An alle Golfspieler: wenn Ihr tatsächlich glaubt, dass Golfspielen demütig macht, dann müsst Ihr mal wandern gehen. Dann müsst Ihr Euch mal 26 km vornehmen und dann rund 30 km, die letzten 5 km bei völliger Dunkelheit auf einer Serpentinenstrasse, abspulen. Dann wisst Ihr, was Demut bedeutet.
 
Diese 26 km zwischen Diez und Obernhof war bisher die landschaftlich reizvollste, aber auch die körperlich anstrengenste Etappe auf unserem Jakobsweg. Wir dachten immer, dass das Lahntal hier bei uns in Weilburg schön ist – nein, Richtung Rhein wird es immer reizvoller und schöner. "Warum denn in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah!" Deutschland hat so wunderschöne Ecken, die es zu entdecken gilt. Allein dafür lohnt es sich schon, dem ausgeschilderten Lahn-Camino zu folgen und nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Diese Etappe war die Etappe der Schlösser und Burgen. Und der Schmerzen!
 
Der Reihe nach: um kurz nach acht sind wir aufgebrochen. Gabi, Lisa Marie (die manchmal doch kein typischer Teenager von 14 Jahren ist), die Hunde und ich. Mit dem Auto nach Diez, am Bahnhof geparkt und dann ging es so gegen 9 Uhr los. Wieder der schönste Tag der Woche, frühlingshafte Temperaturen mitten im Januar. Dieser Tag gab uns einen Vorgeschmack auf die positiven Seiten des Klimawandels.
 
In Diez waren wir einmal kurz unsicher, wie es weitergeht. Der Lahnhöhenweg führt in einen privaten Hof hinein, so scheint es zumindest. Aber hinter dem letzten Haus führt ein schmaler Weg links den Berg hinauf. Beim Hinaufkraxeln ist dann das Foto vom Grafenschloss Diez entstanden, das traumhaft schön im Sonnenlicht hinter uns geblieben ist.
 
Oben auf der Kuppe liegt dann schon die Schaumburg vor dem Pilger. Ein reichliches Stück Weg noch, und gerade hier führt der schmale Weg leider direkt an der Strasse entlang. Aber auch unangenehme Wegstrecken gehen einmal zu Ende und nach kurzer Zeit führt der Pilgerpfad über die Strasse wieder in den Wald zum Abstieg nach Fachingen (dahin, wo das weltberühmte Fachinger herkommt).
 
Auf- und Abstiege haben uns den ganzen Tag begleitet. Kein Vergleich mit unserer ersten Etappe, viel anstrengender, viel steiler. Aber die Ausblicke an den zahlreichen Aussichtspunkten machen so manchen Anstieg wieder wett.
 
Ein Tipp für ähnlich untrainierte Pilger: erspart Euch den Anstieg vom Sportplatz in Laurenburg, sondern nehmt die Strasse durch den Ort. Hinter Laurenburg kommt noch einmal an Anstieg, der es in sich hat und wo Ihr für jeden gesparten Höhenmeter auf der Tour vorher dankbar seid.
 
In Laurenburg sind Hilde und Bahrani zu uns gestossen. Fotos gibt es leider keine, dafür war erst keine Kraft und später kein Licht mehr da. Aber das holen wir nach.
 
Hilde war mit dem Auto direkt nach Laurenburg gefahren um uns die letzten Kilometer bis Obernhof zu begleiten. Eigentlich wollte sie zwei Hunde mitbringen – im Nachhinein waren beide Entscheidungen richtig: nach Laurenburg und nicht nach Diez zu fahren und nur einen Hund ins Auto zu packen.
 
Oben auf der Höhe, wo Hilde wartete, gab es erst einmal Zickenalarm. Feny und Bahrani haben sich tüchtig in die Wolle gekriegt. Bahrani hat Glück gehabt, naja, schliesslich soll sie ja auch noch auf Ausstellungen und in die Zucht – kein einziger Kratzer. Mit unserer Feny war es ein wenig anders. Ein Schlappohr perforiert und abends haben wir dann noch eine Stelle im Nacken gefunden. Bahrani hat gut zugelangt.  Das zeigt aber auch, dass Rudelhaltung zwar gut für die Hunde und für die Halter ist – ein oder eine Fremde jedoch relativ wenig Chancen hat, in dieses Rudel hineinzukommen. Soziale Kontakte, Umgang mit Artgenossen, tendieren da schon mal gegen Null. Denn ganz ehrlich: welcher Hundehalter kann sich bei einer Beisserei schon seelenruhig in einiger Entfernung aufbauen und abwarten, was passiert? Ich dachte einfach: "Bahrani ist für Hilde werthaltiger, solange sie nichts tut …." und Hilde schien die gleiche Meinung über uns zu haben. Später wollte sich Feny noch für die erlittene Schmach revanchieren und zog Gabi einmal kräftig über den Waldboden. Hatte aber keine Chance, Gabi war dann doch zu schwer 🙂
 
