So, Urlaubspilger nennt man uns also. Urlaubspilger, das sind diejenigen, die sich nicht sechs Monate Zeit nehmen können, um auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu pilgern. Hört sich ein wenig abfällig an, oder? So nach: "Pilgerschaft 2. Klasse". Dabei kann ich für mich ganz persönlich sagen, dass auch die Zwischenetappen zu Hause zum Pilgern dazugehören. Ulli, der Pilger aus Limburg, der schon zum zweiten Mal unterwegs ist, sagte mir in der vergangenen Woche am Telefon: "Ich bin mit dem Paddelboot über den Ärmelkanal – das war stark, das war ein Abenteuer. Aber dieser Weg jetzt, der lässt mich nicht mehr los. Das ist wie ein Virus." Und genau so empfinde ich das auch. Dieser Jakobsweg lässt auch mich nicht los – gleich, ob ich physisch oder psychisch pilgere.
 
Gerade sprechen Gabi und ich über den Pilgerbericht eines Ungarn, der sechs Monate von Kassel aus nach SdC gepilgert ist. In Compostela am Ziel angekommen, war auch seine Beziehung beendet. Unsere Frage: "Würde unsere Beziehung eine sechsmonatige Trennung aushalten?" Ich kann es nicht sagen, glaube aber schon. Aber auch solche Fragen, solche Gespräche, sind Teil unseres Pilgerweges zum Apostelgrab.
 
Und ich habe noch über einen weiteren Punkt nachgedacht. Raimung Joos stellt in seinem Outdoor-Buch "Pilgern auf den Jakobswegen" die Frage, warum Pilger in "exibitionistischer Weise ihre oftmals sentimental eingefärbten persönlichen Berichte der Umwelt präsentieren wollen". Auf mich übertragen bedeutet das: "Warum stelle ich mein Tagebuch ins Internet, wo jeder darauf zugreifen kann?" Exibitionismus? Nein, ganz bestimmt nicht (obwohl ein wenig exibitionistisches Verhalten einem Trainer ganz gut tut). Dieser Blog ist für Anne, Hilde, Sarah und all die anderen, die zu Hause bleiben müssen, die nicht auf Pilgerschaft gehen können oder wollen. Also für Familie und Freunde. Und dann, in zweiter Linie, als Aufruf an diejenigen, für die der Jakobsweg ein Traum ist: "Schaut, das hat der Weg mit uns gemacht – das und noch viel mehr kann der Weg auch mit Dir machen!"
 
Gestern war ich alleine unterwegs. Gabi ist zwar zeitig aufgestanden, meinte dann aber doch, dass sie lieber zu Hause bleibt. Vor lauter schlechtem Gewissen hat sie dann die Wohnung auf Vordermann gebracht. Ich denke mir, sie hat etwas verpasst. So würde es mir zumindest ergehen. Mich hat die Sammelleidenschaft gepackt. Nein, nicht die nach den Stempeln im Pilgerpasse (obwohl sich auch dort ein gewisser Ehrgeiz entwickelt). Auch nicht nach Gesprächen über die Motivation und den Weg. Tatsächlich ist es eher ganz pragmatisch: ich sammele Schritte. Schritte, die mich näher an das Tagesziel, aber auch an Lahnstein, Trier, Metz, Paris, Chartres, Irgun, Santiago de Compostela heranbringen. Mit der nächsten Etappe werden wir in Lahnstein angekommen sein. Fünf Tage von rund 100 sind dann um. "Ein wichtiger Meilenstein im Projekt ‚Jakobusgrab‘ ist erreicht," würde ich im Projektmanagement-Training sagen. Lasst uns darauf anstossen. Dann kommt der nächste Meilenstein: Trier. Die doppelte Anzahl von Tagen. Mit höherem Gewicht auf dem Rücken. Was wird uns auf diesem Stück erwarten?
 
Aber zurück zum gestrigen Tag. Noch bin ich erst in Bad Ems, Lahnstein kommt erst diese oder nächste Woche dran.
 
