Eintritt: 10 Euro/5 Euro Studenten

 

Ivo Dimchev Performance

Sonntag, 1. September, 20 Uhr,

Zwei „Passstücke“ von Franz West sind Ausgangspunkt für eine physische Interaktion zwischen dem Körper des bulgarischen Performancekünstlers Ivo Dimchev und der abstrakten, harten Materialität der Objekte.

Veranstaltungsort: Frankfurt LAB, Schmidtstraße 12

Tickets unter: www.mousonturm.de

Ausstellungsgespräch

Dienstag, 3. September, 19 Uhr

Die Direktorin des mumok Karola Kraus und MMK Direktorin Dr. Susanne Gaensheimer im Gespräch

über Franz West und die Ausstellung.

Eintritt: 5 Euro

 

Carl für West

Mittwoch, 18. September, 20.30 Uhr

Musikalische Episoden für Solo-Akkordeon.

Eintritt: 5 Euro

 

Öffentliche Führungen: Öffentliche Führungen finden jeden Sonntag (deutschsprachig) um 11 Uhr und jeden Samstag (englischsprachig) um 16 Uhr statt. Die Teilnahme ist im Eintrittspreis enthalten.