In Laurenburg oder vielmehr zum Treffpunkt mit Hilde kamen wir schon rund 2 Stunden später als geplant. Und das anstrengenste Stück lag noch vor uns. Wieder ein Abstieg und dann ein gutes Stück an der Lahn entlang. Wir überquerten die Gleise und standen dann im Hof eines Anwesens. Auf der anderen Seite der Bahngleise konnten wir nach längerer Ratlosigkeit unseren Weg sehen. Für zukünftige Pilger: nicht der Wegmarkierung über die Gleise folgen, sondern geradeaus weiter durch das Dickicht und auf dem Trampelpfad. Hinter dem verlassenen Haus führt der Weg dann wieder steil nach oben.
 
Schmerzende Füsse, schmerzende Muskeln – Gabi, Lisa, die Hunde und ich hatten schon gute 15 km mit ständigem auf und ab hinter uns. Aber dieser Anstieg hat nicht nur uns sondern auch die frische Hilde geschafft. Gabi klammerte sich an die Hoffnung: "Wenn ich besonders schnell gehe, dann schaffen wir es noch vor der Dunkelheit!" Pustekuchen! Und ich habe mich an meine gute, katholische Erziehung erinnert und den schmerzhaften Rosenkranz aus den Tiefen meines Gedächtnisses hervorgekramt. Nein, nicht wirklich um zu Beten, sondern vielmehr, um nicht mehr denken zu müssen. Klar, so manches blasphemische Stossgebet habe ich trotzdem in Richtung Himmel geschickt, aber ich muss sagen, dass die Katholen durchaus wussten, wozu so eine Litanei oder ein Rosenkranz gut sind. Absolute Leere, nur noch ein Fuss vor den anderen. Und wieder: "Ehre sei dem Vater und … – Vater unser im Himmel … – Ave Maria …" Irgendwann habe ich mir dann gedacht: "Wenn Du sowieso schon betest, dann kannst Du das gleich auch mit einem Anliegen verbinden. Der da oben wird das schon richtig einzuordnen wissen." Und so war dann der Rosenkranz für die Schäfers, die Rabensteins, die Strommens, die Kleins, Schulzendorffs, Eceterskis und Kargs – also alle, die zum erweiterten Familienkreis zählen. Ich hoffe, denen haben wenigstens die Ohren geklingelt. Und für die katholischen Leser: dieser Anstieg hat für einen kompletten Rosenkranz gereicht!!!!! Und der dauert …..
 
Oben angekommen war das Schlimmste überstanden. Nur kam jetzt bald die Dämmerung, wir haben den Weg verloren und konnten ihn auch nicht wiederfinden. Die Lichter von Obernhof zeigten uns aber die Richtung und bald kamen wir an eine Strasse, die in Serpentinen in den Ort hinuntergeführt hat. Dieses Asphaltlaufen hat uns dann noch einmal den Rest gegeben. Und im Kopf? Stellt Euch einmal vor, Ihr geht auf Euer Ziel zu (in diesem Fall das Kloster Arnstein im Scheinwerferlicht) und dann kommt eine Kehre und Ihr lauft wieder ins Dunkel hinein. Klar, auch daraus kann man im Kopf etwas machen – aber unsere Nerven, die Füsse und Knie wollten einfach nicht mehr. Lisa musste sich noch schnell eine Zerrung am Fuss holen, aber sonst ist alles gut gegengangen.
 
Der Herrgott hat wieder ein Einsehen gehabt, 10 Minuten, nachdem wir am Bahnhof ankamen, sollte der Zug Richtung Laurenburg abgehen. Hilde stieg in Laurenburg aus (wir waren zu schwach 🙂 um sie vernünftig zu verabschieden und winkten mehr oder weniger müde) und wir kamen auch bald in Diez an.
 
"Der Jakobsweg gibt Dir alles, was Du brauchst – aber nicht mehr!" Wir hatten einen wunderschönen Tag erwischt, milde Temperaturen, kein Regen. Kaum im Auto, wurde aus dem schon heftigen Wind ein Sturm und kurz vor Limburg prasselte der Regen.
 
Erkenntnisse des dritten Tages:
 
1. wir brauchen Wanderkarten im Massstab 1:25.000
2. es geht immer noch ein Stückchen weiter
3. um Demut zu lernen, brauchen wir nicht ins Kloster
4. Der Weg gibt uns alles, was wir wirklich brauchen