Wieder unterwegs! Die Zwischenetappen werden länger – aber auch die einzelnen Pilgeretappen gehen jetzt über mehrere Tage. Uns stehen drei Tage bevor, von denen wir einen ganzen Tag in Trier bleiben wollen. Hotel ist gebucht, Wetter an diesem Sonntag soll toll werden – Ultreia!
Zeitig ging es los, wir sind um halb zehn in Schweich beim Wolfgang zum Frühstücken verabredet. Immerhin sind wir jetzt alleine für die Anfahrt schon 2 Stunden unterwegs. Im Vorfeld gab es schon den ersten „Ärscher“ (wie der Hesse sagen würde): kurze eMail an Wolfgang „Was sind denn so Deine Interessengebiete?“ als Antwort kam: „Nichts mitbringen, ich kaufe auch die Brötchen und Croissants, Ihr seid meine Gäste – habt Ihr das verstanden?“ Ist der Mann Hellseher? Immerhin haben wir den Menschen dort in Schweich nie vorher gesehen, nur ein netter eMail-Kontakt hatte sich die vergangenen Wochen mit dem Mosel-Spezialisten entwickelt. Und jetzt gibt es bei ihm am hochheiligen Sonntagmorgen ein tolles Frühstück, der Tisch bog sich unter den feinen Sachen, die er aufgetragen hat. Auch wenn es langweilig wird: Der Weg gibt Dir alles was Du brauchst – und für die nächsten drei Tage noch viel, viel mehr.
Aber vorher noch ganz kurz bei Christa Rößler vorbei, der Küsterin, die uns als rettender Engel von Schweich nach Klausen gefahren hatte. Wer weiss, ob wir noch jemals die Chance haben, uns mit einem kleinen Geschenk für die Hilfe zu bedanken – deshalb dort noch schnell eine kleine Erinnerung an die verrückten Pilger aus Weilburg vorbeigebracht. Sie stand im Hof – war schon viel zu spät dran und musste zum Dienst. Trotzdem war es, als ob wir eine uralte Bekannte treffen. Pilger unter sich scheinen eine verschworene Gemeinschaft zu sein!
Dann beim Wolfgang vor der Tür: „Schön, dass Ihr etwas zu früh seid, ich habe nämlich Hunger!“ Seid sieben Uhr hatte er das Frühstück vorbereitet und Obst für den riesigen Obstsalat geschnippelt. Und den haben wir noch nicht einmal angeschaut – das kam erst abends. So ein Frühstück hat schon was. Wolfgang, herzlichen Dank für Deine Gastfreundschaft und Deine Mühen. Wir hatten ihm übrigends doch etwas mitgebracht, liessen es aber einfach draussen liegen. Was soll man bloss jemandem mitbringen, den man nicht kennt? Naja, es war dann das im letzten Jahr erschienene Buch über die zu seiner Zeit einzigartige Wasserversorgung des Weilburger Schlosses. Der Mann ist schliesslich Lehrer, vielleicht kann er mal etwas für den Unterricht nachschlagen und vielleicht interessiert er sich ja für Geschichte. Es ist halt eine Geste.
Während des Frühstücks lernten wir uns dann kennen, und erhielten noch eine Einladung zum Abendessen, und das Angebot, ein kurzes Stück mitzulaufen. Und, und, und ….
Kurz auf die Karte geschaut und dann ging es los. Bei strahlendem Sonnenschein machten wir uns auf den Weg von Schweich nach Trier. Die Wanderführer empfehlen, diese Strecke mit dem Bus zurückzulegen, weil die Etappe unattraktiv ist und durch das Hafengebiet von Trier führt. Das sind anscheinend die Autoren, die ihre Pamphlete nach intensivem Kartenstudium zu schreiben pflegen. Tatsächlich unterscheidet sich die Etappe in nichts von den vorhergehenden, ganz im Gegenteil. Ausser der Nähe zur Stadt und dem an einem Sonntag sowieso zu erwartenden Spaziergänger-Ansturm haben wir nichts am Weg auszusetzen.
In Quint am Bahnhof stiess Wolfgang dann für ein paar Kilometer zu uns. Er wollte bis Ehrang mitgehen. Strahlender Sonnenschein – tja, wenn Engel verreisen, dann lacht die Sonne. In Ehrang noch einen Abstecher ins Pfarrhaus. Markus Nicolay, Sekretär der Sankt-Jakobus-Bruderschaft, Trier, wird nachmittags als Pastor in Ehrang eingeführt. Wir wollten wenigstens mal guten Tag gesagt haben und Markus Nicolay auch unsere Wünsche für die sicher nicht leichte Zeit als Pastor mit auf den Weg geben. Obwohl beim Mittagessen mit Familie und Freunden gestört, hat er sich gefreut, dass die Jakobspilger auch bei ihm Station machten.
In Ehrang geht es noch einmal steil hinauf in den Wald auf den Karl-Kaufmann-Weg. Nun fragt nicht, wer dieser Karl Kaufmann war – sein Weg auf jeden Fall ist ein schönes Stück Natur auf dem Weg Richtung Trier und führt in Biewer wieder nach unten an die Mosel.
