Zunächst einmal: wir sind angekommen. Zum ersten Mal im Leben 26 km am Stück gelaufen, ständig auf und ab, wir haben dem Eisregen getrotzt und sind gesund nach rund 8 Stunden wieder zu Hause angelangt. Wir wissen jetzt: 26 km am Tag sind möglich – und planen die nächste Etappe Villmar – Dietz schon für die nächste Woche.
Nur … mit Pilgern auf dem Jakobsweg hatte die ganze Sache noch nichts zu tun!!!!
Aber lasst mich einmal beschreiben, wie der Tag und die Strecke gelaufen ist (oder gelaufen wurde?):
Zunächst einmal haben wir verschlafen. Statt, wie geplant, um 6 Uhr aufzustehen und mit viel Ruhe zu frühstücken und die Sachen zu packen, bin ich von Gabi erst um 10 nach 7 geweckt worden und dann aus dem Bett gesprungen. Wir hatten ja nun keine Ahnung, wie lange wir brauchen werden und wollten rechtzeitig um 8 Uhr losgehen. Gabi hat es noch geschafft, zu frühstücken, ich habe mich mit 2 Kaffee begnügt. Duschen, anziehen, Füsse eincremen – um 8:30 Uhr ging es dann wirklich los.
Die ersten 1.000 Meter kannte ich von Hundespaziergängen der letzten Monate und wusste, dass uns gleich ein Anstieg erwartete. Da half uns aber der gefrorene Boden; abgesehen davon, dass es bergauf ging, war dieser Anstieg kein Problem. Die „Probleme“ kamen erst später.
Wir waren auf jeden Fall gut motiviert, schritten munter voraus. Bis mich dann Gabi mal fragte: „Was ist das denn da unten?“ Kurzer Blick und dann: „Die Gunthersau, das ist das Arnold-Werk, wir laufen jetzt bis Freienfels oberhalb des Weiltalradweges.“ „Und warum,“ fragte dann Gabi, „sind wir jetzt ca. 1 Stunde unterwegs, wenn wir das auch in 10 Minuten geschafft haben könnten?“ Berechtigte Frage, ich habe besser den Mund gehalten.
Im Sommer mag diese Streckenführung durchaus ihre Berechtigung haben, denn wenn wir auch den ganzen Tag nur einer Familie begegnet sind, die einen Spaziergang machten, so wird doch in der Hauptpilgerzeit zwischen April und Oktober der Fussgänger- und Fahrrad-Verkehr schon ganz schön heftig sein. Hier ein Tipp für fusslahme Pilger, die von Wetzlar oder Marburg oder gar von Erfurt kommen:
Die kürzeste Strecke von Weilburg nach Villmar läuft landschaftlich wunderschön gelegen auf dem Leinpfad an der Lahn entlang. Ohne Steigungen (abgesehen von der Strecke Aumenau nach Villmar, da geht es dann steil bergan auf eine viel befahrene Landstrasse, ca. 3 km) und ohne Hindernisse. Einfach dem Radwanderweg folgen – bis März ist auf dieser Strecke nicht viel Verkehr.
Und die ersten Kilometer mit den heftigen Anstiegen von Weilburg nach Freienfels könnt Ihr auf dem Weilwanderweg abkürzen, die leichte Steigung ist kein Problem und kurz vor Freienfels kommt der Lahn-Camino auch wieder für ein paar hundert Meter auf den gut ausgebauten Fahrradweg zurück.
Dies werden übrigends wohl die einzigen Abkürzungstipps bleiben, denn hinter Villmar waren wir, zumindest zu Fuß, auch noch nicht.
Für ein zweites Frühstück oder eine kurze Pause bietet sich der alte Bahnhof in Freienfels an. Dieses Lokal mit Biergarten ist eigentlich eher zufällig entstanden. Die Besitzer haben zunächst den Garten für die Radler geöffnet und daraus entwickelte sich ein nettes Lokal. Jetzt im Winter haben sie geschlossen, aber wenn die Fahrradsaison wieder losgeht, lässt man es sich hier gutgehen.
Der Weg läuft dann zur Burgruine Freienfels hinauf und dort direkt am grossen Tor vorbei. Ein Tipp: klettern Sie ruhig noch auf den Turm, ein wunderbarer Ausblick auf das Weiltal und darüber hinaus ist wirklich ist wirklich lohnenswert.
Von Freienfels geht es weiter nach Weinbach – hier haben wir im Supermarkt noch ein wenig Verpflegung für unterwegs eingekauft. Schliesslich brauchte ich noch ein Frühstück – und ein paar Getränke wollten wir auch noch mitnehmen.
