Algenofen im Finistere

Algenofen im Finistere

Der Tourist verhält den Schritt. Was mag dieses wohl zehn Meter lange, 60 Zentimeter breite und 40 Zentimeter tiefe Gebilde wohl bedeuten? Ist Gebilde überhaupt der richtige Name, die richtige Bezeichnung? Von Menschen vor vielen Jahren gemacht – das ist sicher. Mit flachen Steinen ist der Boden ausgelegt, flache Steine bilden die Seitenwände. Und manchmal befindet sich davor eine Steinplatte mit einer Gravur: „Four a  Goemon“ die gnädige Tourismusverantwortliche haben legen lassen.

Doch nicht einmal die deutsche Wikipedia, die alles zu wissen vorgibt, hat eine Antwort darauf. Und so bleibt nur die Spekulation. Gräber unserer steinzeitlichen Vorfahren? Dagegen spricht die Ausrichtung. Die Gräben zeigen nicht eindeutig in eine Himmelsrichtung oder zum Meer. Orientierungsfeuer für die Fischer? Aber so lang, so relativ flach und so schmal? Wäre es nicht einfacher gewesen, runde Feuerstellen zu diesem Zweck anzulegen? Ein Platz zur Zwischenlagerung von Muscheln und Fisch? Als Lösung auch nicht so prickelnd, dafür hätten sich doch Gestelle besser geeignet. Zumindest hätten diese einen besseren Schutz vor Tieren geboten.

Dass wir mit dieem Gedanken jedoch gar nicht mal so ganz verkehrt liegen, zeigt der Blick ins Internet. Die Gräben oder Kanäle sind lange nicht so alt, wie sie erscheinen. Die meisten von ihnen sind zur Zeit Ludwig XIV. entstanden, also mal gerade rund 400 Jahre alt. Es handelt sich um Algenbacköfen, genutzt, um aus den reichlichen Meeresalgen-Vorkommen an der bretonischen Küste Soda für die Glasherstellung und später Jod für medizinischen Zwecke herzustellen.

5 bis 6 Tonnen frischer Algen ergibt 10 kg Jod

5 bis 6 Tonnen frischer Algen ergibt 10 kg Jod

Eine mühselige Angelegenheit, denn fünf bis sechs Tonnen frische Algen ergeben eine knappe Tonne getrocknete Algen. Mit Reisig- und Ginsterfeuer werden daraus in den Öfen 200 Kilogramm Soda und daraus wiederum 10 Kilogramm Jod gewonnen. Aber nur, wenn das wechselhafte bretonische Wetter ein Einsehen hatte. Ein Regenschauer konnte die Arbeit von Tagen zunichte machen, denn erneute Nässe ließ die Algen verderben.

Praktisch ging das Algenbacken ganz einfach zu. Wenn der Ofen heiss war, wurden dünne Lagen trockener Algen eingefüllt. Offene Flammen wurden mit einer Lage frischen Seetangs erstickt. Die Temperatur erreichte bis zu 800 Grad Celsius und ließ einen grauen Brei entstehen. Die Algenbäcker hatten lange, eisenbewehrte Stöcke, mit denen der Algenbrei gerührt wurde. Schließlich entstanden Soda-Blöcke von cirka 50 Zentimetern Breite und Dicke. Ideal für die damals rasant wachsende Glasindustrie, die nicht genug Soda bekommen konnte. Soda sorgte dafür, dass der Siedepunkt des Quarzsandes heruntergesetzt wurde.

Soda aus gebackenen Algen blieb bis zum Ende des 18. Jahrhunderts selten und damit wertvoll. Ein einträgliches Geschäft für die Bretonen an der Küste des Finistere. Dort kannte man die Soda-Produktion schon seit dem 4. Jahrhundert. Die Römer nutzten das Soda, um ihre Haare zu bleichen. Später diente das Produkt auch zur Reinigung, besonders als Waschmittel und zur Herstellung von Seifen. Mit der Entdeckung des industriellen Soda durch Leblanc im Jahr 1790 begann der Abstieg der Produktion in der Bretagne. Doch bis zum 2. Weltkrieg wurde die Algenbäckerei fortgeführt. Jod ließ sich noch nicht industriell herstellen – und die Verwendung der gebrannten Algen als Dünger in der Landwirtschaft war auch nicht zu unterschätzen.

Unzählige Gräben und Kanäle finden sich noch heute an der bretonischen Küste im Finistere. Das westlichste, kontinentale Departement Frankreichs ist reich an geschichtlichen Geheimnissen – eines davon haben wir jetzt gelüftet.