Die Jugendherberge in Bernkastel-Kues hatte ich ja eigentlich schon gestern abend abgesagt – aber heute morgen war mir einfach nicht nach pilgern. Ausserdem war es hier wunderschön – Traben-Trarbach ist durchaus einen längeren Abstecher wert. Aber hierbleiben war auch nicht drin – die Herberge erwartete 160 Gäste übers Karnevalswochenende – eine Gruppe, die schon seit Jahren gerade hier in Traben-Trarbach dem Karnevals-Trubel entgehen will (ich wünsch‘ es ihnen ja, aber kann man das an der Mosel wirklich?).
 
Also bat ich, doch noch einmal in Bernkastel-Kues anzurufen, ob die ein Bett für mich haben. Acht Kilometer schienen mir machbar, plus die zwei von der Jugendherberge bis hinüber nach Traben.
 
Bei aller Freude über den herrlichen Tag, ging es mir ganz schön beschissen. Der Rucksack drückte gewaltig, mein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule, der mir schon seit Jahren Schmerzen bereitet, jubelte den ganzen Tag munter vor sich hin. Der Vorfall drückt auf einen Nerv, der den rechten Arm und die ersten drei Finger bedient – den spürte ich schon ab mittags nicht mehr. Und solche Schmerzen drücken ganz schön aufs Gemüt, da kann auch die Sonne nur wenig aufhellen. Ich habe viel über meine körperliche Verfassung als 50jähriger nachgedacht (gar nicht so schlecht, oder?), über meine Beziehung zu Gabi (ich liebe sie immer noch wie am ersten Tag, nein, eigentlich noch mehr) und über vieles andere.
 
Nun wollte ich die kurze Strecke nach Bernkastel-Kues nutzen, um weiter meinen Gedanken nachzuhängen und natürlich auch, um meine Batterien wieder aufzuladen. Hat geklappt. Mit beiden Vorsätzen bin ich ein gutes Stück weitergekommen.
 
Die Jugendherberge liegt in Trarbach, Richtung Mont Royal. Der Weg nach Bernkastel-Kues über den Berg beginnt am Alten Gymnasium in Traben. Wurschtelt oder fragt Euch durch, so weit ist es gar nicht.
 
Nur der Weg verscheissert einen ganz schön. Gleich hinterm Gymnasium steht an der Strasse ein Schild "30% Steigung" – als ahnungsloser Pilger dachte ich, dann kann es ja nicht so lange dauern, bis ich oben bin. Die 30% waren wirklich nicht so lang, ein paar hundert Meter vielleicht. Aber dann ging die Steigung um die Hälfte zurück und hörte überhaupt nicht mehr auf. Furchtbar, da kann man doch den Wanderer drauf aufmerksam machen, oder?
 
Auf jeden Fall hat mich das ganz schön geschafft. Die alten Hohlwege, parallel laufend, zeigten an, dass dies aber schon seit ein paar Jahrhunderten so ist und ich bestimmt nicht der erste war, der sich hier die Lunge aus dem Hals gekeucht hat.
 
Und dann stehe ich plötzlich oben und vor mir geht der Weg wieder nach unten. Das war eine Belohnung wert und ich studierte in Ruhe die Informationen, die es hier oben am Rastplatz gab. Graacher Schanzen, Wolfer Schanzen – hier oben hat der Bär der Geschichte getobt. Alles so um 1794, als die Franzosen auf die Idee kamen, die glorreichen Errungenschaften ihrer Revolution in die Welt hinaus zu tragen. War das nun wirklich der Drang nach Missionierung? Oder vielleicht doch nur der Rückfall in den Imperialismus des Kaisertums? Die Historiker werden die Antwort wissen.
 
Auf jeden Fall waren die Schanzen, die Laufgräben, Geschützstellungen und Bollwerke hier oben zum Aufhalten der Franzosen begonnen worden. Hat aber nicht geklappt, denn auch für die Schanzen benötigten die Verteidiger Soldaten, und an denen mangelte es denn doch gewaltig. Also hörten die Preussen mit dem Bau auf und verzogen sich klammheimlich. Die Franzosen konnten schalten und walten wie sie wollten. Bis die Preussen und Österreicher wieder ein paar Soldaten zum Dienst gepresst hatten. Da ging es dann den Franzosen an den Kragen – und die hatten nichts besseres zu tun, als die Arbeit an den Schanzen wieder aufzunehmen. Hat aber auch denen nicht viel gebracht, denn schlussendlich musten die Franzosen das Feld räumen und den vereinigten preussischen Österreichern 1815 im Wiener Kongress alles das wieder zurückgeben, was sie sich vorher in ihrem Missionierungswahn angeeignet hatten. Erwähnt sei nun noch, dass weder die Preussen, noch die Österreicher, noch die Franzosen selbst auch nur einen Finger gekrümmt hatten. Die Winzer und Bauern der Umgebung waren die Leidtragenden: sie mussten nicht nur das Material, sondern auch noch ihre Arbeitskraft für dieses sinnlose Unterfangen liefern.
 
Kurz und gut, hier oben auf der Graacher Höhe sind militärische Festungswerke erbaut worden, an denen höchstens einmal aus Versehen geschossen wurde, oder aber um mit einem Stück Wild die Mahlzeit zu verfeinern. Das ganze Unterfangen war schlichtweg sinnlos – und eigentlich sollte die Geschichte dieser riesigen Schanzwerke über einen ganzen Höhenzug in jeder Militärakademie ausführlich gelehrt werden. Vielleicht fliesst dann weniger Geld in sinnlose Rüstung.
 
