Kurzversion für Schnellleser: wunderschöner Tag, dank Wolfgang Welter eine wunderschöne Strecke, problemlos gelaufen, Erkenntnis des Tages: Bahnhöfe sind langweilig und zugig.
Und jetzt die ausführliche Version:
Ich hatte lange überlegt, wie und wo es weitergehen soll. Die Alternativen sind Legion. Zunächst einmal überlegten wir, ob es vielleicht sinnvoll ist, am Rhein entlang über Mainz und Speyer und dann weiter über Straßburg nach Frankreich zu kommen. Die Beschreibungen des Rheinsteigs unter www.rheinsteig.de sind so ziemlich die beste Wanderbeschreibung, die es im Internet zu finden gibt. Hier werden die Möglichkeiten des WWW so richtig ausgenutzt. Und der Aufbau der Seiten macht richtig Lust, auch einmal diesen anspruchsvollen Fernwanderweg von Bonn bis nach Wiesbaden zu gehen. Ausserdem liegen an dieser Strecke einige Kirchen und andere Spuren, die von Jakobspilgern hinterlassen wurden.
Wir haben uns dann aber doch für Trier entschieden, eine Pilgerstrecke, die uns erstens zum Apostelgrab führt und zweitens ganz pragmatisch innerhalb des bekannten Deutschlands nach Westen bringt und somit näher an den Küstenweg in Frankreich und Spanien.
Hier stellt sich nur das Problem, über den Rhein zu kommen. Von Mai bis September kein grosses Thema, die Fähre Oberlahnstein nach Stolzenfels ist in Betrieb. Im Winter jedoch eine Übersetzmöglichkeit für 2 Personen zu finden, stellte sich als unüberwindliches Hindernis heraus. Ulli, der Pilger aus Limburg, hat es geschafft, den Fährbetreiber zu einer solchen Fahrt zu überreden. Wir waren nicht so glücklich und erhielten auf unsere Anrufe und eMails keine Antwort.
So hätten wir erst zurückgehen, und die erste Rheinbrücke in Koblenz nehmen müssen, oder ein/zwei weitere Tagesetappen in Kauf nehmen und auf dem Rheinsteig zur Festung Ehrenbreitstein und dann weiter an die Mosel laufen können.
Wofür wir uns entschieden haben? Ich bin dann doch sehr pragmatisch: wir sind nach Lahnstein gefahren, haben uns den verpassten Freitags-Stempel im katholischen Pfarrhaus geholt (der Pfarrer dort ist auch Jakobspilger und kann mit Tipps zur Übernachtung auf dem Weg aufwarten) und sind dann mit dem Auto über die Brücke nach Stolzenfels gefahren. Auf die 50m über den Rhein kommt es denn auch nicht an.
Bei der Planung des Weges hat uns Wolfgang Welter sehr geholfen (eMail Adresse unter „Menschen am Weg“), der erstens die Mosel wie seine Westentasche zu kennen scheint und zweitens die notwendigen 1:25.000 Wanderkarten in der Schublade liegen hat. Die haben wir nämlich immer noch nicht.
Um viertel vor Zehn ging es in Stolzenfels los. Ein recht kühler Tag, der Wetterbericht sagte 13% Regenwahrscheinlichkeit voraus  – eine gute Chance also, nicht nass zu werden. Es sollte über Waldesch, Nassheck und Alken auf die andere Moselseite nach Löf gehen.
Der lange, stellenweise recht steile Anstieg auf die Hunsrückhöhen hat es durchaus in sich. Gleich zu Beginn bietet sich die Besichtigung des neugotischen Schlosses an. Ursprünglich ist Stolzenfels als Zollstätte im 13. Jahrhundert errichtet worden, davon zeugt aber heute nur mehr der Bergfried. An- und Umbauten, Verfall und schliesslich die Restaurierung, an der Namen wie Schinkel und Lenne beteiligt waren, machen sie heute zu einem typischen Produkt des 19. Jahrhunderts. Ich kann mir vorstellen, dass die Amis dieses romantische Kleinod lieben und im Sommer den Burghof bevölkern. Auch die Klause hinter dem Schloss gelegen ist im 19. Jhdt. erbaut.
