Der Kumpel aus dem Westerwald hat gar nicht so viel geschwätzt, wie es erst den Anschein hatte. Ich glaube, hinter seinen „Predigten“ steht wirklich ein sehr intensives soziales Engagement. Als Beschäftigungstherapeut im Altersheim mit halber Stelle: Chapeaux. Ein ganz netter Kerl, der zwar immer wieder das Predigen anfing, aber sobald er das merkte, auch wieder still sein konnte.

Dreimal sei er schon in SdC gewesen. Einmal alleine, zweimal mit Gruppen. Immer zu Fuss, zuletzt im Frühjahr von Porto in Portugal aus. Ich habe die Bilder auf seinem Handy gesehen. Und jetzt nutzt er die letzten 5 Tage Urlaub, um von Metz aus mit dem Fahrrad nach Koblenz zu fahren. Alleine, versteht sich.

Mit dem Schlaf war es letzte Nacht nicht viel. Immer wieder bin ich aufgewacht. Das lag aber nicht an meinem Zimmergenossen – aber woran nun wirklich, weiss ich nicht. Frühstück war auch ganz in Ordnung, mal sehen, was mich heute in Thionville erwartet.

Wundervolles Wanderwetter, schöne Strecke entlang der Mosel, nachdem ich ja schon gestern die Wanderschuhe ausgezogen hatte, pilgere ich heute in Sandalen weiter. Eigentlich sollte ich jetzt schon 2 bis 3 Fusspflegetage einlegen – aber ich will ja auch vorwärtskommen.

Von Remerschen/Schengen zunächst durch die Weinberge nach Sierck-Les-Baines. Da habe ich erst mal alle verfügbaren Sorten durchprobiert. Das heisst natürlich von den Trauben, die noch nicht gelesen waren. Aber die schmeckten ganz hervorragend. Leider habe ich nicht genug Ahnung, um die Traubensorten zu unterscheiden (naja, Farbe geht ja noch … :-)). Dann habe ich aber keinen Weg mehr aus den Weinbergen gefunden und musste hinunter auf die Strasse. Der Wanderführer schreibt von einem Weg – der war aber nicht da. Also die viel befahrene Strasse weiter gepilgert. Gar nicht so ungefährlich – in Sandalen am unbefestigten Strassenrand. Und Auto- oder LKW-Fahrer die Rücksicht nehmen sind Mangelware.

Von Sierck-Les-Baines immer an der Mosel entlang in Richtung Thionville. Eine wahrliche Mammuttour. Der Schrittzähler zeigte am Ende des Tages knapp 36 km – viel zu viel. In Höhe Cattenom hatte ich keine Lust mehr und wollte eigentlich in den nächsten Zug einsteigen. Naja, weit und breit kein Zug oder Bahnhof und zum Suchen fehlte mir auch schon die Kraft. Interessant noch vor Cattenom, dem grossen Atomkraftwerk, das Feld mit dem Gemüsebauer und dem Riesentransparent: „Vente Les Legumes“ (Verkaufe Gemüse). Und just in diesem Moment funktioniert meine Kamera aus unerfindlichen Gründen nicht.

Völlig kaputt in Thionville angekommen und mich zur Jugendherberge durchgefragt. Naja, dass diese am Bahnhof ist, hätte ich der Adresse Place de la Gare schon selbst entnehmen können. Knapp halb sieben, musste ich auf den Stufen zur Eingangstür über 3 seltsam riechende Gestalten im Halbkoma hinwegsteigen. Die sahen nicht so aus, als hätten sie das Geld für eine Jugendherbergsübernachtung. Die verklemmte Tür habe ich mit einem Ruck geöffnet und dann schlug mir eine Wolke Gestank aus Alkohol, Essen, Urin und allem möglichen entgegen. Mit wurde schlecht und ich überlegte, wo kann ich heute nacht schlafen.

Ich bin kurzerhand über den Platz gegangen und habe die Zugabfahrten gesucht. Alle 10 Minuten geht ein Zug nach Metz. Ticket gekauft, entwertet, eingestiegen und in Metz wieder ausgestiegen. Damit habe ich mir also eine weitere Monsteretappe gespart.

Nach einer halbe Stunde Fussweg vom Bahnhof aus die Jugendherberge gefunden und einen ersten Eindruck von Metz gewonnen: „Hier bleib‘ ich!“

Jugendherberge sauber und ordentlich, mit 15,30 pro Nacht auch schön preiswert.

Gabi hat gerade angerufen. Ich hatte ihr noch auf dem Weg zwischen Bahnhof und Jugendherberge vorgeschlöagen, am Freitag nach Metz zu kommen. Sie holt mich hier ab, wir bleiben noch eine Nacht und fahren dann Samstag zurück. Nur, wie ich noch 2 Pilgertage durchhalten soll, nach der heutigen Tortur, ist mir ein Rätsel.

Mein Zimmergenosse heute ist ein netter Aussie, der Europa mit dem Fahrrad durchfährt. Fahrrad in Osnabrück gekauft, schon seit 6 Monaten unterwegs, viele Freunde gewonnen und plant, jetzt erst mal ein paar Monate in Frankreich zu bleiben. Toll, mit ihm hätte ich gerne getauscht. Ian ist sein Name, vielleicht trefft Ihr ihn ja mal irgendwo.

Erkenntnis des Tages: Manchmal hilft eine gute Portion Abhärtung (oder der Zug)