Gehlberg, ein schmuckes Straßendorf

Gehlberg, ein schmuckes Straßendorf

Wo Röntgen seine Röhren fand

„Die Ruhe ist es, die Gehlberg so lebenswert macht,“ erzählt der ältere Herr im Kurpark der rund 550 Einwohner zählenden Gemeinde am zweithöchsten Gipfel des Thüringer Waldes, am Schneekopf. „Eigentlich darf ich es ja gar nicht erzählen, aber vor zwei Jahren waren wir auf Teneriffa in Urlaub. Da störten die Geräusche der Klimaanlagen der umliegenden Hotels so sehr, dass ich nicht schlafen konnte. Also stellte ich die Balkonliege ins Badezimmer und konnte endlich in Ruhe einschlafen.“ Ja, tatsächlich, in Gehlberg ist es nicht nur ruhig, die Uhren gehen auch ein wenig anders. Es ist richtig still hier, mitten im Ort, im Schatten der uralten Dorflinde. Nur gelegentlich hört der Gast das Motorengeräusch eines Autos oder Motorrades auf dem Weg zum Schneekopfgipfel. Wegen der Ruhe kommen viele Gäste wieder und wieder nach Gehlberg. So wie der Spender aus Bielefeld, der anlässlich seines 40. Besuches eine rustikale Bank an seinem Lieblingsaussichtspunkt aufstellen ließ.

350 Jahre alt ist die Dorflinde mitten in Gehlber

350 Jahre alt ist die Dorflinde mitten in Gehlber

Später, auf der kleinen Terrasse des Museumscafés, erzählt Guntmar Schulz vom Museumsverein viel über die Glasherstellung in Gehlberg. „1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen seine X-Strahlen,“ erzählt Schulz, „und er ließ die ersten Röntgenröhren in Gehlberg entwickeln.“ Interessant, dem Museumsleiter zuzuhören. Es hat Schulz von Jena nach Gehlberg verschlagen. Zunächst, noch zu DDR-Zeiten, war er für die Verbindungen zwischen den Glashütten von Schott in Jena und Gehlberg verantwortlich. Nach der Wende blieb Schulz ganz in Gehlberg. „Hier in Gehlberg wurden im 19. und 20. Jahrhundert nicht nur Röntgenröhren produziert. Auch die Braunsche Röhre, die das Fernsehen erst möglich gemacht hat, wurde bei Gundelach und Schilling, den beiden Besitzern der Glashütte, gefertigt. Doppelwandige Thermosflaschen, davon finden sich auch einige ungewöhnliche Formen im Glasmuseum, und später Millionen von Brillengläsern wurden von Gehlberg aus in die ganze Welt, besonders in den

Röntgenröhren, die in Gehlberg entwickelt und hergestellt wurden

Röntgenröhren, die in Gehlberg entwickelt und hergestellt wurden

damaligen Ostblock verschickt.“ Guntmar Schulz und seinen Mitstreitern im Museumsverein ist es zu verdanken, dass nach der Schließung der Glashütte der Bestand an historischen Gläsern gesichert und ein Glasmuseum eingerichtet werden konnte. Die Glashütte wurde aufwändig restauriert und umgebaut. Eine Arztpraxis und viele Wohnungen fanden hier ihren Platz. In der ehemaligen Glasofenhalle forscht ein Unternehmen zur Entwicklung eines innovativen Baustoffes. Damit sollen in Katastrophengebieten schnell und kostengünstig feste

Auch doppelwandiges Glas, zum Beispiel für Thermoskannen, wurde in Gehlberg produziert

Auch doppelwandiges Glas, zum Beispiel für Thermoskannen, wurde in Gehlberg produziert

Unterkünfte gebaut werden können. „Polymerbeton“ heißt der Baustoff, den es im Museumsladen auch als Briefbeschwerer zu

Ohne diese ersten Bildschirmröhren aus Gehlberg wäre unser heutiges Fernsehen nicht denkbar

Ohne diese ersten Bildschirmröhren aus Gehlberg wäre unser heutiges Fernsehen nicht denkbar

kaufen gibt. Und wie soll es anders sein, Polymerbeton besteht hauptsächlich aus Sand, genau wie Glas. Im ehemaligen Gundelachschen Herrenhaus schließlich fand das Glasmuseum einen angemessenen Ort. Hinzu kamen im Laufe der vergangenen Jahre das Wilderermuseum und die Heimatstube Gehlbergs. Im Museumsladen hat der Besucher nach der musealen Zeitreise die Möglichkeit, das eine oder andere moderne Glas zu kaufen.