Auf dem Pastorenpfad geht es dann oben weiter Richtung Waldesch. Pastorenpfad deshalb, weil sich schon im 18. Jhdt. die Pfarreien Waldesch und Stolzenfels einen Pfarrer geteilt haben und dieser am Sonntagmorgen den Weg zwischen den beiden Kirchen zurücklegen musste. Hochachtung vor der körperlichen Fitness.
Kurz vor Waldesch wird der Weg eine kurze Zeit über die alte römische Strasse von Koblenz nach Trier geführt. An dieser Strasse liegt ein Merkurtempel. Viel ist davon nicht erhalten, trotzdem ist es aber interessant, hier eine kleine Rast einzulegen. Erstens ist hier die schlimmste Steigung des Tages geschafft, zweitens steht hier oben eine Schutzhütte, in der ein Pilger wenigstens trocken und windgeschützt seine Vorräte auspacken kann.
Im Wald Richtung Waldesch haben wir dann den Weg verloren, Kyrill hat auch hier seine Spuren hinterlassen. Die Frage: „Wo soll’s denn hingehen?“ eines Waldarbeiters beantwortete Gabi vielleicht ein wenig zu schnell mit dem Satz: “ Nach Spanien!“ Worauf wir von einem dabeistehenden Spaziergänger ein Kopfschütteln ernteten. Als ich dann korrigierte: „Heute geht es nach Löf!“ half das auch nicht mehr viel. „Was wollt Ihr denn in Löf? Da ist es jetzt im Winter doch nur langweilig!“ Und weiter gingen die Fragen: „Wo kommt Ihr her? Wo ist Euer Tagesgepäck?“ Alles brav beantwortet, aber verstanden hat uns der Spaziergänger nicht. Weiter kopfschüttelnd verschwand er im Wald. Wobei der Waldarbeiter jedoch unsere Muschel am kleinen Rucksack sah und gleich wusste, wen er vor sich hatte. „Mein Kollege dort drüben war auch in Santiago!“ und gleich weiter „Geht nicht durch den Ort, das ist viel zu weit auf den aspahltierten Strassen, dort oben, die hohen Bäume ist der Brüder-Tönnes-Hügel, haltet Euch in die Richtung.“ Er wünschte uns noch einen guten Weg und wir stiefelten weiter.
Wir sind tatsächlich dann Richtung Brüder-Tönnes-Hügel weitergegangen und erst an der A61 auf den Moselhöhenweg gestossen. Bei dem Brüder-Tönnes-Hügel handelt es sich um ein Fürstengrab aus der Hallstattzeit (ca. 1000 – 500 vor Christus), heute ist er gesperrt, weil die zum Teil 200 Jahre alte Buchen umfallen könnten. Ausser, das er angeblich zu den Hunsrück-Wahrzeichen zählt, ist nichts besonders interessantes zu entdecken.
Schon bald danach tauchen die ersten Wanderzeichen mit MV (Moselhöhenverbindungsweg) auf. Nicht weiter irritieren lassen, auch wenn die Wanderzeichen nicht so ganz eindeutig sind. Über einen Parkplatz, besetzt von Dauer-Wohnmobilistinnen, die dem ältesten Gewerbe der Wedlt nachgehen, geht es nach einem kleinen Stück über die Hunsrückhöhenstrasse Richtung Naßheck. Dort ist schon bald die Autobahnbrücke zu sehen, über die Brücke führt der Weg ein kleines Stück an der Autobahn entlang bis zur Raststätte. Und dort geht es dann auch schon wieder in den Wald hinein, jetzt sehr schön und eindeutig mit dem weissen M oder den kleinen grünen Tafeln für den Moselhöhenweg gekennzeichnet.
