Die Mitternacht zog näher schon;
In stiller Ruh’ lag Babylon.
Nur oben in des Königs Schloss
da flackert’s, da lärmt des Königs Tross.
Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl.

 

Seit Stunden ging das nun schon so. Es lief ihr eiskalt den Rücken herunter. Bald ist es soweit. Sie hatte ihrer Mutter versprochen, um eins zu Hause zu sein. "Soll ich Mama anrufen?" Nein, es ist sowieso zu spät. Mama wird in der kleinen Wohnung am Stadtrand noch vor dem Fernseher sitzen. Das tut sie immer, wenn ihre Tanja erst spät nach Hause kommen will.

Als der elegant gekleidete, ältere Herr gestern nachmittag an den Tisch in die Eisdiele kam, wo Tanja mit ihrer Clique saß, war sie die einzige, die nicht verlegen gekichert hatte. "Morgen abend gibt es im Avalon 100 Euro zu verdienen. Habt ihr Lust?" Die Freundinnen hatten zwar interessiert geguckt, sich dann aber nicht getraut, weitere Fragen zu stellen. Für die waren auch 100 Euro nicht viel Geld. Für sie schon. Seit Papa weg war, musste jeder Cent mehrfach umgedreht werden. Und sie bezahlte ihre Reitstunden selber. Hier mal eine Nachhilfestunde, dort mal der Mama ausser der Reihe geholfen. Im Moment war sie aber Pleite und nächste Woche war die Klassenfahrt nach Berlin. Da konnte sie das zusätzliche Taschengeld gut gebrauchen.

Klar, doof war Tanja nicht gerade. Natürlich wusste sie, was da in der Diskothek außerhalb der Stadt abgehen sollte.  Oft genug hatte sie die Älteren in der Schule über die Partys im Avalon laut reden hören. So what? Bisher war sie aus jeder Situation noch wieder herausgekommen. Und irgendetwas anderes als Spaß haben, tanzen und hübsch aussehen war nicht Bestandteil des Deals. Das hatte der etwa 60jährige mit dem sympathischen Gesicht ausdrücklich gesagt. Also, was kann schon großartig passieren? "Außerdem kenne ich im Avalon die Bedienungen und Jonas ist mit seinen Freunden auch jeden Samstag da. Mir passiert schon nichts!" sagte Tanja zu Lena und Mareike, ihren besten Freundinnen. "Wenn du da man Recht hast," erwiderte Mareike.

Wie abgesprochen war Tanja von ihrem Bruder Jonas und seiner Freundin um 10 Uhr abends am Avalon abgesetzt worden. Er wollte noch einmal weg, Pizza essen gehen. Aber hatte Tanja auch hoch und heilig versprochen, spätestens um 12 in der Diskothek aufzutauchen. Die Security hatte auch gleich hereingelassen. Und als sie in der ersten Etage die Tür zu dem großen Saal aufmachte, war da nicht, wie erwartet, schummriges Licht und eine Riesenparty im Gange, sondern alle Lampen brannten, es war fast Taghell. Am anderen Ende war ein Büffet aufgebaut. Vorne links, in der Sitzgruppe saßen etwa 20, 25 Mädchen und junge Frauen, einige kannte sie. Die meisten jedoch nicht. Und in der Mitte des Saales waren Tische zu einer langen Tafel zusammengestellt. Daran saßen etwa 50 Männer, alle im Anzug mit Krawatte.

Der Mann von gestern aus der Eisdiele, der sie eingeladen hatte, blickte sich um, entdeckte Tanja, die ein wenig verloren herumstand, stand auf und kam auf sie zu. "Schön, dass du pünktlich gekommen bist. Wir haben noch ein wenig zu arbeiten, aber dann geht die Party los! Bedien‘ dich am Büffet und setz dich zu den anderen."

Sie ging hinüber, nahm einen Teller und legte ein paar Salatblätter daruf. Im Moment hatte Tanja überhaupt keinen Hunger, ganz im Gegenteil. Sie war viel zu aufgeregt, um jetzt etwas herunterzubekommen. Während sie zurück zu Sitzgruppe am Tisch vorbeiging, bekam sie einige Satzfetzen mit. "Ich erwarte von Ihnen allen einen angemessenen Beitrag zur Sanierung der angeschlagenen Unternehmen!" sagte der Herr am Kopfende gerade. "Es kann nicht angehen, dass wir tatenlos zusehen, wenn die gesamte Kreditwirtschaft von der Krise nach unten gezogen wird."

Tanja versuchte, von den anderen Mädchen zu erfahren, was hier gerade abging. Aber die waren anscheinend mehr mit sich selbst als mit ihrer Umgebung beschäftigt. Immer wieder liefen 2 oder 3 mit ihren Täschchen zur Toilette. Einige waren auch schon ganz schön beschwipst, hatten mehr von den bunten Cocktails getrunken, als ihnen guttat. Bedienungen wuselten um sie herum, schenkten immer wieder nach oder brachten neue Gläser. "Hi, Tanja, du bist ja auch hier! Was willst du denn trinken?" Chrissie war zwar schon über 18, aber nur eine Kursstufe über Tanja. Sie kellnerte schon eine ganz Weile im Avalon. Und das hatte durchaus keinen guten Einfluss auf ihre Noten in der Schule. Aber das war Chrissie egal. "Bring‘ mir doch bitte eine Cola, pur! Aber sag‘ mal, hast du eine Ahnung, was hier los ist?" Chrissie zuckte mit den Schultern. "Nee, weiss auch nicht. Der Typ da vorne war vor ner Woche oder so beim Tom und hat einen Haufen Geld bezahlt. Dafür kann er jetzt heir machen was er will. Die Tische haben wir heute nachmittag hier hochgeschleppt. Und um 6 rückten die alle nacheinander hier an. Und jetzt sitzen die dort schon seit Stunden und wollen die Welt retten. Naja, mir solls Recht sein. Ich hab‘ schon nen Hunderter als Tip bekommemn."