Natur erleben

Solche Postkartenmotive gibt es in Gehlberg und Umgebung viele

Solche Postkartenmotive gibt es in Gehlberg und Umgebung viele

Die Geschichte Gehlbergs und der Glasherstellung im Ort beginnt bereits im Jahr 1645. Fast 150 Jahre später entdeckt der Tourismus den Schneekopf. Auf dem Gipfel werden das Kreiserhaus und wenig später ein erster, hölzerner Aussichtsturm errichtet. In 60 Minuten erreicht der Wanderer von Gehlberg aus den Schneekopfgipfel. Mit dem Auto kann der Besucher bis auf 1500 Meter heranfahren und zum neuen Aussichtsturm spazieren. Der wurde 2008 errichtet und sorgte dafür, dass der Schneekopf die 1000-Marke knackte.

Gehlberg ist jedoch viel mehr als ein ehemaliges thüringisches Zentrum der Glasherstellung oder ein lange Zeit militärisch genutzter Schneekopfgipfel. Gehlberg hat kilometerlange, gut ausgeschilderte Wanderwege im Sommer und schier endlos erscheinende Loipen im Winter. „Dann bleiben hier auf der Terrasse Tische und Stühle stehen und sind hoch mit Schneehaufen bedeckt“, erzählt Frau Böttcher, die Chefin im Hotel Zum Schneekopf, „das ist das ideale Fotomotiv.“ Die Böttchers hat es aus Hessen nach Gehlberg gebracht, doch sie wollen hier nicht mehr weg. Warum? „Man kann die Stille hören; wir wohnen, leben und arbeiten dort, wo andere Erholung suchen und finden. Nur den Junior müssen wir halt zu seinen Freunden fahren.“ Die Gemeinde liegt auf 650 bis 760 Meter Höhe am Nordosthang des Schneekopfes. Dadurch gehört der kleine Ort zu den schneesichersten Gebieten in Thüringen.

So können Sie die 24 Stunden in Gehlberg erleben:

9:00 Uhr – Frühstück im Hirschen, dem Traditionsgasthof an der Hauptstraße, dessen Wurzeln im 18. Jahrhundert liegen.

Das Herrenhaus aus dem Jahr 1709 beherbergt heute Glasmuseum, Wilderermuseum und die Heimatstube

Das Herrenhaus aus dem Jahr 1709 beherbergt heute Glasmuseum, Wilderermuseum und die Heimatstube

10:30 Uhr – Historischer Streifzug durch Gehlberg, beginnend an der Hauptstraße 43, wo 1645 die erste Gehlberger Glashütte entstand. Der Spaziergang endet am „Herrenhaus“. Im Fremdenverkehrsbüro gibt es ein Faltblatt mit den Erläuterungen der einzelnen Stationen.

12:30 Uhr – Mittagessen im Gasthaus „Zur Linde“. In der ersten Etage des Hauses gibt es deftige thüringische Spezialitäten aus der im Erdgeschoss angesiedelten Fleischerei.

14:00 Uhr – Besuch der drei Museen unter einem Dach im „Herrenhaus“: Glasmuseum, Wilderermuseum und Heimatstube Öffnungszeiten Montag bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 13 bis 17 Uhr – 3 Euro, Kinder die Hälfte

15:00 Uhr – Selbst gebackenen Kuchen mit einer guten Tasse Kaffee bei Martina Schulz im Museumscafé „da capo“. Empfehlung vom Ehemann: „Mohnkuchen, der ist am besten!“

16:00 Uhr – Fahrt zum Parkplatz unterhalb des Schneekopfgipfels, Spaziergang zum Aussichtsturm (etwa 1,5 Kilometer). Der Schneekopf ist mit 978 Metern die zweithöchste Erhebung im Thüringer Wald. Die Aussichtsplattform liegt auf 1001 Metern über dem Meeresspiegel. Öffnungszeiten: Oktober bis April 10 – 16 Uhr, Mai bis September 10 bis 18 Uhr, kein Aufzug, Eintritt 2 Euro

19:00 Uhr – Abendessen im Restaurant Böttchers im „Hotel Zum Schneekopf“, zum Beispiel Rinderroulade mit Rotkohl, zwei Klößen und reichlich Soße.

Absolut ruhig schläft es sich im Hotel Zum Schneekopf

Absolut ruhig schläft es sich im Hotel Zum Schneekopf

21:30 Uhr – Ausklang des Tages auf der schönen Aussichtsterrasse und Übernachtung im „Hotel Zum Schneekopf“, in einem der modern-rustikal eingerichteten, hellen und freundlichen Zimmern.

 

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