Hier in Biewer kommt ein historischer Jakobsweg, der von Aachen über die Eifel nach Trier, an die Mosel. Die Pfarrkirche St. Jakobus wollten wir uns nicht entgehen lassen und schon vorher zeigt eine Säule den Schutzpatron unserer Pilgerreise in voller Grösse. Leider war die Kirche geschlossen – aber wir nutzen die Bänke für ein kurzes Sonnenbad im März, bevor wir uns mit Bargeld versorgten und auf den Bus warteten. Wir hatten einfach keine Lust mehr. Die Hauptstrasse in Biewer hat furchtbar viel Durchgangsverkehr und kann einem das Pilgern schon ganz schön verleiden. Gabi taten die Füsse weh, und im Hinblick auf den nächsten Tag haben wir uns haltg ein wenig geschont. Wolfgang hat es „schummeln“ genannt. Aber wir haben den Weg am nächsten Tag deutlichst wieder nachgeholt (nicht von Biewer nach Trier, sondern in Trier selbst).
Wann waren wir im Hotel? So gegen 2 Uhr nachmittags. Leider noch kein Gepäck da, der Gepäcktransfer von Schweich nach Trier hat nicht so ganz hingehauen 🙂 Aber wir wollten Wolfgang nicht zweimal nach Trier hetzen, und deshalb haben wir uns erstmal zum Mittagsschlaf ins Bett gelegt. An so einen Gepäcktransfer könnten wir uns gewöhnen. Auch dafür herzlichen Dank an Dich, Wolfgang.
Zum Hotel: ein schrecklicher Kasten, 14 oder 15 Stockwerke hoch, nahe der Trier Arena am Ratio-Einkaufszentrum, in unmittelbarer Nähe zum Nells-Park. Aber eindeutig der „Best Deal“ in Trier, denn nachdem die Jugendherberge wegen Umbau bis April geschlossen hat, Privatquartiere noch nicht so ganz unseren Vorstellungen entsprochen haben (dazu gleich mehr) und die Barmherzigen Brüder in ihrem Gästehaus 71,30 Euro pro Nacht haben wollten, sind wir hier im 3*-Haus für 45 Euro spitzenmässig komfortabel und günstig innerhalb unseres Budget von deutlich unter 50 Euro untergekommen. Innen ist das NH-Hotel längst nicht so hässlich, wie es die Waschbetonfassade vermuten liesse. Und ein grosses Zimmer im 8. Stock, mit Blick auf Trier, die Mosel und hinüber nach Biewer – soviel Luxus haben wir gar nicht erwartet. Toll, zukünftigen Pilgern empfhelen wir einfach, mal auf die Internet-Seiten zu gehen und zu schauen, wie die Raten gerade so sind. Wir waren voll und ganz zufrieden.
Privatquartiere sind so eine Sache. Auf der einen Seite werden wir sicher noch oft auf diese generösen Angebote eingehen, auf der anderen Seite jedoch sind Gabi und ich im Moment noch froh, wenn wir abends unsere Ruhe, sprich ein wenig Privatsphäre haben. „Man“ sagt bei privaten Gastgebern nicht einfach: „Ich will meine Ruhe haben“ und die Hemmschwelle, ist bei uns noch viel zu gross. Vielleicht ändert sich das, wenn wir länger unterwegs sind. Vielleicht freuen wir uns dann über mehr Kontakte am Weg. Noch sind wir nicht soweit. Das „Annehmen“ ist tatsächlich noch ein grosser Punkt. Da müssen wir noch viel lernen. Christa Rößler – wir waren sprachlos. Ein fremder Mensch fährt uns von Schweich nach Klausen. Wolfgang Welter – nach ein paar eMails lädt er uns zum Frühstück, zum Gepäcktransfer, zum Abendessen, zum kleinen Stadtrundgang, zum erneuten Abendessen ein. Ist schon nicht einfach, hier einfach „Danke, vergelt’s Gott!“ zu sagen. In unserer Gesellschaft lernen wir, dass wir für alles, was uns gegeben wird, in irgendeiner Form bezahlen müssen. Und jetzt wird uns einfach so gegeben! Dies ist ein Lernprozess – den wir gerade erst begonnen haben.
So gegen 5 kam Wolfgang mit unserem Rucksack! Ein Kaffee und Espresso in der Lobby, während Gabi noch schnell unter die Dusche sprang. Und dann begann ein wunderschöner Abend in Schweich, mit einem „perfekten Dinner“ (frei nach VOX) und einem tollen Wein. Und die am Morgen verschmähte Schüssel Obstsalat war, mit einem Klosterlikör verfeinert, restlos niedergemacht (ich hoffe, Wolfgang, Deine Tochter hat uns verziehen!). „Willst Du noch eine Flasche Wein mit ins Hotel nehmen?“ Klar wollte ich, und, da wir keinen Korkenzieher mithatten, legten wir auch noch eine zweite, geöffnete, Flasche ins Auto. Das haben wir nämlich gleich nach Trier umgesetzt, damit wir auch den weiteren Weg ohne Rucksack machen konnten.
Abends im Bett hing der Haussegen schief. „Nun sag‘ schon, ich weiss selbst, dass ich blöd war!“ Gabis einzige Antwort an diesem Abend: „Du bist ein Tyrann!“ Der Rest war Schweigen. Naja, der Nikotinentzug treibt seltsame Blüten (keine Entschuldigung, nur eine Erklärung). Ich bin am Esstisch bei Wolfgang etwas sehr ungeduldig geworden – es war Zeit, ins Bett zu kommen und Gabi wollte perse noch mit den Kindern sprechen. Wolfgang, das brachte Dich als Gastgeber in eine komische Situation, bitte verzeih‘ mir.
Mit dem Spitzen-Roten aus der Gegend klang unser Tag dann aus. So lässt sich das Pilgern aushalten. Was haben wir bloss verbrochen, lieber Gott, dass es uns so gutgeht?
Erkenntnis des Tages:
Annehmen