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14. Tag Klüsserath – Schweich 20.02.2007

 
Dieser Blogeintrag war schon einmal geschrieben – dann aber hat die Speicherung nicht geklappt und alles ist wieder weg. Hier nun die zweite Version – diesmal aber mit Zwischenspeicherungen!
 
Aus dem Westerwald ist sie, die Frau Herres-Junior, und deshalb kennt sie auch Weilburg. Aber in Klüsserath und im Klüsserather Karneval fühlt sie sich pudelwohl und mischt auch kräftig mit. Viel zu lange haben wir nach dem grossartigen Frühstück die Zeit verplaudert. Ein wenig enttäuscht waren wir beim Bezahlen. Statt der in der Datenbank hinterlegten 19 Euro pro Person sollten wir 23 bezahlen. "Die erste Nacht ist teurer," erklärte uns Frau Herres. Uns frass es aber die knappen Bargeldvorräte auf, die jetzt gegen Null tendierten. Gerade noch so konnten wir bezahlen – und Klüsserath bot uns keine Gelegenheit, diese wiedre aufzustocken. Vielleicht könnten Sie, Frau Herres, den höheren Preis auch in der Unterkunfts-Datenbank der Gemeinde hinterlegen lassen – Sie sind es allemale wert. Und wenn wir nicht hätten bezahlen können, wäre es für beide Seiten ärgerlich geworden.
 
Regelrecht geschockt war ich von dem Preis für den Spitzen-Riesling. Stundenlang waren wir in den letzten Wochen an der Mosel unterwegs, haben die steilen Rebhänge gesehen und so manchen Weinbauer bei der mühseligen Schneide- und Bindearbeiten beobachtet. Und wir haben uns gewundert, dass so viele Weinberge aufgegeben wurden und jetzt entweder brach liegen oder völlig verwildert sind. Bei einem Preis von 4 Euro 60 für eine Flasche eigentlich kein Wunder, dass sich immer mehr junge Leute gegen den Weinbau entscheiden. Die "Geiz-ist-Geil-Mentalität" treibt schon seltsame Blüten. Der "umweltbewusste" Deutsche, der gegen Atomkraftwerke protestiert und sich vor dem Klimawandel fürchtet, greift im Supermarkt zur weitgereisten australischen oder kalifornischen Flasche für 2,50, statt den qualitativ hochwertigeren Wein aus heimischen Landen für 2 Euro mehr zu kaufen. Fahrt mal an die Mosel, probiert dort den Wein beim Winzer. Alles besser, als das billige Zeugs aus dem Supermarkt.
 
Soweit zum Thema Weinmarketing – jetzt wieder zurück auf den Jakobsweg. Der führt mit einem modernen Kreuzweg aus Mosaiken hinauf in die Weinberge. In der Marien-Kapelle, die auch dem Gedächtnis der Gefallenen des letzten Weltkrieges gewidmet ist, kniet ein Winzer und fleht zur Gottesmutter. Wahrscheinlich bittet er nicht um einen leichteren Anstieg, wir hätten das aber gerne blasphemisch getan.
 
Denn bis zur höchsten Stelle, dem auf 410 m liegenden sogenannten Zitronenkreuz, war es noch ein gutes Stückchen, auf dem Gabi und ich ganz schön gekeucht haben.
 
Ich bin fasziniert von all den Beweisen der Frömmigkeit am Weg. Zwar gibt es auch viel Kitsch und viel Geschmackloses bei den Wegkreuzen und den Bilderstöcken, aber dieses aus dem 17. Jhdt. stammende Zitronenkreuz, und später das Landwehrkreuz, gehören eindeutig zu den Schmankerln. Sie laden regelrecht zum Innehalten und zu einem kurzen Gebet ein.
 
Das Landwehrkreuz, schon kurz vor Schweich, markiert anscheinend eine Grenze – auch im Internet konnte ich keine weitere Erklärung dazu finden. Es steht am Ende einer schmalen Flucht von alten Bäumen, die, mit viel Gestrüp einen schon fast sürreal anmutenden Eindruck machen. Vielleicht hat Kyrill auch hier zugeschlagen, viel Geäst ist sicher auch hierhin getragen worden.
 
Von hier geht es nur noch bergab und schon bald lag Schweich unter uns. Hier hatten wir beide keine Lust mehr, Schweich sieht von hier oben nach all den romantischen Moselortschaften nicht gerade einladend aus. Ausserdem ging uns das ständige Rauschen der Autobahn auf die Nerven. Die sogenannte Zivilisatgion hat uns wieder eingeholt. "Ob das in Schweich auch ständig zu hören ist?" Die Füsse taten uns weh und wir waren auch nicht gerade begeistert von der Vorstellung, in Schweich erst eine Post zur Bargeldaufbesserung, dann den Busbahnhof und dann noch ein Cafe zur nachmittäglichen Kaffeedröhnung zu suchen. "Weisst Du was, ich suche die Telefonnummer vom Wolfgang Welter heraus, oder schicke ihm eine eMail – vielleicht ist er ja aus Belgien schon zurück und dann bieten wir ihm eine Kafeeeinladung gegen einen Lift nach Klausen an, vielleicht geht er ja auf den Deal ein!" Ehrlich, vor vier Wochen hätten wir über so etwas noch gar nicht nachgedacht, mittlerweile sind wir aber mürbe geworden und fragen so hin und wieder nach Hilfe. Mehr als Nein-Sagen wird niemand.
 