In der Vorbereitung habe ich mir die Karte so gut wie noch vor keiner anderen Etappe angeschaut. Die Erfahrung von Diez – Oberhof steckt noch in den Knochen. Eine solche To(rt)ur will und kann ich vorerst nicht noch einmal machen.
 
Durch eine Umleitung war die Anfahrt weiter, als gedacht. Aber nach einer guten dreiviertel Stunde Autofahrt stand ich um zwanzig vor Neun am Bahnhof in Obernhof. Schon die Autofahrt war wunderschön. Ich hatte je keine Ahnung, dass es an der Lahn noch bewirtschaftete Weinberge gibt. Zu gerne hätte ich eine Flasche Lahnwein mitgenommen, leider hatte das Weinlokal direkt am Weg noch geschlossen.
 
Vom Bahnhof in Obernhof führt der Weg mehr oder weniger sanft nach oben in Richtung Kloster Arnstein. Dieses alte Kloster mit Jugendbildungsstätte dominiert auf der Felsspitze den gesamten Ort und das ganze Lahntal. Hinter der Klostermühle habe ich die Zufahrtsstrasse verlassen und bin mit dem Kaiser auf einem schmalen Trampelpfad hoch zum Kloster gekraxelt. Vorbei an einer Ruine führt der Weg ziemlich steil nach oben und endet dort vor einer kleinen Pforte. "Hoffentlich ist die Pforte offen, hier schaffe ich es zwar selbst herüberzuklettern, aber den Kaiser bekomme ich nie auf die andere Seite!" Und sie war zu, dachte ich zumindest. Aber nach einigem Ruckeln und der Vergewisserung, dass die Pforte weder abgeschlossen noch zugeschraubt ist, ging sie auf und knallte dem Kaiser vor die Schnauze. Ja, unser Grosser muss schon so einiges aushalten. Direkt gegenüber ist die Klosterpforte, aber ich nahm mir erst einmal die Zeit, einmal um das Kloster und die Wallfahrtskirche herumzugehen und in der Kirche ein kurzes Gebet zu sprechen.
 
Dann fasste ich auch den Mut, an der Klosterpforte am frühen Sonntagmorgen zu klingeln und um einen Stempel zu bitten. Aus diesem eigentlich ganz und gar profanen Ansinnen wurde dann ein fast einstündiges Gespräch mit dem Bruder, der an die Pforte kam, mir den Stempel gab und einen Fingerrosenkranz verkaufte und weihte. "Vier Männekes sind wir noch hier," erzählte er mir, und konnte stellenweise seinen rheinischen, genaugenommen aachener Dialekt, nicht verbergen, "und wie lange wir Arnstein noch halten können, wissen wir nicht." Schade, das Nachwuchsproblem könnte also dazu führen, dass die nach dem Kloster Arnstein benannten Prämonstratenser sich zwar weiterhin Arnsteiner Patres nennen, aber keinen Konvent mehr in Arnstein haben.
 
Sanft führt ein Wirtschaftsweg durch den Wald oberhalb der Lahn nach unten in Richtung Nassau. Das war das schönste Stück Weg des ganzen Tages. Wieder vorbei an einer Burg, rechts das Lahntal, links steile Schieferhänge. Bis fast nach Bergnassau bleibt der Lahn-Camino oberhalb der Lahn um dann neben der Lahn durch die Felder zu führen. Da taucht dann auch schon die Nassauer Burg auf, Stammhaus der Nassauer Familien und somit auch des niederländischen Königshauses und der großherzoglichen Familie in Luxemburg. Beim Durchlaufen der Stadt fallen dann auch die Holländischen, Luxemburgischen, Wiesbadener und Rüdesheimer (für Idstein und Umgebung) Autokennzeichen auf.
 
Eigentlich wollte ich hier in Nassau auf die rechte Lahnseite, um weiter nach Dausenau zu kommen. Ich bin auch über die Brücke gegangen – aber dort hätte ich ein gutes Stück an der Strasse ohne Rad- oder Wanderweg entlanglaufen müssen. Also lief ich wieder zurück, sparte mir den steilen Anstieg zur Burg zum Lahnhöhenweg und Lahn-Camino, und bin weiter auf dem Fahrradweg Richtung Dausenau gelaufen. Dieser Asphalt quält schon, aber ich tröstete mich damit, dass die letzte Etappe so hart und schmerzhaft war, da konnte der Radweg nur ein Genuss sein.
 