Durch einen Teil von Weinbach hindurch führt der Weg dann „endlich“ wieder nach oben. Das führte dann zu meiner Frage: „Warum müssen Ortschaften immer im Tal liegen? Zuerst läuft man runter und weiss doch ganz genau, gleich geht es wieder hoch!“ Aber die Strecke mitten durch den Wald nach Elkerhausen entschädigt dann auch für die Anstrengungen.
In Elkerhausen solltet Ihr noch einen kurzen Abstecher zur Burg machen. Die Sammlung zeitgenössischer Kunst von Herrn Krupp und seiner Tochter ist weit über die Grenzen bekannt. Die Galerie ist i.d.R. nicht geöffnet, aber „klopfet und es wird Euch aufgetan“ (O-Ton Frau Dr. Krupp).
In Elkerhausen ist die Streckenführung des Lahn-Camino nicht ganz eindeutig. Unten an der Hauptstrasse wendet Euch nach links Richtung Blessenbach und biegt dann rechts Richtung Klein Weinbach ein (Abstecher zur Pilzzucht Noll mit einer Art Straußenwirtschaft im Sommer), gleich nach 50 m geht der Weg rechts über eine Wiese weiter. Interessant am Ende des Anstiegs, dort, wo es wieder auf einen Weg geht, eine moderne Skulptur „Die eiserne Hand“, welche die Himmelsrichtungen für Blessenbach, Runkel, Weilburg, Bad Camberg und Mainz angibt.
Hier führt der Weg nach Langhecke mit dem Hotel Zum Grünen Wald. Wenn auch der Name nicht unbedingt einfallsreich ist, so bietet sich das Restaurant für eine Mittagspause mit einem gutbürgerlichen Tagesgericht oder, wie jetzt im Winter, mit einer heissen Tasse Kakao geradezu an. Leider war es gestern geschlossen – und so haben wir unsere Pause im Wald auf Baumstämmen sitzend im Regen verbracht.
Ein Trost für alle geschwächten Wanderer: der Anstieg von Langhecke nach Villmar ist die letzte grosse Steigung, auch wenn noch ein gutes Stück Weg zurückzulegen ist.
Mittlerweile entwickelte sich der Schauer zu einem ausgewachsenen Regen und unsere Jacken waren bald durchnässt. Aber jetzt umzukehren: Nein. Auch unsere Wehwehchen wurden langsam lästig und unsere Hochachtung vor Wanderern und Pilgern wuchs ins Unermessliche. Diese Tortur täglich, über mehrere Wochen? Aber eine Erkenntnis kam zumindest mir: nach dieser Quälerei kann ich nur entweder ganz aufhören, oder möglichst schnell weitermachen. Diese Art der Fortbewegung ertrage ich höchstens für 4 Wochen immer mal wieder – dann muss ich so fit sein, dass es nicht mehr wehtut.
In Villmar kommt der Lahn-Camino am Galgenberg aus dem Wald. Eine Schutzhütte und mehrere Bänke laden zur Rast, bevor es auf den unangenehmsten Teil des Weges geht. Von hier bis nach Villmar zum Bahnhof geht es nur bergab. Ausserdem ist der Landwirtschaftsweg asphaltiert. Nach den Strapazen der vergangenen Stunden noch einmal der Höhepunkt und spätestens jetzt wissen wir, dass eine Steigung zwar die Luft knapp werden lässt, ein Gefälle jedoch richtig wehtut. Naja, eine von vielen Erfahrungen.
Obwohl wir geplant hatten, uns irgendwo in Villmar niederzulassen und auf den nächsten Zug zu warten (Achtung: der Bahnhof ist nicht gerade anheimelnd und weit und breit keine Gaststätte oder Cafe), waren wir dann doch auf der Marmorbrücke und haben 6 Minuten später den nächsten Zug zurück nach Weilburg erwischt. Nach fast exakt 7 Stunden Wanderung (mit kurzen Pausen, sonst wäre uns zu kalt geworden). Gott sei Dank. Der kurze Weg vom Bahnhof nach Hause hat uns nach der Sitzerei im Zug noch einmal gequält.
Meine Erkenntnisse vom gestrigen Tag (für Gabi kann ich nicht sprechen, die will heute vom Wandern nichts mehr hören):
1. meine Füße tragen mich 26 km an einem Stück!
2. ich muss schnell weitermachen oder ganz aufhören!
3. solange der Körper nicht fit ist, brauche ich über meine Suche nicht nachzudenken!
Das wars schon. Und jetzt lege ich mich auf die Coach und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein.
Achso, wenn sich tatsächlich jemand in diesen Blog verirren sollte und Lust verspürt, einfach einmal eine Etappe mitzulaufen, schreibt mir eine eMail oder ruft mich an (06471-506088), Gabi und ich würden uns über Begleitung freuen. Voraussetzung für die nächsten Wochen: unfit, unerfahren und keine Angst vor grossen Hunden! Bis dann!