Die Jugendherberge hier in Metz ist voll okay. 70er Jahre Bau, 6-Bett-Zimmer. Aber alles sauber und der Preis, 15,30 inkl. Frühstück, ist auch Spitze. Das Frühstück natürlich typisch französisch: Baguette, teilweise getoastet, Butter, Marmelade, Nutella (ja, richtig, Nutella). Dazu Kaffee bis zum Abwinken. Aber okay, ich will ja etwas im Magen haben, bevor ich losgehe.

Nachdem ich schon die Entscheidung getroffen hatte, nicht über Luxemburg-Stadt, sondern weiter auf den traditionellen Pilgerwegen nach Metz und dann nach Reims zu gehen, habe ich mich heute morgen entschlossen, nicht nach Verdun und Reims zu pilgern. Es geht jetzt mehr oder weniger schnurgerade in Richtung Vezelay, dem nächsten Hauptsammelpunkt der Jakobspilger im Mittelalter.

Der Grund dafür ist relativ simpel. Mir ist klargeworden, ich befinde mich in Frankreich, mein französisch ist eine Katastrophe, und ein gut beschriebener Weg ist allemale besser, als ein Weg, den ich mir erst noch suchen muss. An der Strecke Trier-Vezelay kann ich zumindest damit rechnen, dass die Menschen am Weg schon einmal etwas von Jakobspilgern gehört haben. Und Reims, Verdun, Paris und Chartres können sich Gabi und ich auch noch anschauen, wenn wir irgendwann einmal bei einem Stoppover dort landen. Also, der weitere Weg ist jetzt zunächst: Ancy-sur-Moselle, Pont a Mousson, Toul, Vezelay, vielleicht vorher noch Cluny und Taize, und von Vezelay nach St. Jean Pied de Port. Aber bis dahin ist es noch lange hin.

Heute morgen habe ich mir erst mal in der Kathedrale den Stempel geholt. Und dann gings los. Ich werde heute abend wieder in Metz übernachten – vielleicht die nächsten Nächste alle – und deshalb brauche ich den schweren Rucksack nicht mitzunehmen. Nur die Regenjacke klemme ich mir unter den Arm. Wasser wird es schon unterwegs irgendwo geben.

Und das Pilgern hat heute begonnen. An einem Moselkanal ging es heute morgen entlang aus Metz heraus, zunächst noch mit ein paar Joggern, dann aber alleine. Der relativ reizlose Weg (im wahrsten, positivsten Sinne des Wortes gemeint) führte dazu, dass ich so langsam wieder zu mir selbst komme. Mich darauf konzentrieren kann, warum ich eigentlich hier in Frankreich herumlaufe. Langsam aber sicher entferne ich mich von Weilburg, obwohl ich physisch schon 300 km weit weg bin.

In Ars-sur-Moselle zwei erwähnenswerte Dinge am Weg: 1. ein Schrottplatz mit alten französischen Lieferwagen. Zwar aufgereiht, aber nicht so, dass sie in irgendeiner Form konserviert würden. Ich musste an Gerald denken, einen guten Bekannten, Grafiker, der alte Autos sammelt, weil er sie retten will. Es wäre ein Paradies für ihn. Leider haben die gefährlich aussehenden Hunde und das abweisende Gesicht des jungen Eigentümers ein Gespräch verhindert. Schade. Und 2. gibt es in Ars die Überreste eines römischen Aquäduktes aus dem 1. Jh. nach Christus. Die Wasserversorgung des römischen Metz wurde darüber betrieben. DAS machte mir so deutlich, wie stark die Römer auch heute, nach 2000 Jahren, noch in Europa präsent sind.

Und Wolfgang hat sich gemeldet, per SMS. Es ist Tag der deutschen Einheit, der 3. Oktober. Feiertag in Deutschland. Er ist bis nach Montigny-sur-Metz (oder so ähnlich) gefahren und wartete dort auf Anweisungen. Ich war gerade hinter dem Bahndamm gefangen, konnte nicht auf die Strassenseite, aber ein paar hundert Meter weiter gab es eine Unterführung und 10 Minuten später trafen wir uns an einer Bushaltestelle. DasTreffen war toll, ich habe mich riesig gefreut. Und der Nachmittag mit den Gesprächen hat nach dem vielen Alleinpilgern auch gutgetan. Ausserdem hatte ich mit ihm die Möglichkeit, meinen Wasserhaushalt in Ordnung zu bringen. Wir sind nämlich zunächst mit dem Auto zurückgefahren.

Zunächst sind wir noch weiter, immer an einem Mosel-Altarm entlang, bis nach Ancy-sur Moselle. Da gibt es einen Bahnhof, von dem ich morgen früh starten kann. Aber wir sind von hier aus wieder mit der Bahn zurück. Ich habe immerhin schon über 20 km in den Knochen.

Wolfgang wollte noch hochfahren nach Gorze, im Internet hatte er diesen Ort als Etappenziel gefunden und wollte sich zumindest die Infrastruktur einmal anschauen. Auch in meinem Pilgerführer wird Gorze erwähnt: die Kirche aus dem 13. Jh., aber insbesondere eine Jakobusdarstellung am Sockel eines Wegkreuzes aus Sandstein. Nach einigen Mühen haben wir auch den Pfarrer der Kirche ausgetrieben und ich einen Stempel bekommen.

Danach sind wir mit dem Auto in Richtung Verdun und dann zurück über die Dörfer nach Metz gefahren. Interessant: man fährt mitten durch die Schlachtfelder des Krieges 1870/71 und an jedem Feld- bzw. Schlachtfeldrand steht ein Denkmal für das ach so glorreiche deutsche Regiment, das eben hier eine Schlacht geschlagen hat. Zumindest haben wir im Vorbeifahren immer nur deutsche Beschriftungen entdecken können. In Gedanken ein kurzes Gebet für all die Soldaten, Männer, Frauen, Kinder, die hier, gleich ob deutsch oder französisch, ihr Leben lassen mussten.

In Metz angekommen, zeigte mir Wolfgang noch Flunch, eine französische Restaurantkette mit Beilagenbuffet (sicher interessant nach einigen Tagen Brot- und Butter-Ernährung auf dem weiteren Pilgerweg) und die Markthallen direkt an der Kathedrale. Dort hätte ich bleiben können.

Dann war der Tag schon zu Ende, rasendschnell ging alles. Fürs Vorbeikommen nochmal vielen Dank, Wolfgang.

Um 20 vor 8 lieg ich rechtschaffen müde im Bett, lasse den Tag Revuepassieren und denke an morgen. Auf dem Weg …

Erkenntnis des Tages: Auf dem Weg …