Mensch, geht es uns schlecht. Selbst heute, nach einem Ruhetag, fällt das Laufen immer noch schwer. Hüftabwärts tut alles weh. Dabei sind wir doch gar nicht so untrainiert! Gabi rennt den ganzen Tag durchs Haus und räumt hier und da, ich gehe regelmässig stundenlang mit den Hunden durch den Wald und in die Stadt. Aber der 1. Tag hat selbst den Kaiser geschafft. Der bewegt sich sowieso möglichst wenig, seit vorgestern liegt er nur noch in einer Ecke herum und rührt sich möglichst nicht von der Stelle. Gerade hat er sich sogar im Garten an den Zaun gelegt. Das hat er vorher noch nie getan. Es scheint, als ob unsere täglichen Spaziergänge und Aktivitäten bei weitem nicht mit einer 26 km Wanderung zu vergleichen sind. Nur die Kleine, unsere Feny, ist nach einer Nacht wieder topfit und hat vom Kaiser die Bewachung von Haus und Garten übernommen. Ein eingespieltes Team halt.
Gestern fragte Gabi mich: „Wie definierst Du denn ‚Pilgern‘?“. Ich stutzte einen Moment und gab dann zur Antwort: „Pilgern für mich ist Suchen, Finden und Ankommen!“ Das heisst, das alte Pilgermotto „Der Weg ist das Ziel“ hat für mich, zumindest jetzt, am Beginn, eigentlich keine Bedeutung. Ich will Ankommen, dabei spielt das Ziel nicht DIE Rolle. Statt Santiago de Compostela auf dem Jakobsweg könnte das Ziel auch Rom, Kevelaer, Mariazell oder Canterbury heissen. Am Jakobsweg reizen mich die alten, historischen Pilgerwege, auf denen schon hundertausende Pilger als Suchende unterwegs waren. Auch der europäische Gedanke, durch 4 Länder zu wandern, ist reizvoll. Und Deutschland und Österreich kenne ich ganz gut – in Frankreich war ich ausser im Elsass und in der Bretagne mit dem Auto noch nicht. Schlussendlich ist Spanien für meine eigene Reisekarte ein fast gänzlich weisser Fleck. Das reizt mich am Jakobsweg. Und dazu die Dinge, die ich kennenlernen und sehen werde – Dinge, die bei einer Fahrrad- oder Autowanderung und erst Recht nicht bei einer Flugreise, ins eigene Blickfeld geraten würden. Und last but not least die körperliche und geistige Fitness, die das Wandern automatisch mit sich bringen wird.
Ein Beispiel dazu: Vorgestern mussten wir, um den Bahnhof in Villmar zu erreichen, den Camino verlassen. Wir fragten nach dem Weg und eine nette Dame zeigte uns einen reinen Fussweg hinunter zur Lahn. Nur so konnten wir unterhalb der Villmarer Stadtbefestigung laufen und nur so konnte das Foto davon entstehen.
Der Weg zum Ziel ist aber noch viel, viel mehr, als nur unsere Wanderetappen. Wir beschäftigen uns täglich, stündlich mit unserem Weg. Klar, im Moment nimmt die Planung sehr viel Zeit ein. Die richtige Ausrüstung zum Beispiel. Gabi sucht immer noch ihre Wanderschuhe, die beim letzten Umzug in einer Umzugskiste verschollen sind und jetzt irgendwo in den zwei überfüllten Kellerräumen lagern. An meiner Outdoorjacke ist der Reissverschluss kaputt, ich kann sie nur zuknöpfen. Klar, diese Dinge nehmen im Moment viel Raum ein. (Gabi behandelt gerade ihre Blasen und wundert sich, dass ich nicht eine einzige habe.)
Ein weiteres Beispiel ist die Beschäftigung mit den Jakobswegen und die Suche nach dem „richtigen“ Weg. Auch dafür geht viel Zeit drauf. Ich weiss seit vorgestern, dass ich irgendwann -vielleicht nicht im kommenden Jahr, sondern erst in 2008 oder 2009- in Santiago de Compostela ankommen werde. Und ich plane jetzt schon über Lahnstein hinaus. Die Karte der alten Jakobswege auf Wikipedia gibt den Weg grob vor. Wir werden über Trier die Strecke über Paris und Chartres (weil ich da immer schon einmal hinwollte) wählen. Aber dort ist eine Abkürzung auf dem Weg Köln – Mainz nach Trier eingezeichnet, die ich beim besten Willen im Internet nicht beschrieben finden kann. Nach einigen Stunden (zum Glück habe ich zwischen den Jahren die Zeit) habe ich dann „entschieden“, dass es sich um den Moselhöhenweg handeln muss. Irgendwann während meiner Recherche stiess ich auf einen Klaus, der einer anderen Jakobspilgerin auf eine Frage nach dem „richtigen Weg“ die Antwort gab: „Wenn Du nach Santiago de Compostela willst, ist jeder Weg, den Du gehst, ein Jakobsweg!“ Er hat Recht, unser Weg, der Lahn-Camino und alle weiteren Wege, ist ein Jakobsweg, weil er zum Grab des Heiligen Jakobus führt.
Warum dann aber einen historischen Weg gehen? Weil hunderttausende Pilger den Weg seit rund 1.000 Jahren gegangen sind, alle mit nur einem Ziel. Das ist wie das Gefühl bei einem Katholikentag oder dem Papstbesuch. Ein Gemeinschaftsgefühl, eine Euphorie – Tausende tun das Gleiche zur gleichen Zeit. Oder während einer heiligen Messe. In den letzten Jahren habe ich mich schon ein gutes Stückweit von der katholischen Amtskirche und von der Gemeinde entfernt. Wenn ich einen Gottesdienst besuche oder im Fernsehen beim Zappen hängenbleibe, betrachte ich das Ritual aus einiger Distanz und versuche so manches mal mir vorzustellen, wie ein Moslem, ein Buddhist oder Hinduist eine heilige Messe wahrnimmt. Dann aber löse ich mich von diesem feierlichen Ritual, besinne mich auf die Basis und oft kommen mir Jesu Worte: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen!“ in den Sinn. Und ich denke daran, dass Millionen Menschen in Deutschland, Europa und auf der ganzen Erde genau zu diesem Zeitpunkt das Gleiche tun: sie versammeln sich und feiern die heilige Messe. Darum habe ich keinen Strich auf eine Wanderkarte von Weilburg nach Santiago de Compostela gemacht und versuche nicht, an diesem Strich entlang möglichst schnell am Ziel anzulangen. Deshalb möchte ich mit den Hundertausenden zusammen auf dem Jakobsweg pilgern.
Die nächste Etappe haben wir für nächste Woche festgelegt. Gabi will erst ihre Blasen auskurieren und, wie gesagt, ihre Wanderschuhe finden. Mir geht das jetzt schon zu langsam – aber sicher werden auch Zeiten kommen, in denen ich bremsen werde. Mal sehen, der Weg wird es zeigen.
Die Etappe ist kürzer, und von der Karte her gesehen auch leichter. Von Villmar bis nach Diez, über Runkel und Limburg, sind es nur 23 km. Das schaffen wir locker – und die Hunde auch.