Vor einem Jahr hat die römisch-katholische Kirche gezeigt, dass sie die Fähigkeit zur eigenen Reformation besitzt. Viele haben das seit langem herbeigesehnt und darauf gewartet. Mit dem Rücktritt von Benedikt XVI. und der Wahl von Franziskus verbindet sich für sie die Hoffnung auf eine historische Kursänderung. Die Leitungskrise war an einem Punkt angekommen, der das Eingreifen des Heiligen Geistes nicht ausschließen lässt.


Papst Franziskus hat von Anfang an das Evangelium und die Freude, im Hier und Heute zu leben, ins Zentrum seines Dienstes gestellt. Die Menschen sollen dadurch frei werden – fähig zu lieben, Mitgefühl zu zeigen und einander zu unterstützen. Dies ist seine klare Botschaft für einfache Menschen, für diejenigen, die „arm sind im Geiste“, denen das Himmelreich gehört. Diese Botschaft wurde in der Vergangenheit oft verdunkelt; sie schien der Kirche eher eine Last zu sein. Diese Entwicklung, eine Bewegung von der Basis, vom Süden der Erde her, die auch den Nichtgläubigen oder Suchenden Jesus näher bringt, wurde von vielen herbeigesehnt.
Die Internationale Bewegung Wir sind Kirche (IMWAC) begrüßt, dass Papst Franziskus mit seinen Positionen auf folgende Hoffnungen und Erwartungen eingehen will:

  • Eine arme Kirche mit den Armen kann niemals die negativen Werte dieser Welt teilen, die das Zusammenleben am Beginn dieses Jahrtausends bedrohen. Vielmehr muss sie Zeugin von alternativen Werten sein wie Gerechtigkeit als Grundlage des Friedens, Freiheit, Achtung der Menschenrechte.
  • Die Wirtschaft in der globalisierten Welt ist mit den harten Worten Jesu zu beurteilen, die er an die Händler im Tempel gerichtet hat (Mk 11,15); diese finden sich in heutiger Sprache in den Absätzen 53 bis 56 von „Evangelii Gaudium“ wieder. Damit entfernt sich die Kirche von ihrer überwiegend europäischen und „westlichen“ Position und gewinnt Glaubwürdigkeit in den Augen der Menschen „am Ende der Welt“, in den südlichen Erdteilen.
  • Der „Sabbat“ und die „Lehre“ dürfen niemals Vorrang vor der Botschaft der Solidarität und des Wohlwollens haben. Wer nach dem Evangelium zu leben versucht, hört zu, zeigt Verständnis, tröstet, ist barmherzig, geht an die Ränder der Existenz, weiß um die Hierarchie der Wahrheiten und Gebote. Die Dienste der Kirche haben Bedeutung, wenn sie pastorale Sensibilität an den Tag legen und kirchenrechtlichen Rigorismus überwinden. Die Kompetenzen des Volkes Gottes hinsichtlich der Individual- und Familien-Moral sind zu beachten – dies beginnt nun wahr zu werden.
  • Die Struktur der Kirche muss dezentraler werden, nicht nur vom Vatikan hin zu den Bischöfen sondern mit mehr Kompetenzen für das Volk Gottes (vgl „Evangelii Gaudium“ 102), damit sie mit dem Evangelium alle Kulturen der Erde erreicht. Diese können dann echte Akteure einer Neuevangelisierung werden und aufzeigen, welcher Reichtum und welche Energie in der Kirche stecken. Diese Entwicklung bringt eine radikale Reform und eine Verkleinerung der römischen Kurie mit sich – unverzichtbare Voraussetzungen für einen neuen Weg in der Ökumene, der allen Kirchen eine gleichberechtigte Stellung gewährt.
  • Die Korruption im Vatikan muss beendet werden und die kirchlichen Finanzstrukturen müssen mit den Ideen von Armut, Enthaltsamkeit und Hilfen für die Armen in Einklang gebracht werden. Ebenso muss es eine ernsthafte Auseinandersetzung  in Bezug auf Symbole, Einflussmöglichkeiten und Diplomatie geben, derer sich der Vatikan als Staat auf der Weltbühne bedient.

Diese vom Bischof von Rom vorgestellten zentralen Aspekte treffen auf breite Zustimmung an der Basis des Gottesvolkes und stellen einen offensichtlichen Bruch mit der bisherigen Situation dar. Auch wenn sich der Erfolg nur langsam oder teilweise einstellen wird, so ist das Ermutigung, gemeinsam mit aufgeschlossenen Hirten auf diesem Weg weiter zu gehen.
Die Internationale Bewegung Wir sind Kirche sieht jedoch mit Sorge, dass viele Reformversuche wegen starker Widerstände des Machtapparates Gefahr laufen, enttäuscht zu werden. Deshalb wird die von der Hierarchie unabhängige Basisbewegung weiterhin in großer Offenheit die weiteren Entscheidungen von Papst Franziskus und seinen Mitarbeitern kommentieren.
Die Internationale Bewegung Wir sind Kirche erwartet von Papst Franziskus, dass er schon bald den Beitrag derjenigen in der Kirche explizit anerkennt, die kritische Positionen gegenüber der Hierarchie vertreten. Ob sie dies als Einzelpersonen tun oder in organisierter Form – sie leben aus dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65). Ihre Überzeugungen werden in Gegenwart und Zukunft immer weitere Kreise ziehen.
Ebenso fordert die Internationale Bewegung Wir sind Kirche, dass nicht nur TheologInnen oder Priester, sondern alle, die im Lauf der Jahre ungerechterweise ausgeschlossen oder suspendiert wurden, wieder in die volle Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden. Der neue Kurs der Kirche muss alle willkommen heißen und alle für eine echte Neuevangelisierung einbeziehen. Im Vertrauen und in der Hoffnung auf sein segensreiche Wirken wünscht die Internationale Bewegung Wir sind Kirche Papst Franziskus den Beistand der Heiligen Geistkraft.