Trotz meiner kritischen Haltung bin ich aber der Letzte, der sich Denkmälern widersetzen könnte – also bin ich, schon fast einen Kilometer weit nach unten gepilgert, dann doch wieder umgedreht. Was soll’s? Ich habe doch Zeit genug. Das schaue ich mir noch an.
 
Ich habe versucht, den grandiosen Anblick mit der Kamera einzufangen – ging leider nicht, schade. Der Zahn der Zeit hat Bäume und Gestrüpp wachsen lassen, hat Wälle verflachen und Geschützstellungen fast unsichtbar gemacht. Aber das Umherstreifen war ein wirkliches Erlebnis für mich. Es hört sich blöd an, aber stellenweise habe ich die Planer an ihren Tischen und die Bauern mit ihren Spaten, Pferdefuhrwerken und laut schimpfend sehen können. Wirklich, kein Flachs, es war ein Erlebnis.
 
Dann aber doch zurück auf den Weg und hinunter nach Bernkastel. Die Mosel war in ihrer Geschichte bestimmt keine arme Gegend. Gerade die letzten 200 Jahre haben überall prächtige Villen und Bauten entstehen lassen. Und schon der Weg durch die Bernkasteler Weinberge zeigt viel von der prächtigen Vergangenheit Bernkastel-Kues.
 
Das letzte erhaltene Stadttor ist das Graacher Tor, oben mit dem St. Michael. Und die Altstadt lässt einen schon staunen. Ein sorgfältig restaurierter Fachwerkbau neben dem anderen. Burg Landshut thront über dem Ort und bietet einen überwältigenden Ausblick auf Kues, auf der anderen Moselseite. Ich kam aus dem links und rechts schauen nicht mehr heraus.
 
Schnell noch in eine Buchhandlung, um die nächste Anschlusskarte zu kaufen (die gibt es nicht wirklich, die GeoMap-Karte reicht auch nur bis Schweich, ist aber übersichtlicher, als die Topographische Karte vom Landesvermessungsamt) und nach dem Weg zur Jugendherberge fragen. "Sind Sie Jakobs-Pilger?" Natürlich ist das leicht an der Jakbosmuschel am Rucksack zu erkennen, aber gefreut habe ich mich trotzdem.
 
Und dann weiter durch die Altstadt, an der Hospitalkirche vorbei, hinauf zur Burg. In der Hospitalkirche habe ich noch viel Zeit verbracht. Ich habe Danke gesagt für die vergangenen zwei Tage und um Segen für den weiteren Weg gebeten.
 
Dann geht es noch am Wasserfall vorbei, den habe ich aber nicht gefunden. Vielleicht habe ich zuviel erwartet? Also da, wo ich an dem Bach entlang gegangen bin, gab es keinen. Nur ein Schild, auf dem Wasserfall stand.
 
Bei Maria Hilf, einer Kapelle, führt der Weg auf die Strasse zur Burg. Totus tuus – der Wahlspruch von Johannes Paul II. – steht auf dem Sockel des Marienbildes. Das wurde zum Motto des ruhigen Nachmittages, den ich in der traumhaften, rund 100 Jahre alten Jugendherberge, oberhalb der Burg verbracht habe. Hier konnte ich meine Batterien so richtig wieder aufladen.
 
Totus tuus – ich möchte das auch gerne sagen können. Denn das bedeutet ja auch sich fallenlassen, einfach die Verantwortung abzugeben an jemanden anderen. Aber für diesen "anderen" auch alles zu tun, für ihn dazusein. Kann ich das? Kann das überhaupt ein Mensch? Totus tuus – mit diesem Thema bin ich noch lange nicht fertig. Vielleicht wird mich das Motto auf dem ganzen weiteren Weg begleiten. Mal sehen.
 
Wirkliche Herzlichkeit bekam ich in der Jugendherberge zu spüren. Traben-Trarbach ist ein 70er Jahre Bau, viel Beton, viel Kälte, aufgelockert durch ein paar Bilder. Selbst die Zimmer sind so kalt, wie der Beton von aussen. Sogar die Bettwäsche war nullachtfunfzehn. Nicht, dass ich den Luxus des riesigen Badezimmers in Traben-Trarbach nicht genossen hätte. Nicht, dass ich mich in Traben-Trarbach nicht heimisch gefühlt hätte. Aber hier in Bernkastel war alles so anders. Schon das Haus hat Atmosphäre, später in der Nacht hat es sogar mit mir gesprochen. Die Duschen und die WCs sind auf dem Flur, die Zimmer sind enger – aber die Freundlichkeit fing schon mit dem gemachten Bett, der lustig rot-weiss karierten Bettwäsche und dem kleinen Betthupferl an. Kuchen war keiner da, also wurde die Keksdose geplündert. Rund 1 km über der Stadt ist natürlich kein Zigarettenautomat, also erhielt ich die letzten 3 Zigaretten aus der Notration. Ein dickes Lob und ein herzliches Dankeschön an das Team.
 
Zum Abendessen gab es Frikadellen, Kartoffelpüree und Blumenkohl- und Brokkoli-Gemüse, ein Mähdrescher hätte mir kaum Konkurrenz machen können. Einen Roten aus der Gegend hatten sie nicht, aber dafür einen Spitzenriesling. Herr, was habe ich verbrochen, dass es mir so gut geht?
 
Erkennnis des Tages
 
Totus tuus!?????????????