Die Elisabethkirche in Marburg

Die Elisabethkirche in Marburg

Der Ruf erreichte die Baumeister, Steinmetze und viele andere Handwerker in ganz Europa. Und sie folgten diesem Ruf nach Marburg, in die Mitte Deutschlands. Der Deutsche Orden wollte mit Unterstützung der Landgrafen von Thüringen eine der prächtigsten und für ihre Zeit modernsten Kirchen in Deutschland bauen. Über dem Grab der jüngst heilig gesprochenen Elisabeth von Thüringen entstand die mutigste Kirche ihrer Zeit: Die erste gotische Hallenkirche als Meisterwerk der deutschen Frühgotik.

Aus Frankreich kam dieser neue, revolutionierende Baustil. Die Gotik verstand und versteht es noch heute, den Menschen die christliche Ideenwelt nahe zu bringen. Damals, im 13. Jahrhundert, viel wichtiger noch als heute. Denn nur der Klerus, der Adel und einige wenige Gebildete konnten überhaupt lesen. Die in Stein für die Ewigkeit gemeißelten Bilder waren für die Gläubigen die einzige Möglichkeit, die Allmacht Gottes zu sehen und zu begreifen.

Am 14. August 1235 wurde mit dem Bau der Elisabethkirche am Fuß des Schlossberges begonnen. Es war das Jahr der Heiligsprechung, kaum vier Jahre nach dem Tod der Elisabeth von Thüringen. Geweiht wurde die Deutschorden-Kirche 48 Jahre später, im Jahr 1283. Marburg wurde so einer der wichtigsten Wallfahrtsorte des späten Mittelalters.

Die beiden je 80 Meter hohen Kirchtürme überragen die meisten der Marburger Bauten bei weitem. Die Elisabethkirche stellt damit auch aus der Ferne und heute noch das Zentrum der Universitätsstadt dar. Der Nordturm trägt auf der Spitze einen Stern, auf dem Südturm wird ein Ordensritter dargestellt. Auch nachdem die Kirche schon geweiht war, wurde noch 57 Jahre, bis 1340, an den Türmen gearbeitet.

Der Grundriss der Deutschorden-Kirche ist in Form eines Kreuzes angelegt. Die Kirche besteht aus drei Schiffen, davon hat jedes eine Gewölbehöhe von über 20 Metern. Auch der Chor hinter dem im Jahr 1343 errichteten Lettner ist dreigegliedert und teilt sich in Elisabethchor, Hohem Chor und Landgrafenchor.

Der reich mit Steinmetzarbeiten geschmückte Hochaltar wurde 1290 errichtet. Er ist aus Sandstein gearbeitet und zeigt die Verehrung Mariens durch die Heiligen (rechts die Frauen, links die Männer). Direkt dahinter sind die ältesten und bedeutendsten spätmittelalterlichen Kirchenfenster zu sehen – dieser Teil des Chores ist der älteste Bereich der Elisabethkirche in Marburg. Er wurde 1249 geweiht.

Mit den Arbeiten am Elisabethschrein, der heute in der 1326 gebauten Sakristei zu sehen ist, wurde schon 1235 begonnen. Es ist ein Meisterwerk der Goldschmiedekunst der Gotik. Unter einem Satteldach befinden sich ein Längs- und ein Querschiff. Zwischen den Aposteln thront Christus als Pantokrator (All- oder Weltenherrscher) auf dem Längsschiff, das Querschiff zeigt Maria, Elisabeth und eine Kreuzigungsgruppe. Es ist der größte Schatz der Elisabethkirche – auch, wenn Landgraf Philipp der Großmütige die Reliquien der Heiligen Elisabeth im Zuge der Reformation im Jahr 1539 entfernen ließ. Den Wallfahrten der frommen Pilger sollte Einhalt geboten werden.  Nennenswerte Reliquien der Heiligen Elisabeth finden sich heute in Wien, in Stockholm und in Kosice, einer Stadt in der Slowakei.

Vor der ursprünglich sehr reichen Innenausstattung ist nichts mehr erhalten. Auf dem Hauptaltar steht ein modernes Kreuz von Ernst Barlach – die Elisabethkirche erhielt es 1931 zum 700. Todestag von Elisabeth. Ambo und Osterleuchter stammen von dem Fuldaer Bildhauer Johannes Kirsch.

Landgraf Moritz ließ 1605 den größten Teil des Figurenschmuckes zerstören. Erhalten blieben manche wertvollen Steinmetzarbeiten in und an der Kirche. Das Elisabeth-Mausoleum mit dem um 1350 entstandenen Sarkophag. Die Reliefs zeigen neben Christus viele Würdenträger und in der Mitte die Aufbahrung Elisabeths.

Um die Elisabethkirche ranken sich viele Geschichten und Legenden. So soll zum Beispiel Christian von Preussen (1180 bis 1245), der erste preussische Bischof, hier begraben worden sein. Christian hat an der Christianisierung Altpreussens entscheidend mitgewirkt und soll in Marburg gestorben sein. Wenn das stimmt, so wurde er als erbitterter Feind des Deutschen Ordens in einer ihrer wichtigsten  Kirchen beigesetzt.

Sicher ist jedoch, dass die Elisabethkirche die Grablege der Landgrafen von Hessen war. Und in der Kapelle im Nordturm stehen die Särge von Paul von Hindenburg, dem früheren deutschen Reichspräsidenten, und seiner Frau Gertrud. Sie gelangten 1946 in die Elisabethkirche, nachdem die amerikanischen Truppen die Särge in einem thüringischen Salzbergwerk fanden.

Eine kurze Beschreibung kann nur ungenügend widerspiegeln, was den Besucher -besonders den gläubigen Besucher- an und in der Elisabethkirche erwartet. Seit mehr als 700 Jahren pilgern die Menschen nach Marburg und beten in der Elisabethkirche. Alle diese Gebete, die Gedanken, das Bitten und Flehen sind auch heute noch spürbar und lassen den modernen Besucher verstummen. Nehmen Sie sich die Zeit für ein Gebet und lassen sich dann von den sehr kompetenten Kirchenführern durch die erste rein gotische Kirche Deutschlands führen.