Am Vorabend hatte ich noch Angst, dass mir evtl. ein Zimmergenosse ins Zimmer gelegt würde, deshalb blieb ich mühsam, mit Lesestoff aus der hauseigenen Bibliothek bewaffnet, bis kurz nach acht wach. Aber irgendwann konnte ich die Augen nicht mehr offenhalten und der Abend war gelaufen. An die harten Jugendherbergsbetten muss ich mich erst langsam wieder gewöhnen und vielleicht lag es daran, dass ich ab 2 Uhr in der Früh stündlich wach wurde. Frühstück gabs um halb acht und um viertel nach acht ging es, begleitet von den guten Wünschen des JH-Teams, auf den Weg.
 
Der Tag begann eiskalt, versprach aber, wieder schön zu werden. Und so machte ich mich auf den langen Weg nach Bernkastel, über die Brücke und auf der Eifelseite weiter an der Mosel entlang Richtung Lieser. Ich hatte mir wieder eine "vernünftige" Tagesetappe vorgenommen – in einem Faltblatt hatte ich zunächst gelesen, dass die Strecke von Lieser nach Klüsserath 13 km lang sein soll. Plus 4 km von Kues, plus ca. 2 km von der Jugendherberge – das sollte zu schaffen sein. Im Laufe der Planung stellte ich dann aber den Druckfehler fest und konnte beim besten Willen die tatsächliche Entfernung nicht herausfinden. Aber auch vor 25 oder 26 km waren mir heute nicht bange – die Batterien waren wieder aufgeladen.
 
Ich lief auch nicht durch die Altstadt und dann direkt hinauf in die Weinberge, ich blieb an der Mosel, um wenigstens einen Blick auf das Cusanus-Haus, das Geburtshaus des grossen Nikolaus von Cues, erhaschen zu können. Scheint es eigentlich nur so, oder haben wir heute diese Universalgenies des 14., 15. und 16. Jhdts. nicht mehr? Sind wir heute so darauf bedacht, Fachidioten heranzuzüchten, hochspezialisierte Fachleute, die kaum über ihren Tellerrand hinweggucken? Gibt es heute keine Leonardo da Vincis oder keine Nikolaus von Cues mehr?
 
Nikolaus von Kues war einer der grössten Denker und Universalgelehrten der im 15. Jhdt. bekannten Welt, gilt als Begründer der abendländischen Philosophie, war Mathematiker, Mediziner und Arzneikundler, Jurist, Astronom und schliesslich auch Theologe. Der einzige deutsche Kardinal seiner Zeit, Kirchenreformator und Querdenker. Seine heute modern anmutenden Schriften bereiteten der Reformation um Luther den Weg. Cusanus sah die Erde nicht im Mittelpunkt des Alls und dieses wiederum unendlich. Seine Schriften sind Legion – aber wirklich revolutionär war Nikolaus von Cues in seiner Sicht der Theologie. Er entwickelte die "negative Theologie", heisst, wir können prinzipiell über Gott keine positive Aussage machen und sein Wesen nicht positiv fassen – aber wir sollen unser Nicht-Begreifen begreifen. Jede Religion spiegelt einen Teil der unendlichen güttlichen Wahrheit. Deshalb spricht Cusanus auch von "einer Religion in verschiedenen Riten".
 
Während ich in unserer wissenschaftsgläubigen Welt darum kämpfe, ein kleines Stückchen "Gott" zu begreifen, meinem Leben einen Sinn zu geben, hat Cusanus das Totus tuus von gestern niemals angezweifelt. Was, wie, wo, warum ER ist, kann ich für den Rest meines Lebens suchen – und dann vielleicht doch eines Tages begreifen, dass ER sich nicht greifen lässt. Ist das das Totus tuus von Johannes Paul II.? Aber wenn ich mich fallenlasse, wenn ich mich ganz in seine Hände begebe, widerspreche ich dann nicht Cusanus, mache ich dann nicht doch eine positive Aussage über Gott – nämlich, dass es ihn gibt?
 
Das sind die Gedanken, mit denen ich mich nach einer kurzen Besinnungspause wieder auf den Weg mache. Mir steht eine ABC-Tour bevor (ABC? Eine Freundin aus Australien hat diesen Begriff für Europa, besonders Italien, Frankreich und Deutschland geprägt. ABC ist englisch und bedeutet Another Bloody Cathedral – schon wieder eine verdammte Kirche!).
 
Ich habe aber keine Lust, an der Strasse entlöang zu laufen und versuche, in die Weinberge bis Lieser auszuweichen. Hat nicht geklappt. Zwar bin ich immer wieder nach oben gestiegen, landete dann aber doch wieder abwärts Richtung Strasse und musste schlussendlich sogar auf dem Seitenstreifen die letzten paar hundert Meter nach Lieser zurücklegen. Schade. Aber mittlerweile war auch die Sonne da und es wurde richtig war.
 
