Ein wunderschöner Tag mit viel Sonne war vom Wetterdienst angesagt – und was kam? Ein wunderschöner Tag mit viel Sonne! Dieser Tag hat wirklich für den Mittwoch entschädigt. Der liebe Gott hat "Zuckerbrot und Peitsche" für mich parat – Mittwoch die Peitsche, heute das Zuckerbrot.
 
Der Tag begann mit einem opulenten, reichlichen Frühstück – und ich habe, nachdem ich gestern ohne Abendessen ins Bett bin (ja, wenn ER straft, dann straft ER richtig), auch reichlich zugelangt. Frau Saxler hat schon grosse Augen gemacht, was zum Schluss noch auf dem Frühstückstisch übrig war – nämlich so gut wie nichts. Sie möge es mir verzeihen – aber schliesslich war es ihr Herr Gemahl, der dafür sorgte, dass die äussere Kälte am Vorabend mit innerer Wärme ausgeglichen wurde.
 
Die Saxlers sind übrigends Eifeler, sprachlich schon fast Kölner. Dat tat jut, mal wieder richtig rheinische Tön zu hören. Ich bin ja in Neuss aufgewachsen und deshalb dem rheinischen Frohsinn gar nicht so abgeneigt. Herbert Saxler ist, was den rheinischen Frohsinn angeht, auch ein ganz besonderes Exemplar. Der hat sich zweimal angestellt, als der liebe Gott den Humor verteilt hat. Leider habe ich ja auch norddeutsches Blut in den Adern und konnte mir noch nie Witze merken. Von seinen habe ich einige behalten – die hier wiederzugeben, verbietet aber der gute Ton 🙂 "Leeve Jung, bleev hier, hüt an Weiberfastnacht jeht dat erste Bier uf mich!"
 
Aber beide haben sich rührend um mich gekümmert. Herr Saxler beschrieb mir genau den Weg, den ich hinauf auf die Hunsrück-Höhen zu gehen hatte. Nur als ich fragte: "Ist Bernkastel-Kues heute noch machbar?" hat er sich vertan, denn mein Etappenziel habe ich deutlich verfehlt. Mit steckte halt der Mittwoch in den Knochen.
 
Schnell hat er mir noch einen Leserbrief-Entwurf über sein Lieblingsthema "Wegmarkierungen" vorgelesen und liess mich nicht gehen, ohne mir noch eine zusätzliche Wanderkarte fürs Zeller Land in die Hand zu drücken. Also wenn die Pension Notenau nicht unser selbst gesetztes Budget von deutlich unter 50 Euro für zwei Personen sprengen würde, wäre das Haus die ERSTE Empfehlung, die wir für Zell abgeben würden. Aber versucht es doch einmal. Vielleicht sind die Saxlers ja bei Vorlage des Pilgerpasses bereit, mit dem Preis ein wenig herunterzugehen.
 
Auch meiner Bitte nach Infos und Fotos für den geplanten Mosel-Pilgerführer sind die Saxlers prompt nachgekommen. Gestern, als ich nach Hause kam, fand ich schon die eMail vom Fremdenverkehrsverein Zeller Land mit Fotos und auch eine nette Einladung zum Wandern im Zeller Land von den Saxlers. Toll, Gabi freut sich aufs Hinkommen, ich freue mich aufs Wiederkommen.
 
Eigentlich führt der Moselhöhenweg an Notenau vorbei und erst ca. 1.000 m weiter hinauf. Herbert Saxler empfahl mir einen anderen Weg, und die Empfehlung gebe ich gerne weiter. Durch Notenau, am Ende des Stadtteils rechts hinauf zur Wassertretanlage und dann immer weiter der Beschilderung zur Schönen Aussicht folgen. Klasse, der Weg ist zwar anstrengend, weil er permanent steil auf die Höhen führt, aber er lässt den Pilger auch die herrliche Aussicht auf Zell im Rücken und die Mosel geniessen. Die Beschilderung ist optimal, ein Verlaufen schier unmöglich. Alle Markierungen sind in sehr gutem Zustand. Hier macht das Laufen Spass.
 
Die verschiedenen Raststellen, angefangen bei der Schönen Aussicht, aber auch später an weiteren Stellen sind gut in Schuss und einladend. Für mich schon fast zu einladend. Immerhin wollte ich noch ein paar Kilometer. Das Wetter war aber auch zu verlockend. Kurz vor dem Bummkopf steht dann noch eine Schutzhütte, an der auch gleich ein Spielplatz zu finden war. Gute Idee – so etwas hätte ich wissen müssen, so vor ca. 15 Jahren, wenn ich mühselig versucht habe, meine Kidz mal vor die Tür zu bringen.
 
Am Bummkopf ist dann der Anstieg vorbei, etwas mehr als die Hälfte nach Enkirch geschafft, und es geht hinunter nach Enkirch.
 
Soviel Schlechtes ich in Beilstein und Merl erlebt hatte, soviel Gutes erlebte ich dann wie oben beschrieben in Zell und jetzt auch in Enkirch. Gleich, wen ich nach dem Weg fragte, ich bekam freundlich den Weg gezeigt. Besonders nett die Eigentümerin des örtlichen "Tante-Emma-Ladens" (nicht abfällig gemeint), die -selber Wanderin- mir genau den Weg beschrieb. Und dann fragte ich noch, wie es von Traben-Trarbach nach Bernkastel-Kues weiterging, und prompt erschien wie aus dem Nichts eine Mitarbeiterin des Geschäftes, in Traben wohnend, und erklärte mir den Einstieg in den Moselhöhenweg in Traben-Trarbach. Toll. So konnte es weitergehen – und das tat es auch!!!!
 
