"Deutschland ist im Katastrophenfieber – und Ihr wandert!" schrieb uns heute Anne in einer eMail. Liebe Anne, vielen Dank für Deine Fürsorge, wir sind auch heil zurückgekommen, aber erstens haben wir unterwegs nichts von einer Katastrophe gemerkt und zweitens wandern wir nicht, wir pilgern!
 
Gestern ist laut Nachrichten im Privatfernsehen der schlimmste Sturm seit 20 Jahren über Deutschland hinweggefegt. Kyrill hat in ganz Deutschland 12 Menschenleben gefordert – darunter ein Herr, der bei der Beseitigung der Sturmschäden einen Herzinfarkt erlitt. Wir fühlen mit den Betroffenen und beten für diejenigen, die Angehörige verloren haben. Aber ganz ehrlich: den Sturm für einen Herzinfarkt verantwortlich zu machen, geht mir schon ein klein wenig zu weit. Unsere Kidz brauchten heute nicht in die Schule, die Nachrichten berichteten seit gestern morgen über fast nichts anderes als den Sturm. Und wir können von Glück sagen, dass Ministerpräsident Stoiber seinen Rücktritt erklärt hat – sonst wären die Nachrichten richtig langweilig geworden.
 
Leute, macht mal halblang. Da hat es in Deutschland ein wenig gestürmt. Da sind ein paar Bäume auf ein paar Autos und Häuser gefallen. Das eine oder andere Baugerüst oder grosse Transparent ist losgerissen worden. Ein paar Menschen sind an den Flughäfen und Bahnhöfen hängengeblieben. Zur gleichen Zeit sind Menschen elendig verhungert, weil sie einfach nichts zu essen haben. Gleich, ob in den sogenannten reichen Industrieländern, oder in den Ländern, die wir als Entwicklungsländer bezeichnen. Wenn unsere Medien nur halb soviel Zeit für die Berichterstattung über die Nöte in der Welt, wie über diesen Sturm aufwenden würden, könnten wir vielleicht erreichen, dass das eine oder andere Kind nicht mehr zu verhungern braucht.
 
Unsere persönliche "Katastrophe" begann um 09:15 im Bad Emser Kurpark. Da begann es nämlich zu regnen und hörte auch erst gegen halb eins auf. Zwar hatten wir unsere Regenponchos dabei – aber die Regenhosen wollten wir uns sparen. Kaum 30 Minuten später waren die Hosenbeine nass – und das für den Rest des Tages.
 
Wir sind auch nicht wie geplant auf den Lahnhöhenweg rechts der Lahn gepilgert, sondern haben uns grösstenteils auf dem Lahnradweg gehalten. Auch, weil uns der Weg im Wald vielleicht ein klein wenig gefährlich vorgekommen ist. Der Radweg war zwar vielfach durch das Lahnhochwasser überschwemmt, aber dann sind wir auf die Strasse ausgewichen. Das ging auch.
 
Im Grossen und Ganzen war es eine trübsinnige, regnerische Winteretappe, nicht zu vergleichen mit den herrlichen Frühlingstagen, die wir vorher erlebt haben. Und auch nach rund 11 km brennen die Füsse, denn Asphaltlaufen macht ordentlich müde.
 
Auf jeden Fall haben wir jetzt den ersten Teil geschafft. Wir sind am Rhein angekommen. Der Höhepunkt des Tages war für mich der Besuch der schlichten Johanniskirche in Niederlahnstein.
 
Am Monatg soll es weitergehen. Von Stolzenfels auf der anderen Rheinseite bis nach Alken an der Mosel. Mal sehen, wie das Wetter wird.
 
Erkenntnis des 5. Tages:
 
Besser einmal zuviel als einmal zuwenig umziehen