Auf dem Deich lief ich nach Lieser hinein und hatte auch schon bald den Moselhöhenweg wieder gefunden. Am romantischen Schloss aus dem Ende des 19. Jhdts. vorbei ging es wieder aus dem Ort hinaus und dann war ich verloren. Die Wegmarkierung ist nicht nur lückenhaft, sondern einfach nicht vorhanden. Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder stur geradeaus gehen und hoffen, dass irgendwann eine Markierung auftaucht, oder Einheimische fragen. Nachdem ich etliche Kilometer so vor mich hin gesucht hatte, habe ich dann endlich ein Pärchen getroffen, die sich auskannten. "Der Weg gibt Dir …" (ja, ich weiss, ich wiederhole mich), aber die Beiden gingen mit mir sogar einen Umweg um sicherzustellen, dass ich auch wirklich heil und sicher auf dem Moselhöhenweg ankomme. Soviel zum Thema moselländische Gastfreundschaft. Ich schrieb ja schon vorher: die Erfahrungen vom Mittwoch sind deutlichst wiedergutgemacht worden.
 
Zum Weg hinter Lieser: bleibt an der Mosel, auf dem Radweg, überquert das Flüsschen auf der kleinen Brücke, wendet Euch direkt dahinter nach rechts und geht durch die Röhre unter der ausgebauten Strasse hindurch. Dann wieder nach rechts und auf der Strasse immer weiter nach oben. Hier sind aber auch wieder Wegmarkierungen.
 
Oberhalb der besten Rieslinglagen an der Mosel geht es in Richtung Monzel. Hier fand meine ABC-Tour ihren Höhepunkt. An einer Stelle konnte ich rund um mich herum gleichzeitig 5 Kirchtürme entdecken – manchmal wünsche ich mir doch die Spiegelreflex auf dem Weg, um solche Blicke im Foto festhalten zu können. Ob die Erbauer all der Kirchen Cusanus gekannt und über seine Lehren nachgedacht haben? Totus tuus – ganz Dein. Auf jeden Fall mussten die Winzer und Bauern der Umgebung kräftig für diese Kirchen bluten.
 
Vor Monzel noch ein längeres Gespräch mit einem Winzer. Sehr freundlich, sehr nett, sehr informativ. Über Gott, die Welt, den Weinbau und dem Weg nach Klüsserath.
 
Gespräche am Weg, ein weiteres Thema. Wenn wir zu zweit pilgern, tritt der Rudeleffekt wie bei unseren Hunden ein. Wir sind uns selbst genug, wir brauchen keine Gespräche ausserhalb, wir sind mit uns selbst beschäftigt und teilen unsere Gedanken. Auch nach 10 Jahren Beziehung noch unerschöpfliche Gesprächsthemen. Und sind dann auch wieder alleine, beschäftigen uns mit uns selbst, gehen in unterschiedlichen Rhythmen, der eine schneller, der andere langsamer. Und wir teilen die Schönheit des Weges und unsere Gedanken.
 
Die letzten Tage war ich aber alleine unterwegs. Und auch das entwickelt eine eigene Dynamik. Gespräche am Wegesrand, mal kürzer, mal länger, nehmen mehr Raum ein. Das Hinsetzen und die Gedanken schweifen lassen – auch das ein wichtiger Punkt. Keine Rücksicht nehmen, nicht warten oder warten lassen, alleine entscheiden, ob und wann angekommen wird. Und es gibt Gesprächsstoff nach der Rückkehr. Ich habe im Auto wie ein Wasserfall geredet, versucht, meine Erlebnisse möglichst schnell und interessant widerzugeben.
 
Beide Seiten haben ihre Fürs und Widers. Ich weiss heute noch nicht, was ich bevorzuge. Eines ist sicher, diese 4 Tage habe ich Gabi viel vermisst und war nur in wenigen Momenten froh, dass sie nicht dabei ist. Ich kann noch nicht entscheiden, was besser ist.
 
In Monzel geht der Weg durch den Ort und dann auf einer Strasse in Serpentinen wieder nach oben. Nicht lange, und der Scheitelpunkt der Tagesetappe ist erreicht – die Minheimer Schutzhütte, 431 m über NN. Von hier aus sind es noch 10 km bis Klüsserath. Und hier stiess ich auf eine kleine, handgeschriebene Notiz auf einer Wegmarkierung: "Klausen 2 km – spätgotische Wallfahrtskirche". Drei oder vier mit der Jakobsmuschel gekennzeichnete Pilgerwege zur Kirche sind in der neuen GeoMap-Karte eingezeichnet. Klausen muss also ein für die Umgebung sehr wichtiger Wallfahrtsort sein.
 
Die Entscheidung fiel schnell. Gabi eine SMS geschickt: "Planänderung, bin gegen 2 Uhr in Klausen, Autobahnabfahrt Salmtal, dann links halten".
 