Auf jeden Fall bin ich von Enkirch wieder auf die Höhen geklettert. Und hier, zwischen Enkirch und Starkenburg, macht der Moselhöhenweg seinem Namen so richtig Ehre. Es geht wirklich kilometerweit auf einem Grat, oberhalb der Weinlagen, mit freiem Blick auf die Mosel und in die Eifel hinein. Wunderschön. Und bei diesem herrlichen Wetter hätte es stundenlang so weitergehen können. Jede zweite Bank nutzte ich zum Geniessen. Wenn Ihr Euch für einen Weg auf der Eifelseite entschieden habt, dann solltet Ihr für die Strecke Zell nach Traben-Trarbach die Moselseite wechseln. Nur für dieses Stück Enkirch-Starkenburg.
 
Starkenburg hat einen starken Internet-Auftritt. Egal, was Ihr sucht, Starkenburg ist immer mit ein paar Seiten dabei. Aber wirklich interessantes habe ich nicht entdecken können. Wenn ich mich recht erinnere, hat hier eine Sponheimerin einen Trierer Fürstbischof gefangen gehalten und erst auf Vermittlung des böhmischen Königs gegen Zahlung eines horrenden Lösegeldes wieder freigelassen.
 
Achso, eine besondere Attraktion hat der Ort: hier, rund 300 m über der Mosel, finden Sie in ca. 2 m Höhe an einer Hauswand eine Plakette, die den Hochwasserstand anzeigt. Auch nicht schlecht – und eine verdammt gute Idee.
 
In Starkenburg verliessen mich die Kräfte – der Vortag steckte mir noch in den Knochen. Kurze SMS an Gabi "Kannst Du mal schauen, wann ein Bus nach Bernkastel-Kues fährt?" dort hatte ich nämlich die Jugendherberge gebucht. Kurze Zeit später hatte ich dann die Antwort: "16:45 – 18:43 – 3 x umsteigen". Für den Rest des Weges über die Grevenburg hinunter nach Traben-Trarbach hatte ich dann etwas zum Nachdenken. Sollte ich mir tatsächlich für eine Jugendherbergs-Übernachtung eine zweistündige Busfahrt antun?
 
Liebe Verantwortlichen des VRM: besser gar keine Infos als diese Teilinfos, die Sie in Ihrer Internet-Datenbank anbieten. Das kann’s doch nicht sein, oder? Es gibt Leute, die verlassen sich auf Ihre Infos und stehen dann dumm da. Bei Ihnen gibt es auch kein Klausen. Und was wir vorher abgefragt hatten, war auch nur halbinformativ (gibt es das Wort?). Aber da kommen wir nach den Etappen am Montag und Dienstag zu.
 
Ich also über die Grevenburg (ich weiss, im Fotoalbum falsch geschrieben) bis hinunter in den Ort, über die Brücke und zum Bahnhof. Fahrplan: 16:05 – 16:18 usw. Direkte Verbindung von Tarben-Trarbach zum Busbahnhof in Bernkastel-Kues. Jetzt wurde ich auch wieder an Karneval erinnert – schliesslich war heute Altweiberfastnacht, nach Rosenmontag der höchste Feiertag im Rheinland.
 
Am Busbahnhof habe ich mich erstmal hingesetzt und auf den Bus gewartet. Als aber der Akku wieder einigermassen aufgeladen war, entdeckte ich die Touristen-Info und ging mit Sack und Pack dort hinüber. So kurz vor Feierabend wollte ich eigentlich nicht lange stören, aber die lustige Kostümierung der Mitarbeiterinnen reizte schon zum Lachen und zum längeren Plausch. Der Stadtrat diskutiert seit längerem darüber, wie der skandinavische Fremdenverkehrsmarkt besser zu bearbeiten sei. Hier in der Touristeninfo hat man gleich Nägel mit Köpfen gemacht. Eine riesige schwedische Fahne hing über den Prospektständern und hiess alle Schweden in Traben-Trarbach willkommen. Den Vogel schossen aber die Mitarbeiterinnen ab, die sich alle als Pippi Langstrumpf kostümiert hatten. Mit roten Haaren und Sommersprossen – dem Original aufs Haar gleichend. Eine tolle Idee.
 
"Es gibt bei Euch wohl keine Jugendherberge, oder?" "Aber doch, natürlich, eine sehr schöne sogar!" informierte mich eine nette Dame mit einem spitzbübischen Pippi Langstrumpf Grinsen, griff dann zum Telefonhörer und fragte nach, ob es noch ein Zimmer für mich gab. Gab es!!!! Wir ahben dann noch einge Zeit über die Entfernung verhandelt, ernsthaft! Ich sagte: "Bei mehr als einem Kilometer setze ich mich in den Bus nach Bernkastel!" und wir einigten uns dann darauf, dass ich bei Kilometer 1 umdrehe und dann zur Jugendherberge getragen würde. Solche Verhandlungen kann man aber auch nur im Rheinland an Altweiberfastnacht führen!
 
Jugendherberge, 1,5 l Lift innerhalb von 5 Minuten hinuntergeschluckt, Vierbettzimmer Dusche/WC zur Einzelbelegung, neben einer Familie wohl der einzige Gast im Haus, abends noch eine recht gute Tiefkühlpizza und einen passablen Roten aus der Gegend, ins Bett und geschlafen. Das war der Tag, nicht mehr und nicht weniger.
 
Erkenntnis des Tages
 
Nach Regen kommt immer auch Sonnenschein