In Dausenau und an der Kirche St. Kastor hatte ich Glück. Der evangelische Gottesdienst war gerade beendet und die Pfarrerin stand noch im Gespräch mit zwei Gemeindemitgliedern vor der Tür. Ich konnte mich also in aller Ruhe umsehen und hab‘ dann auch gleich nach einem kurzen Gebet entdeckt, wofür ich den kleinen Umweg gegangen war: in einer Vitrine auf der linken Seite des Kirchenschiffes werden Ausgrabungsfunde ausgestellt. Und dabei ist das Bruchstück einer Jakobsmuschel. Natürlich kann so eine Jakobsmuschel auf tausend verschiedenen Wegen in das Grab in der Kirche gelangt sein – aber es ist doch schon sehr wahrscheinlich, dass die Jakobsmuschel das Attribut eines Jakobspilgers gewesen ist und somit der Beweis: vor drei-, vierhundert Jahren hat sich ein Dausenauer auf die beschwerliche Pilgerschaft zum Apostelgrab begeben und ist auch wieder in seinen Heimatort zurückgekommen. Ich bewundere sie schon, die Jakobspilger, die 2.500 km hin- und 2.500 km wieder zurück gepilgert sind. Damals gab es noch keine Ryanair-Billigflüge von Santiago de Compostela nach Frankfurt-Hahn für 19,99 Euro!
 
Bis nach Bad Ems war es von hier langweilig. Links, oder später rechts, von der Bahnlinie, fast schnurgerade. Das einzig interessante war ein Grenzstein aus dem 16. Jahrhundert kurz vor Bad Ems – hier trafen die zwei Herrschaftsbereiche Nassau und Mainz aufeinander. Auf der einen Seite ist der Nassauer Löwe, auf der anderen Seite das Mainzer Rad zu erkennen. Die Jahreszahl 1734 ist laut den Experten später bei einer neuen Grenzziehung hineingemeisselt worden. Wir haben jetzt also auf unserer Pilgerschaft das Nassauer Land verlassen. Nicht mehr die Nassauer Fürsten und Grafen haben früher hier das Geschehen bestimmt, sondern einer der mächtigsten Fürstbischöfe, aus Mainz. Dazu hat übrigends auch von Schönborn gehört. Er wurde nicht weit von unserem zu Hause in Weilmünster-Laubuseschbach geboren und hat u.a. die Würzburger Residenz bauen lassen.
 
Ja, wir bewegen uns auf geschichtsträchtigem Boden. Wenig weiter, in Bad Ems, kurte der europäische Hochadel. Ems war auch der bevorzugte Kurort des preussischen Königs Wilhem I. Die Emser Depesche, die schlussendlich zur französischen Kriegserklärung an Preussen 1870 führte und damit dann auch 1871 zur Krönung Wilhelms I zum deutschen Kaiser, steht in jedem Geschichtsbuch, neuerdings auch in den französischen.
 
Es ist ein paar Jahre her, seit ich in Bad Ems im Kurhotel Trainings durchgeführt habe. Von damals ist mir im Kopf geblieben, dass dieses Bad Ems auf einem absteigenden Ast ist. Viele Häuser, Pensionen, Hotels standen verlassen und baufällig herum. Heute hat sich aber Bad Ems zum Positiven geändert und strahlt wieder ein wenig vom Glanz der vergangenen Zeiten aus. Mein kurzer Rundgang liess mich wunderschön und aufwendig renovierte Villen erblicken. Heute ist Bad Ems sicher wieder einen längeren Besuch wert. Ich hatte aber keine Lust auf Seightseeing – Fahrkarte gelöst, in den Zug um 13:32 h gestiegen, und kurz vor 3 Uhr war ich schon wieder zu Hause.
 
Erkenntnisse des Tages:
 
1. Alleine Laufen bringt interessante Gespräche
2. Ein kurzer Weg ist nicht unbedingt eine Marscherleichterung
3. Bis Lahnstein ist es nur noch 1 Tag