Wie an so vielen Bilderstöcken und Schutzhütten an denen ich vorbeigekommen bin, brannte auch in der Minheimer Schutzhütte vor dem Marienbild eine Kerze. Selbst an den abgelegensten Punkten findet sich jemand, der eine ausgebrannte Kerze ersetzt. Und hier, in dieser Hütte oder Kapelle, gab es noch etwas besonderes. Links vom Sockel gibt es eine Nische in der Wand, in der einfach Steinchen lagen. Aha, hier liegen also Sorgensteine. Und ich bin dann nach draussen gegangen und habe mir auch einen Stein gesucht. Er sollte nicht zu gross, aber auch nicht zu klein sein – meinen Sorgen halt angemessen. Schliesslich war es aber doch der grösste Stein, der in der Nische seinen Platz fand. Totus tuus – vielleicht ist der erste Schritt gemacht? Auf jeden Fall fiel mir der Abstieg nach Klausen leichter als gedacht.
 
In Klausen kam ich schon um halb zwei an. Im Ort bereitete sich alles auf den Fastnachts-Umzug vor – aber die Kirche war geöffnet. Sie erhält gerade eine neue Orgel und die schon eingebauten Pfeifen wurden eingespielt. Die heutige Wallfahrtskirche wurde 1502 geweiht, der wunderschöne Hochaltar aus der Antwerpener Schule stammt aus dem Jahr 1480. Wohl 40-50 Jahre wurde daran  gebaut. Die Wallfahrt geht auf den Marienverehrer Eberhard zurück, der an dieser Stelle zunächste einen Bilderstock und später eine Kapelle mit einer Pieta (Schmerzhafte Mutter) errichtete, die er so oft wie möglich besuchte. Endlich baute er auch eine Hütte, um dort als Einsiedler in der Klause zu leben.
 
Die Wallfahrtskirche hat eine grosse Bedeutung für die Umgebung, die vielen Votivkerzen und die Stifterplaketten deuten darauf hin. Bis in das 16. Jhdt. reichen die Plaketten zurück – und die neuen Votivkerzen zeigen an, dass die Menschen aus diesen Pfarreien immer noch nach Klausen pilgern.
 
Ich war natürlich auf der Suche nach dem Schutzpatron unserer Pilgerfahrt, dem heiligen Jakobus d. Älteren. Einmal fand ich ihn geschnitzt über einem der Beichtstühle (jeder der Beichtstühle ist mit einem Apostel verziert) und einen Pilger, von dem ich nicht identifizieren konnte, wohin er pilgert, fand ich in dem grossen Gemälde im Mittelschiff.
 
Draussen, auf einer Bank vor dem Pfarrhaus, in dem sich das kleine Dominikaner-Konvent befindet, machte ich es mir gemütlich, um auf Gabi zu warten. Ausserdem wollte ich ja auch noch meinen Pilgerstempel der letzten Etappe – traute mich aber nicht, während der Mittagszeit zu klingeln. Die schweren Wanderschuhe habe ich gegen die leichteren Strassenschuhe getauscht und mehr als 1 1/2 Stunden gedöst, gebetet, den Gedanken nachgehangen. Den Kreuzweg im ehemaligen Klostergarten bin ich wohl fünf Mal abgeschritten, jedes Mal mit einem anderen Anliegen.
 
Den Stempel habe ich bekommen, von einem sehr freundlichen, ständig lächelnden Pater?, Bruder?, vom Diakon? Aber das ist ja auch egal – Hauptsache Stempel. Den Patres, die dann im Laufe des Nachmittages aus dem Konvent kamen und zu Fuss oder im Auto weggingen und -fuhren war ich aber wohl sehr suspekt. Während sie misstrauisch meine Siebensachen begutachteten (war wirklich ein seltsamer Anblick, die dreckigen Wanderschuhe vor der Bank, den grossen Rucksack, meine Jacke und die Stöcke auf der Bank oder auf der Mauer dahinter), bemühten sie sich eifrig beim Passieren, mich nicht anzuschauen – als ob sie Angst hatten, dass sie sich mit mir unterhalten müssten. Gott, ein freundliches "Guten Tag" hätte doch genügt – an einem Gespräch über Totus tuus (das wären doch die richtigen Gesprächspartner gewesen, oder etwa nicht?) oder Nikolaus von Kues wäre ich durchaus interessiert gewesen, aber aufzwingen wollte ich das niemandem. Ich erwarte von den Vertretern von Mutter Kirche auch ein wenig "Zugehen" auf den anderen. Naja, wer weiss, vielleicht hatte sich im Konvent das Gerücht breit gemacht: "Da draussen sitzt ein Penner, besser wir sprechen ihn nicht an, dann kann er auch nicht nach irgendetwas fragen!"
 
Meine 4 Tage endeten dann zusammen mit Gabi in Bernkastel-Kues in einem Cafe. Das riesige Stück Käsekuchen wäre frisch eine Wonne gewesen, mühsam in der Mikrowelle aufgetaut aber legte es aber leider keine grosse Ehre ein. Ich wäre gerne noch einmal hochgefahren, zur Burg Landshut und zur Jugendherberge und hätte dort den Kaffee getrunken. Aber der Weg war durch den Fastnachtsumzug versperrt.
 
Vier intensive, ereignisreiche Pilgertage gingen zu Ende. Was wird der Weg mir sonst noch bringen?
 
Erkenntnisse des Tages
 
dies ist ein Pilgerweg und keine Flucht
es gibt keine positive Aussage über Gott