Es kommt noch einmal mitten im Wald ein kurzes, aber dafür um so steileres Wegstück, danach geht es aber immer weiter bergab nach Alken.
Am Bleidenberg haben wir den Moselhöhenweg noch einmal verlassen. Wir wollten noch einen Abstecher zur Wallfahrtskirche machen (ein schöner, schlichter, gotischer Bau), leider war diese verschlossen. Ein traumhafter Blick auf Burg Thurant aus dem Ende des 12. Jahrhunderts und das Moseltal haben uns entschädigt. Das gute Wetter haben wir genutzt, und sind die kürzeste Strecke (800 m) durch die Weinberge nach Alken abgestiegen. Im 16. Jhdt. wurde an diesem Weg durch die Stiftung reicher Alkener Bürger ein Fussfall (Kreuzweg) mit 7 Stationen hoch zur Wallfahrtskirche errichtet. Nach dem Verfall ist der Fussfall in den letzten Jahren wieder hergerichtet worden – für denjenigen, der ihn aufsteigt sicher eine „Tour der Leiden“, für uns mit ein wenig Vorsicht bergab aber ein richtiges Erlebnis.
Leider war die Kraft nicht mehr da, um St. Michaelis, wohl die älteste Kirche im Moseltal, zu besichtigen. Es soll zwischen hier und der Wallfahrtskirche auf dem Bleidenberg eine Erscheinung des Erzengels Michael gegeben haben – daher der Name der Kirche. Sie ist schon 1015 erstmalig erwähnt. Aus dem Jahr 1622 stammt das Keinod, der St. Michaelsaltar.
Wir haben den Fehler gemacht, und sind in Alken nicht eingekehrt. Ich dachte, das könnten wir auch noch in Löf tun. Eine falsche Entscheidung, denn in Löf ist im Winter wirklich der Hund begraben. Die zwei oder drei Kilometer an der Mosel entlang gaben uns einen ersten Eindruck von der nächsten Etappe, die wir von Löf nach Cochem auf dem Moselradweg pilgern wollen. In Löf selbst haben wir uns noch ein wenig Zeit für die Pfarrkirche St. Luzia genommen. Der Glockenturm, romanisch mit gotischem Helm, ist der älteste Teil und stammt aus dem Jahr 1310. Das Kirchenschiff ist grösstenteils neuromanisch aus dem 19. Jhdt. Wir hätten uns den Rundgang dort sparen sollen, denn fast am Bahnhof angekommen fuhr der Zug Richtung Koblenz ab.
Eine Stunde mussten wir auf den nächsten Zug warten. Verdammt lange Zeit. Gabi vertrieb sich die Zeit mit Automaten-Lotto. Noch nie gehört? Ganz einfach: Am Fahrkartenautomaten einfach eine wahllose Zahlenkombination eingeben, je höher der Fahrpreis, umso besser. Wäre Euch zu albern? Richtig, albern ist das richtige Wort. Daran erkennt man, wozu das Warten an Bahnhöfen im Winter führen kann. Ich denke mir, dass eine Verbindung von Müdigkeit, langsam hochkriechende Kälte und die Atmosphäre eines einsamen Bahnhofes jeden Menschen zum Automaten-Lotto-Süchtigen machen kann 🙂
Das war unsere letzte Eintagestour. Der kleine Rucksack hat ausgedient, jetzt muss schon ein wenig mehr mit. Die nächsten 2 Tage werden uns nach Cochem und Alf führen (wenn Wolfgang Welter nicht noch einen besseren Vorschlag macht – seine Tipps habe ich nämlich, zu meiner Schande gestehend, noch nicht gelesen). Unsere weissen Riesen konnten heute schon nicht mehr mit (der Kaiser hat sich am Wochenende einen Lauf vertreten) – und würden ab hier nur Unterkunftsprobleme bereiten.
Wir danken Herrn Welter recht herzlichen für seine Tipps, ohne die hätten wir den wunderschönen Tag so nicht erlebt.
Erkenntnisse des Tages:
Bahnhöfe sind doof und machen albern