Endlich kam die Sonne heraus und versöhnte uns so langsam mit diesem kalten Tag. Gleich hinter der Autobahnunterführung  stand ein Wegweiser, rechts zum Bahnhof, links zur Kirche und zur Altstadt. Eigentlich ist es meine Art, zunächst einmal den Bahnhof und eine Bargeldquelle zu finden – die Besichtigung kann dann immer noch stattfinden und wir wissen zumindest, wo wir hinmüssen. Aber wir haben uns, warum auch immer, für links entschieden. Und das sollte wenig später noch sehr wichtig werden.
 
"Der Weg gibt Dir alles was Du brauchst …" wie oft habe ich den Satz schon geschrieben? Vielleicht liegt es an meinen eigenen Zweifeln, vielleicht auch an meinen Erfahrungen, vielleicht auch daran, dass ich gerne alles durchplanen möchte. Totus tuus – ich bin in Deiner Hand – bis hierhin schon soviele Beweise, dass ER den richtigen Weg aufzeigt. Und hier wieder einer:
 
Gabi und ich sind zur Kirche gegangen. "Ob die wohl offen ist?" Zu oft haben wir auf unserem Weg vor verschlossenen Gotteshäusern gestanden. Ich drückte die Klinke herunter und sah eine im Wind flatternde Fahne. "Schau mal, die haben eine Jakobsmuschel im Stadt- oder Gemeindewappen!" So stehen wir noch einen Moment vor dem Kirchenportal, die Klinke heruntergedrückt. Und von innen wurde das Portal geöffnet: "Ich will gerade abschliessen, aber Sie können sich noch umsehen!" Zwei Minuten später und wir hätten die Küsterin, Frau Rößler, nicht mehr angetroffen.
 
Asu meiner Frage nach einem Stempel im Pilgerpass entwickelte sich ein längeres Gespräch. Frau Rößler pilgert einmal im Jahr im Fränkischen – Tagesetappen mit bis zum 54 km, Übernachtung in Schulen oder, wenn das Wetter mitspielt, im Freien. Chapeau, Hochachtung, vor dieser Leistung – wir würden das nicht schaffen. Aber dafür sagte uns Frau Rößler, sie würde es nicht mit Rucksack nach Santiago schaffen.
 
Im Laufe des Gesprächs erzählten wir, dass wir erst die Post brauchten und dann rund 3 Stunden auf den Bus nach Wittlich und von dort nach Klausen warten müssten. "Ich fahr‘ Sie da hin, ob ich nun 10 Minuten früher oder später nach Hause komme, spielt keine Rolle!" Wir hatten schon unsere Mühe damit, dieses grossherzige Angebot anzunehmen. Aber schliesslich dachte ich mir "Was soll’s, es wird schon für irgendetwas gut sein!"
 
Tatsächlich dauerte die Autofahrt nur wenige Minuten – und das lockere Gespräch mit vielen Informationen übers Pilgern haben wir genossen. In Klausen hat uns Frau Rößlers bis vor das Portal, neben unser Auto gefahren – ein erstklassiger Service. Nach der Einladung, unseren Wagen für die nächsten Etappen in der breiten Auffahrt der Rößlers in Schweich abzustellen, verabschiedeten wir uns von einem Menschen, von dem wir nach 45 Minuten den Eindruck hatten, wir kennen ihn schon ewig. Ein Satz ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: "Sie müssen reif für eine Pilgerreise sein – das richtige Alter haben oder ein besonderes Erlebnis gehabt haben. Sonst klappt es nicht!"
 
Wir stehen kurz vor unserem nächsten grossen Meilenstein: mit der nächsten Tagesetappe erreichen wir Trier mit dem heiligen Rock und St. Mattheis, dem einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen. Wir wollen uns einen ganzen Tag Zeit für die älteste Stadt Deutschlands nehmen. Und dann geht es weiter, Richtung Reims.
 
Erkenntnis des Tages
 
Zufall oder Notwendigkeit?

1 Kommentar

  1. Natürlich hätte ich Sie auch ohne Einladung zum Kaffee nach Klausen gefahren: den hätte es nämlich bei mir gegeben! Vielleicht zu Beginn der nächsten Etappe. Gruß Wolfgang Welter, Schweich

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