So ganz so gut geschlafen haben wir nicht. Zwar fielen uns schon früh die Augen zu, aber Gabi hat sich über mein Schnarchen beschwert (ich schnarche nicht, das muss im Nebenzimmer gewesen sein :-)), und ich bin ungefähr stündlich wach geworden. Um halb sechs habe ich dann aufgegeben und mich darüber geärgert, dass wir das Frühstück erst für 8 Uhr bestellt hatten. Als einzige Gäste im Haus hätten wir vielleicht schon eine Stunde früher frühstücken können.
 
Nach dem mittelmässigen Schnitzel vom Vorabend erwartete uns jetzt ein opulentes Frühstück vom Feinsten. Eine reichhaltige Aufschnittplatte, Marmelade, Honig, Orangensaft, Müsli – alles, was das Herz begehrt. Selbst Gabi, ein Frühstücksmuffel, schlug so richtig zu. Die Brötchen waren aber auch wirklich aus der Kategorie "Spitzenklasse".
 
Bezahlen, Pilgerstempel in den Pass und los gings. Wir waren uns nicht so sicher, wo wir den Einstieg in den Moselhöhenweg auf der Hunsrückseite finden sollten, aber da half uns ein netter Herr auf dem Weg, der sich wirklich gut auskannte. Etwas Befürchtungen hatten wir wegen der verschneiten und vereisten Strasse. Ein paar Mal kamen wir ins Rutschen – und ich dachte mir: "Wenn das so weitergeht, müssen wir hier abbrechen, das ist zu gefährlich!" Aber dann konnten wir am Ende des Ortes nach kurzem Anstieg auf der Landstrasse auf einem Waldweg weitergehen und alles war in Ordnung.
 
Der Moselhöhenweg ist hier gleich am Anfang als "Arbeitsdienstweg Beilstein" beschildert – und obwohl ich mich immer dagegen wehre, in der Zeit des Nationalsozialismus irgendetwas positives zu sehen, muss ich hier doch zugestehen, dass zumindest der Reichsarbeitsdienst auch ein paar sinnvolle Dinge vollbracht hat. Der lange Anstieg auf die Hunsrückhöhen geht sanft, kaum merklich nach oben. Sehr angenehm zu laufen. Später folgt der Weg dann dem Keltenweg und einer alten Römerstrasse, die heute auch von einem archäologischen Wanderweg begleitet wird. So sind am Wegrand immer wieder Hinweise auf keltische Grabhügel oder römische Siedlungsreste zu finden. Sehr interessant, wenn man sich für die deutsche Frühgeschichte in keltischer, oder später römischer, Zeit interessiert. Später beim Abstieg nach Beilstein hat Kyrill wieder ein paar stärkere Spuren hinterlassen. Ein gutes Stück Weg ist durch umgestürzte Bäume unpassierbar. Diese haben wir weit umgangen, drüber- oder drunterdurchklettern war uns zu gefährlich, weil einige Bäume sichtbar unter Spannung standen.
 
Oben an einem Aussichtspunkt, mit Blick auf Beilstein, Burg Metternich und die Karmelitenkirche traf es mich dann wie einen Hammer. Ich konnte einfach nicht mehr, die Beine versagten ihren Dienst. Ob das nun an einem zu hohen Tempo oder zu wenig Pausen lag, weiss ich nicht. Heute, während ich hier schreibe, spüre ich aber die Erkältung in den Knochen, und vielleicht waren es gestern die Vorboten.
 
Die Karmelitenkirche ist sehenswert. Das wohl kostbarste Stück ist die schwarze Madonna, ein spanisches Kunstwerk aus dem 12. Jhdt., das von den Spaniern im 30-jährigen Krieg nach Beilstein gebracht und dort beim Abzug den Bewohnern geschenkt wurde.
 
Unten im Ort haben wir dann in einem Cafe auf den Bus nach Cochem gewartet. Und hier habe ich zum ersten Mal in meinem Leben für ein Glas Leitungswasser bezahlen müssen. Nein, es war nicht das Einzige, was wir verzehrt haben. 3 Pötte Kaffee und eine heisse Schokolade standen auf der Rechnung. Und ein Glas Leitungswasser für 50 Cent. Hammerhart, oder? Ich sehne mich nach Wien, wo ein Glas Wasser zum "Verlängerten" gehört, oder nach USA-Land, wo als erstes das Wasser auf den Tisch kommt. Nach der frustrierenden Unterkunftssuche vom Dienstag war dies noch ein besonderes Beispiel für Gastfreundschaft in diesem, unserem Lande. 
 
Wir waren relativ zeitig wieder zu Hause. Durch den Abbruch in Beilstein war die Tagesetappe auch nur so ca. 10 km lang. Aber wir haben die zwei Tage so richtig genossen. Der Winter (gleich, ob er sich frühlingshaft mit Rosen, oder winterlich mit Eis und Schnee gibt) hat seinen ganz eigenen Reiz. Und dazu zählt auf jeden Fall, dass wir im Wald und in den Ortschaften nicht ständig Touristen begegnen.
 
Die Zwei-Tages-Etappe war so richtig teuer. Über 100 Euro haben wir ausgegeben. Dies gerechnet mal 150 Tage bis Santiago de Compostela: da können wir nur sagen, dass eine Pilgerreise nichts für den Durchschnittsverdiener, sondern nur für die Reichen ist. 15.000 Euro, 7.500 Euro pro Person – dafür können wir auch eine Luxus-Kreuzfahrt oder einen 3-Wochen-Urlaub in der Karabik machen. Irgendetwas müssen wir uns einfallen lassen. Wie soll das erst in Frankreich werden, wenn wir aufgrund von Sprachproblemen nicht mehr verhandeln können? Aber selbst die 2 oder 3 Etappen bis Trier übersteigen unser Budget schon erheblich.
 
"Der Weg gibt Dir alles, was Du brauchst – aber nicht mehr!" Vielleicht ist das so – aber im Moment zweifeln wir ein wenig daran.
 
Erkenntnis des Tages:
 
Trinkwasser ist unser kostbarstes Gut