Um die lahmende Wirtschaft Griechenlands in Gang zu bringen, setzen viele Fachleute auf Hilfe von außen. Die Menschen auf den Kykladen nehmen das Heft nun selbst in die Hand. Dort soll der Wandertourismus zusätzliche Einnahmen bringen. Als erster Schritt ist die Zertifizierung eines „Leading Quality Trail“ über die griechische Insel Naxos geplant.

„Ausbaufähig und ausbauwert“, fast Liane Jordan ihre Erkenntnisse zusammen. Jordan ist beim Deutschen Wanderverband (DWV) zuständig für das Thema „Leading Quality Trails – Best of Europe“ und hat gerade einen Workshop zum Wandertourismus auf der griechischen Insel Naxos hinter sich. Die größte Insel der Kykladen biete an natürlicher und kultureller Ausstattung so ziemlich alles, was des Wanderers Herz höher schlagen lässt, so die Expertin. Dieses Potenzial sei längst nicht erschlossen.

Um ihre wandertouristischen Möglichkeiten besser auszuschöpfen und damit Wachstumsimpulse auch jenseits der touristischen Kernbranchen zu setzen, wollen die Menschen auf Naxos und den umliegenden Inseln der Kykladen die Saison für den Wandertourismus erweitern: Statt von April bis September sollen die Gäste mindestens von März bis Oktober kommen, um die grandiose Inselwelt zu erleben und dabei ein wenig Geld in den örtlichen Hotels, Restaurants und Souvenirshops zu lassen.

Als lohnende Zielgruppe erkannten die griechischen Tourismusverantwortlichen schnell die Wanderurlauber aus Deutschland, da diese besonders gerne in den Monaten März und Oktober verreisen. Dr. Dimitris Koutoulas von der Universität in Athen, der als Experte für das Vorhaben gewonnen wurde, hatte deswegen den Deutschen Wanderverband vor rund einem Jahr um Hilfe gebeten. Koutoulas kannte die „Leading Quality Trails“ sowie die Qualitätsinitiative „Wanderbares Deutschland“ und war vom Know-how des Wanderverbandes überzeugt. Jordan: „Nach den ersten Gesprächen war klar, dass die Griechen auf der Suche waren nach Qualitätskriterien für Wege und Gastgeber, dass aber auch Themen wie das Gesundheitswandern und fachgerechte Markierung wichtig sind.“

Um die Erfahrungen des Deutschen Wanderverbandes an die Griechen weiterzugeben, organisierten Jordan und Koutoulas im vergangenen Oktober auf Naxos einen Workshop. Jordan erläuterte dort zusammen mit dem erfahrenen Qualitäts-Zertifizierer Dirk Zimmermann, dass auf Naxos wie überall sonst an den Bedürfnissen der Wanderer angesetzt werden muss, um zusätzliche Besucher anzuziehen. Und genau deswegen seien die Qualitätskriterien, die „Leading Quality Trails“ erfüllen müssen, so wichtig, schließlich wurden sie aus diesen Bedürfnissen abgeleitet. Zimmermann: „Regionen können sich heute nur über Qualität von Mitbewerbern abheben. Das gilt für die Wege ebenso wie für die Gastgeber.“

Während mehrerer Exkursionen nahmen die Abgesandten des DWV das Angebot der griechischen Destination unter die Lupe. Sie waren begeistert. Nicht nur das Relief mit zerklüfteten Bergen und grandiosen Ausblicken sorgt dafür, dass die beiden DWV-Experten nicht zum letzten Mal auf der griechischen Insel gewandert sind. Auch die Flora mit einer Fülle von seltenen Kräutern, uralte Olivenhaine und -mühlen, historische Eselswege, Brunnen und Marmor-Steinbrüche sowie byzantinische Kirchen und Aquädukte sind etwas Besonderes. Jordan: „Angesichts dieser Ausstattung ist das Thema Wandern hier noch nicht einmal annähernd so in Wert gesetzt, wie es möglich wäre.“ Hotelbesitzer Georgis Latinas, der stellvertretend für die Gastronomie auf Naxos am DWV-Workshop teilnahm, behält die Exkursionen ebenfalls in guter Erinnerung. Viele der alten Wege, welche die Workshop-Teilnehmer erkundeten, kannte Latinas bislang noch gar nicht. Nun kann er sie seinen Gästen aus eigener Anschauung empfehlen. Positives lässt sich laut Zimmermann auch über das kulinarische Angebot des Archipels sagen: „Die Verpflegung unterwegs war ein Traum. Das gilt für den Ziegen- und Schafskäse ebenso wie für Fisch, Oliven und den

Wegen zu verbessern und mehrsprachig zu gestalten. Auch die oftmals verschlossenen Kirchentüren schmälern das Wandervergnügen. Zimmermann: „Die byzantinischen Kirchen sind einer der Höhepunkte für Besucher – die sollten zugänglich sein.“

Ideen, den Wandertourismus auf den Inseln attraktiver zu machen, gab es während des Workshops genug. Angefangen beim Umbau von Arbeiterhäusern an am Weg liegenden Schmirgel-Steinbrüchen zu Wanderquartieren über Wandertaxis mit Hol- und Bringdiensten zu oder von Wanderwegen bis hin zu einem die Inseln des Archipels verbindenden Rundwanderweg. Und noch im Jahr 2014 soll der erste  „Leading Quality Trail“ eingeweiht sein. Er wird rund 50 Kilometer vom Hauptort Naxos im Westen über das zentrale Zeus-Gebirge weiter in den Norden und von dort wieder zurück nach Naxos führen. Jordan: „Die geplante Route verläuft größtenteils auf historischen Wegen und führt auf den höchsten Punkt der Insel in rund 1.000 Meter Höhe, durch alte Eichenbestände und vorbei an der wunderschönen byzantinischen Kirche Panagia Drossiani. Auch die alte Hauptstadt Chalki liegt als architektonische Perle am Wegesrand.“ Für die Zukunft ist geplant, diesen Qualitätsweg um weitere auch auf den Inseln Paros, Andros sowie Amorgos zu ergänzen und auf diese Weise teils vorchristliche Routen wiederzubeleben. Zimmermann wie Jordan bewerten die Chancen dafür gut. Jordan: „Hier wollen die Bewohner selbst etwas für ihre Inseln tun. Das ist eine gute Voraussetzung. “